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Dienstag, 9. März 2010

Catch a Falling Star

Sundown:

Der Vorteil an einer so actionlastigen Folge wie „Sundown“ ist für mich, dass es weniger zu analysieren gibt. Wobei weniger im Falle von „Lost“ immer noch eine Menge ist. Also auf geht’s. Da die Flash Sideways wenig mit der aktuellen Inselhandlung zu tun haben (bis auf eine sehr wichtige Schnittstelle, die wir uns ganz genau ansehen werden), behandeln wir sie mal kurz vorab. Sehr viel gibt es dazu letztlich auch nicht zu sagen, denn es zeigt sich, dass in der anderen Zeitlinie alles irgendwie anders, aber doch beim Alten geblieben ist, denn obwohl Sayids inselfreies Dasein auf den ersten Blick die gewaltigsten Unterschiede zur ursprünglichen Zeitlinie aufweist, wenn man es mit Kate, Jack, Hurley, John oder Claire vergleicht, stellt man bei genauerem Hinsehen fest, dass sich hier letztlich überhaupt nichts geändert hat. Sayid hat Nadia auch in dieser Zeitlinie nicht, weil er glaubt, sie nicht zu verdienen. Omer ist noch immer darauf angewiesen, dass sein hartgesottener Bruder ihm Probleme aus der Welt schafft. Sayid selbst ist ebenso wie in der Crash-Timeline bemüht sein wahres Naturell zu verleugnen. Na ja, und Martin Keamy ist und bleibt ein riesengroßes ******** (dieses Wort darf erst nach 22Uhr geschrieben werden). Einzig überraschend war der Koreaner im Kühlschrank und Keamys Kochkünste, die der Szene im Lokal so einen leichten Hauch vom ersten Auftritt von Linderman bei „Heroes“ geben. Mehr gibt es hier tatsächlich nicht zu sagen, würde ich mal sagen. Daher gehen wir nun gutgelaunt auf die Insel, wo sich ein Unwetter (in Form einer verdammt übelgelaunten, bisweilen glatzköpfigen, Gewitterfront) zusammenbraut.

Vor dem Tempel warten „Samuel“/MiB/der falsche Locke/The Antagonist formaly known as The Smoke Monster und Claire auf besseres Wetter (nein, da ist und war nicht der letzte Gewitterwolken-Witz dieser Review). Da „Samuel“ immer noch Probleme mit Asche und – wie wir später erfahren – Dogens Präsenz hat, schickt er Claire vor, um seine Nachricht zu überbringen. Claire weist „Samuel“ nachdrücklich daraufhin, dass er ihr versprochen hat, sie werde ihren Sohn zurückbekommen, wenn sie da nun reingehe (wir kommen später noch einmal darauf zurück). Dass Claire noch viel Gutes in sich hat, zeigt ihre Sorge um die Menschen im Tempel, denn trotz ihres Zorns und ihres Hasses fragt sie, ob „Samuel“ die Menschen im Tempel töten werde und er erwidert: „Only the ones who won't listen.“ („Nur jene, die nicht zuhören wollen.“)

Im Tempel hat derweil Sayid Dogen zu Rede gestellt und wurde von ihm dann quer durch dessen Büro geprügelt und es ist schon schön zu sehen, dass es auch für Sayid noch jemanden gibt, der ihm die Fresse polieren kann. Doch obwohl er es einst wollte, tötet Dogen Sayid nicht und verbannt ihn stattdessen. Vielleicht durfte er Sayid auch nicht töten, weil der noch immer ein Kandidat ist. Viel interessanter ist aber der Dialog, der dieser radikalen Renovierungsorgie im Tempel vorangeht: Dogen erwähnt hier etwas, das uns durchaus bekannt vorkommt. Er spricht davon, dass sich in der Seele jedes Menschen eine Waage befindet und auf der einen Seite sei das Gute und auf der anderen das Böse. Die komische Diagnoseapparatur mit den Elektroden und dem glühenden Schürhaken verrät Dogen – so sagt er zumindest – welche Waagschale schwerer ist. Bei Sayid dominiere das Böse. Mein lieber Dogen, das Messergebnis hättest du auch ohne Sayids Bad in der heilenden Brühe erhalten, sofern deine Instrumente noch richtig funktionieren. Wir können es nur mutmaßen, aber vermutlich durchliefen Claire und Ben einen ähnlichen Test – zumindest soweit es Ben betrifft, würde das wieder einmal dafür sprechen wie besonders er ist, da er in Jacobs Namen all diese schrecklichen Dinge tun konnte, ohne dass sich die Waage zur falschen Seite neigt. Er ist vermutlich in der Lage seine Aufträge auszuführen, ohne sich von ihnen vereinnahmen zu lassen.

Woran aber erinnert uns diese Metapher von der Waage? Richtig: die Höhle in der Felswand, zu der MiB Sawyer geführt hat. Wessen Waage ist das? Oder innerhalb von was zeigt sie die Verteilung von Gut und Böse an? Bezieht sie sich nur auf das Kräfteverhältnis zwischen MiB und Jacob? Zeigt sie an, wer auf der Insel einflussreicher ist? Oder geht es hier um etwas weit größeres? So oder so: der „Inside Joke“ wird ein weiteres Stückchen mehr zum „Outside Joke“. Ganz abgesehen von den offenkundigen Analogien, die sowohl die Höhlen-Waage als auch Dogens Schilderung zur Waage der Maat oder der Waage beim Jüngsten Gericht haben, kann man das Bild wirklich auf jede Figur, jede Gruppe in „Lost“ übertragen.

Dass Dogen Sayids Tod für besser hielte, illustriert ferner das Verständnis der Anderen von Gut und Böse: einen Menschen zu töten, der Schaden über die Welt bringen wird, ist kein Verbrechen, sondern gerechtfertigt. Dogen verfolgt eine von Ben schon altbekannte Maxim: Im Zweifelsfall heiligt der Zweck die Mittel – eine Regel, nach der auch Jacob selbst zu handeln scheint, wie Dogens eigene Lebensgeschichte uns im späteren Verlauf der Folge aufzeigt.

Sayid will gerade aufbrechen, als Claire erscheint. Sie übermittelt Dogen die Nachricht, dass „er“ ihn sehen wolle und zwar vor dem Tempel. Da Dogen angeblich derjenige ist, der „Samuel“ draußen hält, wäre es nicht nur für ihn selbst, sondern auch für alle anderen das Ende, wenn er sich dem Mann in Schwarz stellen würde. Claire schlägt Dogen vor, er solle jemanden schicken, den „Samuel“ nicht töten würde: also einen Kandidaten. Kate, James und Jin sind schon länger weg. Jack und Hurley wurden von Jacob in Sicherheit gebracht: bleibt nur Sayid. Wie bei Saruman dem Weißen soll Sayid darauf achten, dass MiB nicht das Wort an ihn richten kann – er muss ihn vorher umbringen. Dogen schickt Sayid also mit einem überdimensionalen japanischen Küchenmesser auf Rauchmonsterjagd. Noch ein paar Worte zu Claires Gespräch mit Dogen und ähnlichen Dialogen im Rest der Folge: es wird weiterhin kategorisch vermieden „Ihn“ beim Namen zu nennen. Sie sprechen von „Ihm“ (kommt euch das auch so bekannt vor?) mal als „an angry man“ („ein verbitterter/zorniger Mann“) oder „a man in the jungle“ („Ein Mann im Dschungel“) und dann sogar als „evil incarnate“ („Inkarnation/Personifizierung des Bösen“). Wie immer also der Name dieser Person lautet, er würde uns etwas verraten. Als Grund dafür gibt es zwei Möglichkeiten: der Name ist uns aus der Serie schon längst bekannt und beim Mann in Schwarz handelt es sich keineswegs um einen Unbekannten. Oder: der Name ist historischen oder mythologischen Ursprungs und jeder findige Fan könnte anhand des Namens ein großes Puzzelstück aufdecken. Ich denke nicht, dass es auf so etwas banales wie „Satan“, „Luzifer“ oder „Tod“ hinauslaufen wird. Und selbst wenn „sein“ Name Samael ist, ist er dies wohl eher symbolisch und nicht im Sinne des realen Erzengels und Dämons. Vielleicht handelt es sich bei dem Mann in Schwarz ja auch um Imhotep. Nein, nicht den Knilch aus „Die Mumie“ und „Die Mumie kehrt zurück“. Ich meine die historische Persönlichkeit: ein Baumeister, Schriftgelehrter, Magier und Ratgeber des Pharaos. Später erlangte Imhotep sogar den Status eines Gottes, was einzigartig in der Geschichte ist, da hier tatsächlich ein Mensch aufgrund seiner Leistungen und nicht etwa seiner Abstammung einen Gottstatus erlangte. Ist aber nur so ein Gedanke.

Dogen erwähnt gegenüber Sayid, dass „er“ eingesperrt gewesen sei und nun da Jacob fort sei, wäre „er“ frei. Viele mögen jetzt an die Hütte und den durchbrochenen Aschekreis denken, doch wäre „Samuel“ in der Hütte gefangen gewesen, wer sollte dann das Rauchmonster in den vorigen Staffeln gewesen sein? Außer der Bannkreis war schon längst zerstört als Oceanic Flug 815 abstürzte. Wahrscheinlicher ist aber wohl, dass Jacob oder jene andere Person, die laut Ilana die Hütte benutzt habe, den Bannkreis zog, um MiB draußen zu halten und die Insel selbst das Gefängnis ist.

Sayid geht also los auf Gewitterwolkenjagd und macht falsch, was man nur falsch machen kann: Er lässt „Samuel“ sprechen. Dann greift er ihn mit dem Dolch an und stellt fest, dass bei dem Mann in Schwarz wohl nicht funktioniert, was bei Jacob funktioniert hat. Dies wäre mal wieder ein Indiz dafür, dass Jacob und „Samuel“ doch nicht so recht vom selben Schlag sind. Der Mann in Schwarz behauptet, Dogen habe Sayid geschickt und ihm diesen Auftrag erteilt, weil er gehofft hätte, MiB würde Sayid dann töten, weil er Sayid schließlich schon einmal von jemandem töten lassen wollte (von Jack). Ich denke: sowohl Dogen als auch der Mann in Schwarz sagen teilweise die Wahrheit, verheimlichen beide aber einen ganz entscheidenden Punkt: Sayid ist ein Kandidat und weder Dogen noch der Mann in Schwarz dürfen ihn töten. Würde einer von ihnen es dennoch tun, hätte er gegen die Regeln verstoßen und der Kampf wäre vorbei. Sowohl Dogen als auch „Samuel“ benutzen Sayid in der Hoffnung, der jeweils andere würde ihn töten oder Sayid würde den Gegner ausschalten – egal wie es ausgeht: man hätte gewonnen. Hier zeigt sich aber, dass der Mann in Schwarz um einiges cleverer ist als Dogen, da er Sayid gewisse Informationen offen legt und so eine Vertrauensbasis schafft. Mich erinnert das Ganze etwas an das Gespräch zwischen Charles und John in Tunesien.

„Samuel“ verspricht Sayid, er könne ihm jeden Wunsch erfüllen, wenn er ihm dafür einen Gefallen täte. Hier möchte ich mal etwas nach vorne springen zu dem, was Dogen Sayid später erzählt. Denn daran zeichnen sich sehr klar die Verhandlungsstrategien und –Muster der beiden Kontrahenten Jacob und „Samuel“ ab. Jacob macht ein konkretes Angebot über die Heilung eines geliebten Menschen (Juliet, Dogen) oder der Person selbst (Ilana). An dieses Angebot knüpft er die Bedingung, dass man ihm auf die Insel folgen und sich in seine Dienste stellen muss. Manche Menschen lenkt er aber auch auf die Insel und versucht sie dann für sich einzuspannen (Oceanic-815-Überlebende, Ben). Auf jeden Fall ist Jacob sehr konkret bei seinen Deals, stellt die Menschen vor eine Wahl und bindet an sein Geschenk ein Opfer. Wie so oft heiligt bei Jacob der Zweck die Mittel, denn die sind offenkundig recht fragwürdig, obgleich sie weder den freien Willen ignorieren noch irgendwelche Luftschlösser sind. „Samuel“ hingegen wäre ein guter Politiker, denn er verspricht erst mal alles mögliche ohne daran mehr zu knüpfen als, dass man die Insel mit ihm verlässt: also genau das Gegenteil von dem, was Jacob tut. Jacob will die Menschen auf die Insel holen, „Samuel“ will sie mit ihnen verlassen. Jacob legt die damit verknüpften Folgen offen, „Samuel“ bleibt selbst in der Erfüllung der Wünsche vage und hält sich wie üblich ein Hintertürchen offen. Und jetzt überlegen wir mal, was sich jeder der Kandidaten wohl wünschen würde, wenn er könnte?

Beginnen wir mit Claire und Sayid, denn von denen wissen wir, was sie sich gewünscht haben: Claire will mit Aaron wieder vereint sein und Sayid möchte Nadia lebendig und wohlauf sehen. Was würde Kate sich wünschen? Freiheit. Hurley? Vermutlich für seine Freunde da zu sein. Auch, wenn er tot ist: John? Ein Leben mit Helen und eine gute Beziehung zu seinem Vater. Jack würde sich wohl wünschen, ein besserer Vater zu sein, als es sein eigener war. Sun und Jin wünschen sich einander. Ben würde sich vermutlich einfach Normalität herbeisehnen und James wahrscheinlich auch. Dogen würde mit seinem Sohn vereint sein wollen. Es ist mittlerweile wohl jedem klar, worauf das hinausläuft. All das ist im Flash-Sideways-Szenario erfüllt. Und mehr noch: Die Insel liegt auf dem Meeresgrund und folglich ist kein Mensch auf ihr mehr am Leben. Es ist also klar, was uns suggeriert werden soll: „Samuel“ hat allen ihre Wünsche erfüllt. Aber sind sie damit glücklicher? Nicht wirklich oder denkt hier wer Sayid würde die wenigen Monate mit Nadia gegen ein Leben ohne sie ernsthaft tauschen wollen? Ist Locke damit besser dran, nie auf der Insel gewesen zu sein und noch immer im Rollstuhl zu sitzen? Würde Ben sein Leben als geschichteunterrichtender Kaffeekocher gegen die erfüllte Existenz in Jacobs Dienst wirklich tauschen wollen? „Samuel“ mag ihnen geben, was sie wollen. Jacob gibt ihnen, was sie brauchen. Außer (und das ist kein so unwahrscheinliches „außer“): Darlton wollen uns mal wieder auf eine falsche Fährte LOCKEn und die LAX-Timeline hat mit Smokeys Versprechen soviel zu tun wie ich mit Synchronschwimmen: NICHTS.

Sayid kehrt zumindest mit seiner Botschaft in den Tempel zurück und wiedereinmal geht es um die Entscheidung. Nehmen die Anderen die rote oder die blaue Kapsel... sorry, falscher Film. Nein, die Wahl, vor die sie der MiB stellt, ist: Bleiben sie bis Sonnenuntergang in den vermeintlich sicheren Tempelmauern oder schließen sie sich Smokey an. Dies ist weniger eine Frage des Gewissens als des Glaubens, denn beides könnte tödlich enden: bleiben sie im Tempel sind sie eigentlich in Sicherheit, doch Smokeys Drohung sagt etwas anderes aus. Verlassen sie den Tempel, weil sie Sayids Botschaft Glauben schenken, könnte sich dies als Falle entpuppen, um alle vor die Tür zu locken und dort kalt zu machen. Tatsache ist: „Samuel“ hat mal wieder die Wahrheit gesagt und aus seiner Sicht tut er das wohl recht häufig. Da Jacob ihn gefangenhielt, sieht er in Jacobs Gefolge vielleicht wirklich auch Gefangene. Wer weiß schon, ob der Mann in Schwarz nicht einst ein ganz ähnliches Angebot von Jacob unterbreitet bekam wie Dogen?

Kate ist derweil zurück im Tempel und verlangt vom Klon des verstorbenen Komponisten, Gitarristen und Mundharmonikaspielers der Beatles, er solle sie zu Claire bringen. Die wohnt nun in einem hübschen, adäquaten Erdloch, was bei mir die Frage aufwirft, wo der Psychokiller mit der Körperlotion steckt. Kate erzählt Claire die Wahrheit über Aarons Verbleib und zum Pech aller Kate-Hasser macht Claire ihre Drohung nicht war... könnte allerdings daran liegen, dass sie in einem Erdloch sitzt und da nicht einmal Kabelfernsehen geschweige denn ihre Axt oder eine Knarre hat. Als Kate klarstellt, sie sei zurückgekommen, um Claire zu retten, erwidert diese, während Kate schon von Lennon weggezerrt wird: „I'm not the one that needs to be rescued, Kate. He's coming, Kate! He's coming and they can't stop him!“ („Ich bin es nicht, die gerettet werden muss, Kate. Er kommt, Kate! Er kommt und sie können nichts dagegen tun!“) Zumindest der erste Teil klingt ähnlich wie das, was Juliet zu Jack nach der Rückkehr gesagt hat.

Sayid bringt das Messer zurück, lässt Dogen seine Geschichte erzählen und was dann folgt ist eine der großartigsten Szenen, die ich je gesehen habe. Sayid tötet Dogen und ebnet so dem Rauchmonster den Weg. Wie eine Naturgewalt fegt es alles im Tempel mit sich fort, tötet alle verbleibenden Anderen. Doch dann jagt eine Überraschung die nächste: Claire sagt Kate, sie solle sich mit ihr in der Grube verstecken und rettet ihr so das Leben, obwohl sie doch vor kurzem noch vorhatte, Kate umzubringen. Plötzlich tauchen Ilana, Sun, Frank und Ben im Tempel auf und ausgerechnet Ben, der wahrlich allen Grund hätte, Sayid den Tod zu wünschen, geht in die Höhle des Löwen zurück, um Sayid zu retten. Ben beweist also einmal mehr, dass seine Waage letztlich richtig ausgerichtet ist. Aber Sayid hat seine Wahl getroffen und zu den Klängen von „Catch a Falling Star“ versammelt sich das Heer des Mannes in Schwarz. Jacob hat nur noch wenige, auf die er zählen kann: Hurley, Jack, Ben, Ilana, Frank, Sun, Miles und vermutlich noch Jin und Richard irgendwo da draußen. Ob Kate aber nun im Gefolge des Man in Black bleibt, steht noch in den Sternen – auch in denen, die fallen, und ein fallender Stern ist doch ein vielsagendes Bild, weshalb ich damit auch schließen möchte.

Mittwoch, 3. März 2010

It's "Sundown" for Jacob's Team - Erste Eindrücke zu "Sundown"

Manche Menschen ändern sich wohl nie. Keamy bleibt in jeder denkbaren Realität ein Arschloch und Sayid ist und bleibt ein Killer. Kate rennt noch immer gerne weg und Ben versucht verzweifelt Leute zu retten, die nicht glauben können, dass er überhaupt wen retten will. Der Mann in Schwarz manipuliert munter weiter und Dogen kommandiert bis zu seinem Tod Leute rum. Desmond bleibt verschwunden und Jacob tot.
Diese Folge war der krasse Gegensatz zu den letzten beiden, in denen es wenig Action und viele Enthüllungen gab. "Sundown" hatte jede Menge Action und war in sich auch sehr spannend, bot dafür aber keine großen Überraschungen oder Enthüllungen... außer vielleicht, dass Kate nun bei "Samuel" gelandet ist und Jacob und "Samuel" sich zwar scheinbar in ihrer Verhandlungstaktik ähneln, aber dennoch andere Erwartungen bzw. Bedingungen an ihr Gefolge richten: Während unser Mann in Schwarz sich echt zum Politiker eignen würde und gerne mit tollen Versprechen um sich wirft, stellt Jacob Bedingungen. Er lässt den Menschen die Wahl, verlangt aber in jedem Fall ein Opfer. Quid pro quo! Das erinnert fast an einen Faustschen Pakt und obgleich dies Jacob in einem schlechteren Licht darstehen lässt, hat der Mann in Schwarz uns heute Nacht mal wieder bewiesen, warum einige in ihm das personifizierte Böse sehen. Da mutet es doch etwas merkwürdig an, dass Jacob selbst sich "Samuel" gegenüber nie so verhalten hat, als halte er Ihn für abgrundtief böse und so kommt doch wieder der Eindruck auf, Jacob erzählt auch viel, wenn der Tag lang ist. Dennoch gehen wir aus dieser Folge mit vorerst klaren Fronten:
Team JACOB: Hurley, Jack, Ben, Ilana, Richard, Frank, Sun, Miles und zwei Wasserleichen.
Team MiB: Claire, James, Sayid, Kate, Cindy, Zach, Emma und ein paar andere Tempel-Flüchtlinge.
Die Review kommt wieder im Laufe der Woche. Bis dahin Namaste!

Montag, 15. Februar 2010

„What Kate Does“ Review zur Inselhandlung bzw. Crash-Timeline

Obwohl die Folge „What Kate Does“ heißt, finde ich gerade das, was Kate tut, mit Abstand am unwichtigsten an dieser Folge. Allenfalls die Frage, warum sie wirklich aus dem Tempel und somit aus einer sicheren Zuflucht flieht, ist noch halbwegs interessant. Geht es da wirklich um James oder Claire? Ich denke, der Hauptgrund, warum Kate von irgendwo abhaut, ist stets der gleiche: sie kann nicht lange an einem Ort bleiben, vor allem dann nicht, wenn es nicht ihre freie Entscheidung ist. Der Tempel kommt ihr wie ein Gefängnis vor, also bricht sie aus. Dass sie und Jin dann ausgerechnet von Aldo begleitet werden, zeugt mal wieder von Darltons Neigung zur Ironie des Schicksals. Kate will nicht im Tempel bleiben, obwohl da gerade jetzt einige richtig spannende Dinge vor sich gehen.

Wer dachte Dr. House ginge mit seinen Patienten sadistisch um, kennt Dogen wohl noch nicht – Zauberasche, Elektroschocks und glühende Schürhaken – was für Diagnoseinstrumente. Eines ist hier auf jeden Fall schon mal sicher: Sayid ist Kassenpatient. Dogen will also rausfinden, ob Sayid infiziert ist. Womit? Vermutlich mit der gleichen Seuche, die auch Rousseaus Team befallen hat und von der Danielle glaubte, Ben habe sie übertragen. Aber wurde Ben bei der Heilung genauso infiziert wie Sayid, wieso lassen die Anderen ihn dann leben und machen ihn sogar zum Anführer? Sollte Ben tatsächlich dieses Schicksal ereilt habe, könnte eine mögliche Antwort sein, dass Jacob wollte, dass Ben infiziert, besessen wird, damit er ihn tötet. Das Ganze hat aber so oder so einen Haken: Normalerweise ist die Heilquelle klar und nicht trüb und man kann wohl davon ausgehen, dass die Risiken dieser Infektion nur bei getrübtem Wasser bestehen, denn die Plörre schien Dogen doch ziemlich nervös zu machen. Da das Wasser, aber erst jetzt so aussieht (Dogen und Lennon bemerken die Trübung in „LA X“ ja doch ziemlich überrascht und verwirrt), stellt sich nun die Frage, wie Claire dann infiziert werden konnte. Oder war sie nie im Tempel und infizierte sich auf andere Weise? Was sollte Claire auch im Tempel? Wie sollte sie da rein gekommen sein, sofern Daddy nicht doch ein Anderer ist? Aber wenn Claire nie im Tempel gewesen wäre, würde sich dann wieder die Frage stellen, woher Dogen weiß, dass sie infiziert wurde. Dass Claire sich grundlegend verändert hat, ist nicht von der Hand zu weisen. Sie baut Fallen wie Danielle, schießt auf Menschen (und Aldo) und sieht aus als hätte sie sich das letzte Mal vor vier Monaten gewaschen. Das ist doch nicht mehr unsere liebe, sanftmütige, manchmal etwas hysterische, aber dennoch gutmütige und altruistische Claire, die keiner Fliege was zu Leide tut. Okay, der Verlust Aarons mag sie wie Danielle der Verlust von Alex traumatisiert haben, doch eine so krasse Persönlichkeitsänderung ist damit auch nicht wirklich zu erklären, weshalb man schon davon ausgehen sollte, dass Dogen Jack die Wahrheit über Claire sagt.

Apropos Jack und D(r)ogen: Dogen mixt so eine komische Kräutermischung zusammen und füllt sie dann in eine erschreckend große Hartgelantinekapsel – mein erster Gedanke war nur: Wie soll einer dieses Monstrum runterwürgen? Jack soll Sayid davon überzeugen, dass „Medikament“ zu nehmen. Durch einen Trick bringt Jack Dogen dazu, den Inhalt der Kapsel zu offenbaren: Gift. Warum tötet Dogen Sayid nicht einfach, sondern macht sich so eine Mühe? Einige Fans hatten hier wohl den richtigen Riecher: Sayid ist zwar infiziert, aber auch nicht mehr verwundbar (wohl weniger wegen der Besessenheit als wegen der heilenden Brühe), wie Dogen durch den Schürhaken herausfand. Deshalb muss man Sayid von Innen heraus töten, sprich: vergiften. Jetzt gibt es zumindest eine Hypothese zu der glühenden Eisenpike, aber nicht zur Asche und den Elektroschocks. Wobei die Asche eigentlich noch offensichtlicher ist als der Schürhaken. Die Anderen-Spezial-Anti-Smokey-Asche wirkt auf das Rauchmonster und die damit verknüpfte Seuche wohl ähnlich wie Weihwasser oder Salz auf Dämonen.

Kommen wir zu guter Letzt noch zu James. Der ist ziemlich frustriert und verlässt den Tempel, um ins Dharmadorf zurückzukehren. Wie schon an anderer Stelle erwähnt, halte ich es für ein Gerücht, dass in 30 Jahren keiner diese Pappschachtel mit dem Verlobungsring unter den Dielen gefunden hat. Kate findet Sawyer und beobachtet ihn von der Tür aus wie sie damals auch Jack beim Klavierspielen zusah. In ihrem Gespräch mit James, dürfte Kate wohl klar werden, dass sie Juliet nie mehr ersetzen kann und praktisch keine Chancen mehr bei ihm hat.

Mehr wüsste ich zu der Folge auch nicht zu sagen. Ich denke mal, ich spar mir meine Kapazitäten für „The Substitute“

Montag, 8. Februar 2010

„Er wird sie zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens entspringt.“

LA X – Review, zweiter Teil von VIER


Mit diesem kleinen Zitat aus der Offenbarung des Johannes melde ich mich nun immer noch ungläubig und überdies immer noch krank (erwartet also nicht zu viel), aber dafür wieder ein bisschen bibelfester zurück. Hurley führt nun seine Leute wie das Lamm (auf dieses bezieht sich die Bibelstelle) zu einem wundersamen Heilquell. Wir bekommen um und im Tempel eine Menge wirres Zeug zu sehen und ich bleibe zunächst mal bei der Heilplörre, in die Sayid wie bei einer Taufe getunkt wird. Das Wasser war – wie man den Aussagen der Anderen entnehmen kann – sonst kristallklar, doch nun ist es eine Brühe, die aussieht wie zehn Jahre alter, verwässerter Kaffee. Durch Sayid erfahren wir nun endlich auch, was mit Ben passierte, nachdem er von Sayid angeschossen worden war. Sollte Ben also auch gestorben und wiedergeboren worden sein? Hat jeder Andere so eine „Taufe“ hinter sich gebracht oder nur die Führungsriege? Was genau macht es riskanter das Ritual durchzuführen, wenn das Wasser getrübt ist? Okay, es sieht aus wie aus der Kloake gepumpt und wirkt daher nicht gerade gesundheitsförderlich. Ferner scheint die heilende Wirkung abgeschwächt, da Dogens Hand nicht heilt wie bei Claire Bennett („Heroes“). Weshalb Dogen wissen will, wer Sayid verwundet hat, ist auch nicht ganz klar. Bestehen die Risiken weniger für Sayid als für den Verantwortlichen, wenn etwas schief geht? Könnte das trübe Wasser Sayid nicht nur wie Ben das Mitleid und ein Teil seiner Erinnerung nehmen, sondern ihn noch stärker verändern? Doch wenn tatsächlich eine Verbindung zwischen dem trüben Wasser und Jacobs Ableben besteht, wieso ist Dogen dann so überrascht, als er von Jacobs Tod erfährt? Warum wusste Jacob selbst dann nicht, dass Sayids Rettung problematisch werden dürfte? Oder wusste er es und hat es bewusst verschwiegen?

Einige haben ja gemutmaßt, dass es gar nicht Jacob, sondern „Samuel“/Smokey war, mit dem Hurley im Dschungel sprach. Wäre dem so, müsste „Samuel“ nun zu allem anderen auch noch an mehreren Orten gleichzeitig sein können. Aber dann hätte er ja direkt nach Jacobs Tod im Tempel aufkreuzen können, ehe Dogen und Co gewarnt worden wären. Und er müsste auch nicht verschwinden, ehe er sich Ben unter dem Tempel zeigt („Dead is Dead“).

Deshalb gehe ich mal davon aus, dass Jacob auch wirklich Jacob ist und wir nicht künstlich Mindfucks konstruieren sollten, wo vermutlich keine sind. Sayids Rettung hat vor allem symbolische Bedeutung, da ihn nun noch weniger von Ben unterscheidet. Sayid war schon immer so etwas wie Bens dunkles Spiegelbild (da Ben selbst kein Unschuldslamm ist, hat Sayid wiederum durchaus auch gute Eigenschaften und sieht in Ben das Monster). Die beiden sind miteinander eng verknüpft und vielleicht ist Sayids Überleben auch genau deshalb so wichtig, weil er und Ben zusammengehören, verbunden sind. Langsam drängt sich mir die Vermutung auf, dass Bens Gegenpol gar nicht Charles Widmore ist, sondern Sayid. Aber Ben hat letztlich wohl vier Gegenpole – jeden auf einer anderen Ebene: Charles als sein Vorgänger, John als sein vermeintlicher Nachfolger, Sayid aus bekannten Gründen und letztlich Jack als Anführer der Gegenpartei und ewiger Gegenspieler auf der Insel.

Jacob überlässt Hurley ein Ankh in einem Gitarrenkasten. Das Ankh ist ein Symbol der Reinheit, des Lebens und steht zudem für die Macht der Götter. Ein passenderes Symbol für Jacob gibt es folglich kaum. Dogen muss das Ankh jedoch zerstören, um an Jacobs letzte Liste zu kommen – auch sehr symbolträchtig: Jacobs Tod, die Vernichtung des Lebens, das Zerstören des Ankhs, all das muss geschehen damit andere Dinge bewahrt werden (aus Zerstörung entsteht etwas Neues – ein in Hinduismus und Buddhismus weitverbreiteter Grundsatz). Wir können wohl davon ausgehen, dass diese Liste jenen ähnelt, die Richard an Ben überbrachte. Jetzt da Jacob tot ist und Richard nicht mehr mit ihm kommunizieren kann, tritt Hurley an Richards Stelle und wird zum Boten. Vielleicht war Ben auch deshalb „auserwählt“, weil er Hurleys Gabe besitzt. Richard scheint es ja sehr wichtig, dass Emily nicht auf der Insel starb und Ben sie dennoch sehen konnte. Wenn das Monster nur Gestalten von auf der Insel verstorbenen oder als Leiche auf die Insel gebrachten Menschen annehmen kann, wäre für Richard damit ein Beweis erbracht, dass Ben nicht mit „Samuel“, sondern wirklich mit seiner Mutter gesprochen hat. Dann könnte er Tote sehen und mit Jacob im Falle dessen Ablebens auch weiterhin kommunizieren – wie es Hurley jetzt tut.

Jacob lässt Dogen also eine Liste überbringen, auf der die Namen einiger unserer Losties stehen. Wessen Namen stehen wohl auf der „Ur-Liste“, die vielleicht gar nicht gegenständlich existiert, aber zumindest alle anderen Listen beinhalten muss? Vermutlich die der „Kandidaten“. Nahezu sicher gehören zu diesen Kandidaten: Jack Shephard, Katherine Anne Austen, Sayid Jarrah, Hugo Reyes, James Ford und Jin-Soo Kwon. Ebenfalls sehr wahrscheinlich: Sun-Hwa Kwon, Frank Lapidus, Benjamin Linus, Aaron Austen (bzw. Littleton) und John Locke. Und vielleicht noch: Claire Littleton, Desmond David Hume, Rose und Bernard Nadler und Miles Straume.

Die Kandidaten müssen um jeden Preis gerettet werden, weshalb es auch so wichtig ist, dass Sayid überlebt. Sie werden vermutlich gebraucht, um den Man in Black/“Samuel“ zu besiegen. Die anderen Anderen im Tempel wissen von „Samuel“ offenbar mehr als man zumindest von den Anderen um Ben bisher annehmen konnte. Dass es sich bei Dogen, Lennon und Co um Andere handelt, belegt die Anwesenheit von Cindy, Zach und Emma, die ja zu den Anderen übergelaufen sind. Wobei Dogens Truppe weit mehr Ähnlichkeit mit den schleichenden Gestalten aus „...and Found“ haben, als Bens Leute. Als Hurley Dogen berichtet, dass Jacob tot ist, werden die Anderen verdammt nervös. Bislang schienen sie das Monster zwar zu respektieren und lieber auszusperren, aber nicht wirklich zu fürchten. Ben ruft es ja sogar um Hilfe, als Dharmaville unter Beschuss steht und geht später bei ihm beichten. Also entweder weiß Ben nicht, was Dogen und Richard wissen, oder es interessiert ihn nicht. Dass Ben anscheinend weniger weiß als Dogen, Richard oder Lennon lässt den Schluss zu, dass er eine weit größere Sonderstellung hat als wir bisher annahmen, da er dann zwar Anführer der Anderen wäre, aber weit mehr mit den Losties gemein hätte, die ja auch ungemein wichtig sind und dennoch – oder gerade deswegen – im Unklaren bleiben müssen.

Was tun die Anderen, um Smokey draußen zu halten? Sie verstreuen Asche – wie sie auch im Bannkreis um die Hütte oder von Bram verwendet wird. Sie scheint also ähnlich wie Salz als eine Art Dämonenabwehr zu funktionieren, was den Schluss zuließe, dass es sich um keine normale Asche handelt. Um Jacob und „Samuel“ damit in Verbindung zu bringen: Jacob ist Feuer und „Samuel“ ist Qualm, der genau wie ASCHE als Endprodukt einer Verbrennung von Kohlenstoffverbindungen (also organischen Materialien) entsteht.

Das ist erst mal das Wesentlichste rund um den Tempel, was jedoch nicht heißt, dass ich fertig wäre, da es einige auffällige Kleinigkeiten gibt, die ich noch ansprechen will. Da „What Kate does“ immer näher rückt und ich – wie gesagt – noch nicht wieder fit bin, geht es also nun etwas spartanischer weiter.

Nachdem Sayid aus dem heilsamen Taufbecken gezogen wird und Dogen verkündet, dass er tot wäre, fängt Jack genau wie bei Charlie, nachdem Ethan ihn an einem Baum aufgehängt hatte, mit verzweifelten Wiederbelebungsmaßnahmen an. Wie bei Charlie erfolgt wenig später eine Art Wunderheilung – Jack hat wohl wirklich so etwas wie heilende Hände.

Der Sand in Dogens Sanduhr ist weiß, was ein Verweis auf Jacob sein könnte.

Die Anderen schicken eine Rakete als Warnung aus. Es ist nicht das erste mal, dass auf der Insel mit Raketen kommuniziert wurde: Sayid nutzt Feuerwerkskörper bei der Lokalisierung des Funkturms, eine Leuchtrakete lockte die Anderen zum Floß.

In den Tempelmauern (woher weiß Hurley da überhaupt wo er hin muss) finden die Losties Leichen – eine davon ist Montand. Auch das Loch, durch das Ben gekracht ist, muss überwunden werden.

Sayid hat nach seiner Heilung wohl auch einen teil seiner Erinnerung verloren: „What happened?“ („Was ist passiert?“)

Zu allem anderen habt ihr in den Kommentaren schon so einiges gesagt. Ich denke für das Thema Tempel genügt das für heute. Ich setze mich morgen dann mal noch an die Statue. Die LAX-Timeline werde ich vermutlich für „LA X“ und „What Kate does“ zusammenschmeißen und in einem Aufwasch abhandeln.

Sonntag, 20. Dezember 2009

Heute geht's Schlag auf Schlag - hier ist die Review zu "One of Them"

Endlich ist es soweit. Ich weiß, „Lost“ war auch schon vor Ben die beste Serie aller Zeiten, aber da wusste man ja noch nicht wie es erst mal mit ihm ist. „Lost“ ohne Ben ist wie Pizza ohne Knoblauch.., manche mögen’s so lieber, aber für die meisten geht’s ohne praktisch nicht, obgleich es auch so schmeckt. Falls ihr euch jetzt fragt, wer dann Käse, Tomatensauce und Oregano sind...: Okay, also Jack eindeutig der Käse, allein schon weil er selbigen ständig redet. Außerdem ist er verdammt zäh und zuviel davon liegt einem noch Stunden später schwer im Magen. Locke ist die Tomatensauce... wäre „Samuel“ dann Ketchup? Okay, ich geb’s zu, ich sollte mir derartige Vergleiche in Zukunft schenken. Also keine Metaphern á la „Wenn du ein Lebensmittel wärst, welches Lebensmittel wärst du dann?“ mehr, stattdessen lieber eine Review zu einer Folge mit sehr viel Tomatensauce.... keine Tomatensauce mehr! Schluss mit der Tomatensauce! Heute wird Filmblut ja auch anders gemacht als früher. 1960 war es noch Schokosauce, die die Dusche hinab in den in den Ausguss lief, heute macht man das anders – mit Gelatine und Lebensmittelfarbe und... ach, egal ich schweife schon ab, bevor ich überhaupt angefangen habe. Also ab auf die Insel, wo Ben schon in einem Netz von einem Baum baumelt, und in den Irak, wo mittlerweile ja mal wieder Krieg herrscht, aber hier ist es noch ein Flashback in die Zeit des Ersten Golfkriegs.

Ich habe recht lange hin- und herüberlegt, wie ich diese Folge am besten angehe, denn sie ist so anders als die anderen Folgen. Versteckte Hinweise gibt es praktisch nicht (von ein paar Erwähnungen der Zahlen – Gale sei 4 Monate auf der Insel, Sayid war beim ersten Golfkrieg 23 – mal abgesehen), dennoch gibt es viel Subtext und somit eine Menge Dinge, die analysiert sein wollen. Die Handlung der Folge ist wohl allen mehr als geläufig und zwar relativ einfach strukturiert aber nichtsdestotrotz spannend. Wirklich interessant sind die Verknüpfungen zwischen den einzelnen Handlungsfäden, die Parallelen zwischen den Charakteren und die Verweise auf die spätere Entwicklung der Beziehung zwischen Ben und Sayid, denn die hat es – wie wir alle wissen – in sich. In fast allen Sayid-zentrischen Folgen, die auf diese noch folgen, spielt Ben eine ähnliche große Rolle wie in dieser.

Der Subtext beginnt ja schon beim Titel „One of Them“/„Einer von Ihnen“. Ohne Frage denken die meisten da zuerst an Ben. Dabei erfahren wir in dieser Folge doch noch gar nicht, ob „Henry Gale“ denn nun tatsächlich einer von Ihnen ist. Sayid hingegen ist für jeden in dieser Folge stets „einer von Ihnen“: für Danielle ist er einer der Losties, für Inman und Austen einer der Iraker, ironischerweise für Tariq wohl einer der Amis und für Ben ist er ebenfalls einer der Losties, der Überlebenden, der anderen. Ben selbst fragt daher genau wie Sayid, als er in Danielles Gefangenschaft war: „Welche Anderen?“ Und die Frage ist nicht mal gelogen, denn wie Locke richtig feststellt, ist dieser Terminus mehr als relativ. Für Ben sind schließlich die Losties „die Anderen“. Wir haben uns so daran gewöhnt Jacobs Anhänger als „Andere“ zu bezeichnen, dass wir es als ihren Namen verinnerlicht haben, obgleich die Anderen von sich selbst bestimmt anders sprechen; was die nicht uninteressante Frage aufwirft, ob sie sich selbst jemals einen Namen gaben oder ob sie schon so lange da sind, dass sie nie auf den Gedanken kamen, sich vom Rest der Welt abzuheben, weil sie einfach zuerst da waren, vor allen anderen – seit Anbeginn der Zeit.

Nicht zum Anbeginn der Zeit, sondern in den frühen Neunzigern beginnt diese Episode und zwar in einem Militärbunker, wo ein paar Irakische Soldaten Papiere schreddern wie Anlagebetrüger vor der Steuerprüfung. Was sie da vernichten, das in den Bomben nicht eh’ untergegangen wäre und auch noch für irgendwen von Interesse wäre, sei jetzt mal dahingestellt. Viel mehr beschäftigt mich die Frage, woher Sayid so gut Englisch kann? Ob es Schicksal ist, dass er so sich und einem anderen Soldaten das Leben retten kann? Kurz darauf behauptet er, es sei kein kommandierender Offizier vor Ort, denn der sei nach Hila geflohen – Tatsache ist jedoch, dass Tariq nur wenige Sekunden, bevor die Amerikaner den Raum stürmen, bekräftigt hat, dass der Soldat seinen Anweisungen folgen solle, weil er nun einmal der kommandierende Offizier sei.

Es gibt in dieser Folge viele Querverbindungen: In Sayids Rückblenden treffen wir sowohl Sam Austen (Kates Vater) wieder als auch Kelvin Inman, der später mit Desmond im Schwan leben und arbeiten wird, ehe er von diesem getötet wird. Mein Mitleid für Inman hält sich allerdings in Grenzen, da er im Begriff ist ein Monster zu erschaffen, das seinerseits jenes Monster wecken wird, das ihm auf der Insel für sein eigenes Empfinden in dieser Folge erstmals begegnen wird. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Weder ist Sayid ein Monster noch Ben, doch in beiden wird ein Monster kreiert, das sich beizeiten seinen Weg nach draußen kämpft. Das macht sie auch so unberechenbar und gleichzeitig so ambivalent wie tragisch. Es ist daher wohl endlich an der Zeit den Vergleich zwischen diesen beiden Charakteren anzugehen, die sich viel ähnlicher sind, als sie wahrhaben wollen.

Als Ben Sayid das erste Mal begegnet, ist Sayid ein Gefangener der Dharma-Initiative, den sowohl Ben als auch die meisten Dharma-Leute für einen der Feinde halten. Dumm für Ben, denn die sogenannten Feinde haben ihn bislang besser behandelt als sein eigener Vater – da gehört zugegeben auch nicht viel dazu. Sayid wird in seiner Gefangenschaft von Ben umsorgt. Ben bringt ihm Essen, leistet ihm Gesellschaft und verhilft ihm letztlich sogar zur Flucht. Was ist der Dank dafür? Sayid versucht, Ben zu erschießen. Sayid will die einzige Person auf dieser Insel töten, die bereit war, ihm zu helfen – ein unschuldiges Kind. Ein unschuldiges Kind? Was war es noch gleich, das Sayid dazu brachte, Tariq zu foltern, ihn an die Amis zu verraten? Ein Video und die Behauptung, Tariq habe militärische Test mit Saringas an unschuldigen Frauen und Kindern durchgeführt – eine Massenvernichtungswaffe, wie es auch eine Wasserstoffbombe ist. Man könnte bald sagen, Sayid sei zu dem geworden, was er jagte – er wäre nicht der erste. Saringas ist ein Nervengas, ein Giftgas – also durchaus vergleichbar mit jenem Stoff, den Charles Widmore nutzte, um die Dharma auszulöschen: eine weitere Parallele zwischen Ben und Sayid – beide befolgten sie Befehle eines Monsters, das um ein Vielfaches sadistischer war, als sie selbst. Charles und Tariq bringen beide die Qualitäten zum Massenmörder und Demagogen mit und würden sich gewiss als Diktatoren recht gut machen – Ben und Sayid befinden sich zu diesem Zeitpunkt noch in einer Position, wo sie nur Befehle befolgen oder verweigern können. Beide wagen es ihre Befehle zu verweigern, doch aus anderen Gründen und aus einer anderen Situation heraus. Sayid verweigert Tariqs Befehle erst, als dieser eh’ nichts mehr zu befehlen hat und Sayid selbst nicht nur Rückendeckung durch die Amis erhält, sondern darüber hinaus sogar deren Befehle entgegennimmt. Sayid verhält sich also mehr als opportunistisch. Und Ben? Ben macht das Befolgen oder Verweigern eines Befehles mit seinem Gewissen aus. Vermutlich hat er oft genug „Königreich der Himmel“ gesehen: „Ein König mag einen Mann fordern, aber seine Seele gehört ihm allein.“ Gegenüber Charles rebelliert Ben vehement und stürzt ihn am Ende sogar. Wir wissen nicht, inwieweit er sich da schon über Jacobs Rückendeckung bewusst war.

Ben wurde in Folge seiner Begegnung mit Sayid verändert. Juliet, Kate, James und Richard wollen Bens Leben retten, doch Richard weiß um den Nachteil: er wird einer von Ihnen werden. Ben wird sein Mitgefühl genommen. Als Ben aus dem Tempel kommt, ist er kein normaler Mensch mehr, er wird etwas anderes: ein einsames, verbittertes Häufchen Elend, das in dem festen Glauben lebt, dass nichts wichtiger ist als der Schutz der Insel. Dieser Aufgabe, dieser Pflicht muss sich alles andere unterordnen – auch er selbst. Die Art und Weise wie Richard hervorhebt, Ben sei, wenn er gerettet würde, ohne Mitleid und ewig einer von Ihnen, suggeriert doch, dass die vollwertigen Anderen sich von normalen Menschen dadurch unterscheiden, dass sie weit rationaler und nicht nach emotionalen Gesichtspunkten handeln. Das würde auch das Verhalten gegenüber den Losties erklären: Sie haben kein Mitleid mit den Losties, weil diese Emotion für sie nicht existiert, nicht existieren darf. Für sie gelten nur Logik und ihr Besitzrecht. Das Problem ist nur: Ben ist offenkundig keine willfährige Maschine – auch nach der Rettung im Tempel nicht. Er empfindet Mitleid, Reue und Einsamkeit. Wie hat er sich also verändert, als er aus dem Tempel kam? Vielleicht liegt genau da das Problem. Denn eines ist offenkundig: seine emotionale Entwicklung findet überhaupt nicht mehr statt. Ben kommt nicht mehr über den Status des einsamen, gequälten und von allen enttäuschten Jungen hinaus, der sich nichts mehr wünscht als Anerkennung und eine Vaterfigur, die ihm ebendiese entgegenbringt. Sowohl Jacob als auch „Samuel“ verstehen diese Schwäche für sich nutzbar zu machen und somit Ben zu instrumentalisieren, ihn zu einer Waffe zu formen, die es ihnen ermöglicht, unerkannt zu blieben. Sie halten die Fäden in der Hand und machen sich so nicht die Finger schmutzig. Die Drecksarbeit darf ein anderer erledigen. Hass und Zorn der Menschen auf der Insel zieht nun Ben auf sich und Jacobs Weste bleibt weiß. Jacob kann der gütige Beschützer bleiben, der allen ihren freien Willen lässt, das Leben bejaht und keiner Menschenseele etwas zu Leide tun würde. Letztlich bleibt eine Frage berechtigter Weise im Raum stehen: „Was ist mit mir?“ Ja, Ben, du bist der Fußabtreter der gesamten Menschheit, Jacobs Opferlamm, sein Prügelknabe und Sündenbock. Wundert einen da Ben Zorn und Verbitterung noch? „Samuel“ hat schon ganz recht: „Die Frage ist doch, Ben: Warum solltest du Jacob nicht töten wollen?“

Aber wie begegnet nun Sayid Ben, als er ihn das erste Mal trifft? Ganz anders als Ben Sayid – so viel ist klar. Aber schauen wir uns doch erst mal an, wie es überhaupt zur Begegnung der beiden kommt: Ana hat Danielle im Wald gesehen und – und das ist wohl wahrlich Ironie des Schicksals – sie hält die verrückte Franzosentussi für eine Andere. Dabei würden Ana und Danielle gut zusammenpassen: beide schießwütig und absolut durchgeknallt; beide haben sie ihr Kind verloren und beide sind sie nicht gut auf die Anderen zu sprechen. Ana sucht nach Jack und findet Wohl oder Übel Sayid. Das ist wohl gleich die nächste Schicksalsfügung dieser Folge. Aber die Aneinanderreihung mysteriöser „Zufälle“ (von denen wissen wir ja: die gibt es, wo Jacob in der Nähe ist, nicht einmal) nimmt damit keineswegs einen Abbruch, denn gleich als nächstes spricht Sayid Danielle auf sein mangelndes Vertrauen an und sie tut genau das, was Locke tat, als er Sayids Vertrauen gewinnen wollte: sie gibt ihm ihre Waffe. Warum Sayid Danielle nicht auch erwidert, dass beweise nur ihre Anpassungsfähigkeit, lass ich mal unbeantwortet im Raum stehen, da ich keine Antwort habe.

Und dann ist endlich Benry-Time. Ben ist gefangen in einem Netz (was für eine hübsche Metapher). Danielle hat Sayid gegenüber behauptet, sie hätte nie einen Anderen gesehen. Komisch, dass der sonst so misstrauische Sayid nicht mal kritisch nachfragt, wie Danielle sich so sicher sein kann, dass „Henry Gale“ einer von Ihnen ist. Wir wissen mittlerweile, dass Ben der einzige Andere ist, den sie je zu Gesicht bekam. Was Ben für sie und Alex getan und riskiert hat, hat sie nie erfahren und wird sie auch nie erfahren. Man kann es Danielle also keineswegs verübeln, dass sie „Henry Gale“ an Sayid übergibt, damit der eine ganz bestimmte Information aus Ben herausholt, die Danielle dereinst von Sayid wollte. Sayid ist ein besserer Folterknecht als Danielle selbst – das ist der einzige Grund, warum Ben nicht auf dem elektrischen Bett (bei ausreichender Voltzahl durchaus eine etwas bequemere Alternative zum elektrischen Stuhl) gelandet ist. Aber zumindest landet ein Pfeil in seiner Schulter – ein Pfeil, der sich im Laufe der Folge noch als erstaunlich biegsam erweisen wird.

Ben verliert das Bewusstsein und Sayid trägt ihn weg. Schnitt: Zwei Soldaten tragen Sayid weg. Ja, in der Folge verstehen es Darlton (die haben die Folge sogar selbst geschrieben) und Stephen Williams (der Regisseur dieser Episode) virtuos mit Bildern, Parallelen und der Gegenüberstellung der beiden Hauptakteure zu spielen.

Inman zeigt Sayid nun das bereits erwähnte Video von den Saringastests. Man sieht auf dem Video wenig und letztlich kann man nur darüber mutmaßen, ob Tariq getan hat, was Inman ihm unterstellt. Zuzutrauen wäre es Tariq zweifelsohne. Allerdings würde ich Inman keine 50cent borgen, denn er ist etwa so vertrauenswürdig wie ein sizilianischer Gebrauchtwarenhändler auf ’ner Bohrinsel (bitte keine Hass-Mails! Ich weiß, es gibt auch zahlreiche Sizilianer, die nicht kriminell sind, sondern nur für die Mafia arbeiten ;-) Spaß beiseite: es ist nur ein dummes Klischee, dessen Gebrauch man mir bitte verzeihen möge). Nichtsdestotrotz sagt Inman etwas sehr interessantes zu Sayid: „Loyalty is a virtue. But unquestioning loyalty – I don't think that's you.“ („Loyalität ist eine Tugend. Aber bedingungslose (bzw. nicht hinterfragende) Loyalität – ich denke nicht, dass das zu dir passt.“)

Willkommen in der Show: Weisheiten, die man auch Ben hätte sagen können! Beschreibt das nicht genau das, was Ben dazu brachte Jacob zu töten? Ben war bedingungslos loyal gegenüber Jacob und dann kam dieser gefakte Glatzkopf und riet ihm, seine Loyalität in Zweifel zu ziehen, zu überdenken, ob Jacob diese Loyalität verdient hätte. Ben und Sayid teilen sich dieses Problem: Loyal sein oder das richtige tun. Bei beiden reichte nur ein falsches Wort von einem Feind und sie kippten um. Die Loyalität vor ihrem eigenen Gewissen galt plötzlich mehr als die Loyalität gegenüber ihrem Befehlshaber. Letztlich spricht das Bände darüber, dass sie gute Menschen in einer schlechten Situation sind/waren. Weder hat Ben es genossen für Jacob Menschen zu entführen oder zu töten, noch hat Sayid es genossen zu foltern und zu morden. Der Unterschied jedoch ist: Ben zweifelt bei jeder dieser Handlungen aufs Neue, während Sayid einem Weg geradlinig folgt, wenn er ihn einmal eingeschlagen hat, bis sich ein Hindernis (etwa Nadia) in den weg stellt. Ben hingegen bleibt in seinem Handeln loyal, weil er ein Treffen mit Jacob anstrebt und die Insel beschützen will. In seinen Gedanken ist Ben jedoch längst nicht so loyal wie man meinen könnte. Wie oft hat er schon gezögert, Jacob zuwider gehandelt oder ihn in Zweifel gezogen? Im Endergebnis tut er aber, was ihm aufgetragen wird – selbst wenn das bedeutet, der Insel den Rücken zu kehren, alles aufzugeben, was ihm wichtig ist und die Chance auf ein Treffen mit Jacob womöglich für immer zu verspielen.

Ob Ben nun wirklich auf Jacobs (vermeintliches) Geheiß im Schwan landet oder es ihm einzig und allein um eine OP (er ist offenkundig Kassenpatient) geht, kann man nur mutmaßen. Er weiß aber, wen er mit Sayid vor sich hat, soviel ist sicher, denn Ben hat seine Hausaufgaben stets gemacht. Er weiß immer alles über Freund und Feind, was sich zu wissen lohnt, weshalb er wohl schon ahnen dürfte, was ihm blüht. Das demonstriert sowohl seine Willensstärke als auch seine Verzweiflung... okay, vielleicht ist er auch einfach ein Masochist und fühlt sich an Daddy erinnert, wenn ihm mal wieder einer das Gesicht zu Brei schlägt oder ihm ’ne Bierdose an die Rübe semmelt. Offen bleibt wohl die Frage, an was aus dieser Zeit er sich überhaupt noch erinnert. Er hat drei Jahre mit Juliet und Sawyer Tür an Tür gelebt, wenn diese drei Jahre weg wären, wäre praktisch alles, was ihm vor seinem Besuch im Tempel auf der Insel passiert ist, futsch. Ist das wahrscheinlich? Nein, ist es nicht. An was kann er sich also alles erinnern? Auf jeden Fall an mehr als er zugibt. Ganz abgesehen davon, vergisst man nie ganz. Dinge, die man verdrängt hat oder die im Unterbewusstsein schlummern, sind dennoch da. Das Gehirn speichert alles, nur können wir auf das wenigste davon gezielt zugreifen (wie bei einem PC: das Meiste landet im Papierkorb, der allerdings in diesem Falle nie geleert wird), was jedoch nicht bedeutet, das unser Unterbewusstsein es nicht wüsste. So gab es schon Fälle, wo selbst Erlebnisse aus der Zeit im Mutterleib Phobien auslösten. Ein Teil von Ben erinnert sich also auf jeden Fall an Sayid.

Bens Talent zu Planung und Improvisation gleichermaßen demonstriert er hier von Anfang an eindrucksvoll. So baut er auch die von Danielle immer wieder erwähnte Seuche in seine Geschichte ein und behauptet, dass seine Frau krank geworden und gestorben sei. Als man ihn nach den Anderen fragt, lautet seine Antwort: „Other? What?“ („Anderer? Was?“). Auch im weiteren Verlauf bleibt er bei seiner Geschichte und schmückt sie durch viele Halbwahrheiten aus. Ich sag mal so: das, was Ben Sayid erzählt, klingt objektivgesehen überzeugender als der zusammengestammelte Kram, den Sayid Danielle damals auftischte – die Pointe dürfte bekannt sein. Folglich stellt Locke auch fest: „I think he's pretty convincing.“ („Ich finde, er ist recht überzeugend.“)

Locke mutmaßt auch, Sayid suche vielleicht nur jemanden, an dem er seine Aggressionen für Shannons Tod auslassen kann („If you're angry – looking for someone to punish...“) – Ben ist also so eine Art lebender Punchingball, oder was? Mit Zorn wiederum kennt Locke sich ja bestens aus. Am Ende der Folge wird offenbar, dass Locke mit seiner Vermutung ganz recht hatte.

Sayid suggeriert Locke, was er vor hat, und meint, dass Locke ihm helfen solle, das überaus fragwürdige Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sayid sagt: „And I think we both know that Jack will have issues with what must be done in order to get it.“ („Und ich denke, dass wir uns beide darüber im Klaren sind, dass Jack Einwände haben dürfte bei dem, was getan werden muss, um sie [die Gewissheit] zu erlangen.“) „Issues“? Das als Euphemismus zu bezeichnen, wäre selbst einer. Die reden über eine geplante Folter wie übers Kaffeekochen. Dass Jack nach dem, was mit Sawyer passiert ist, Einwände haben dürfte, überrascht kaum. Mich überrascht vielmehr, dass Locke keine hat. Immerhin reden wir hier von dem wohl Verachtenswertesten, das ein Mensch einem anderen antun kann, obendrein lediglich gestützt auf die Aussage einer völlig durchgeknallten Französin. Wir wissen zwar, dass sie recht hatte, aber das mildert die Tat in keinster Weise ab. Grundlegend war Sayid dazu bereit einen womöglich unschuldigen Mann zu foltern, weil er vielleicht zu einer Gruppe von Menschen gehören könnte, über deren wahre Motive und Absichten er nicht einmal etwas weiß. Ganz abgesehen davon, ist Folter prinzipiell nur schwerlich zu rechtfertigen, da sie einzig und allein den Zweck verfolgt, den Gegenüber leiden zu lassen, um etwas von ihm zu erfahren, von dem man mutmaßt, er wisse es – folglich ist es nicht einmal eine unmittelbare Prävention. Sayids Vermutung ist aber mit Sicherheit kein ausreichender Grund und ein abgestürzter Helikopter genauso wenig. Sayid bezeichnet das, was er tut, als er erst mal mit Ben allein ist als „was getan werden muss“. Muss? Wieso muss das getan werden? Jetzt mal ehrlich: was hat Sayid, was hat irgendwer davon, dass Sayid Ben foltert? Selbst wenn Ben zugibt, was Sayid hören will, ist dadurch doch nichts gewonnen. John rechtfertigt die Tat vor Jack mit dem Krieg, für den sich Jack und Ana rüsten wollen. Ja...öhm...und weiter? Das Wissen darum, dass Ben ein Anderer ist, wäre nur sinnvoll, wenn man im gleichen Stil weitermachen würde, um ihm irgendwelche nützlichen Informationen zu entlocken. Allerdings gibt es nichts wirklich nützliches, das Ben ihnen sagen könnte, was sie dann auch glauben würden.

Sayid ist also mit Ben allein und Jack versucht die Waffenkammer zu öffnen. Er scheitert und fragt John: „Why isn't this combination working, John? Did you change it?“ („Warum funktioniert die Kombination nicht, John? Hast du sie geändert?“) Boah, wat’n Schnellmerker! Wiedereinmal geht der Preis für die dümmste Frage der heutigen Folge an Jack! Ebenfalls nominiert waren: „Sayid, hey, what the hell are you doing?“ („Sayid, hey, was zur Hölle machst du da?“) – ebenfalls ein klassischer Jack, weshalb sich hier auch „You think I'm stupid?“ („Hältst du mich für bescheuert?“) anschließt (nein, Jack, denn das würde voraussetzen, dass wir es lediglich vermuten) – und außerdem „You would risk everyone's lives?“ („Du würdest eines jeden Leben riskieren?“) – fast schon prophetisch, dass John Jack das fragt.

Ben sagt ein paar Mal durchaus die Wahrheit während des „Verhörs“. So entgegnet er Sayid etwa: „Look, whatever you think I am, I'm not.“ („Guck mal, was immer du glaubst, das ich bin, ich bin es nicht.“). Stimmt von einem gewissen Standpunkt aus sogar und wird ewig stimmen. Sayid hält Ben stets für etwas, das er nicht ist: ein Monster. Man könnte echt meinen, Ben hätte einen Spiegel vorm Gesicht.

Interessant ist auch, dass das, was Sayid Ben über sich erzählt, in groben Zügen auch auf Ben selbst zutrifft. Sayid sagt, er sei ein guter Mensch gewesen und der Krieg habe in ihm das schlimmste zum Vorschein gebracht. Bei Ben war es ein schießwütiger Iraker, der seine dunkle Seite weckte.

Der Alarm geht los und Jack sieht seine Chance (übrigens hört man Ben und Sayid die ganze Zeit im Hintergrund, ist mir vorher nie so aufgefallen). Obgleich Jack mit dem, was er beabsichtigt, absolut recht hat, sind seine Methoden, um an sein Ziel zu kommen, typisch erpresserisch und obendrein lebensmüde. Aber es funktioniert: John öffnet die Tür zur Waffenkammer und stürmt in den Dom. Er vertippt sich – mal wieder. Der Zähler hat die Null erreicht und die erste Hieroglyphe erscheint. Letztlich bekommen wir drei der fünf Zeichen zu sehen: eine Feuerstelle/Flamme (Jacob lässt grüßen), ein Schmutzgeier und zu guter letzt der Determinativ (ein stummes Zusatzzeichen zur Unterscheidung von Wörtern mit gleichem Konsonantenbestand, da die Vokale im Altägyptischen nicht wiedergegeben werden) für Tod, der entfernte Ähnlichkeit mit stilisierten Darstellung des Haupts eines Schakals hat – ein Zufall? Ich glaube nicht an Zufälle. Für alle, die es gerade nicht auf dem Schirm haben: der Schakal ist das Schutztier des Anubis, also der Hüter der Unterwelt.

Jack zieht Sayid aus der Waffenkammer und Ben wirft Sayid einen bedeutungsschwangeren Blick zu. Runde Eins geht an Ben – alle noch folgenden Runden aber auch^^. Jetzt spricht Jack den entscheidenden Knackpunkt aus: „I think that Rousseau thought that about you once, Sayid. If I'm not mistaken she strapped you down, she shocked you, all because she thought you were one of Them.“ („Ich denke, dass Rousseau einst das Gleiche über dich dachte, Sayid. Wenn ich mich nicht irre, band sich dich fest, setzte dich unter Strom, alles weil sie dachte, du wärest einer von Ihnen.“) Hätte man kaum besser sagen können. Jack bringt es auf den Punkt: Ob Ben ein Anderer ist oder nicht, ist bedeutungslos – in dubio pro reo! Der Zweifel genügt, um Ben in Frieden zu lassen. Leider verhält sich Jack viel zu selten nach diesem Grundsatz, aber in Sachen Folter hat er seine Lektion wohl gelernt. Aber das Problem ist ja, Sayid will seine Zweifel durch die Folter ausräumen. Das ist zugegeben ein Dilemma. Aber es bleibt auch hier weiterhin die Frage, was Sayid von der Sicherheit hätte. Denn ginge es ihm nur darum, seine Zweifel auszuräumen, hätte Ben es ja gefahrlos zugeben können, dass er einer von Ihnen ist. Sayid belügt sich wiedereinmal selbst. Er kann Ana nicht für Shannons Tod verprügeln, also sucht er sich wen anders. Ganz abgesehen davon, dass er Nadias Unglück auf Shannon projiziert hat und Ben nun für beide bluten muss. Das ist wohl Bens Schicksal: Nicht nur für die eigenen Fehler Prügel kassieren, sondern auch für die anderer. Wie bereits gesagt: der Sündenbock.

Ehe wir von dem folternden Iraker zum folternden Baumfrosch übergehen, reisen wir noch ein letztes Mal in den Irak. Eigentlich eine interessante Kulisse. Um es mit den Worten des von mir sehr verehrten Volker Pispers zu sagen: das Arschloch bleibt im Wandschrank. Sam Austen zeigt ein Bild von Klein-Katie rum, als der LKW hält. Jetzt offenbart sich, dass Inman Sayid gar nicht gebraucht hätte, denn er spricht fließend Arabisch. Apropos: Ben spricht nicht nur fließend Arabisch, sondern auch Türkisch, Latein und höchstwahrscheinlich Deutsch, Französisch und Portugiesisch (sonst würden seine geheimen Identität nicht viel nützen, um unterzutauchen). Inman zumindest hätte Sayid nicht gebraucht, er hat ihn also aus einem anderen Grund, dazu gebracht Tariq zu foltern. Was also veranlasste Inman dazu, Sayid so zu formen? Das Problem ist: ich könnte nicht einmal sagen, ob diese Lehrstunde in Folter nun zu Sayids Vor- oder Nachteil war.

Kommen wir aber nun wie versprochen zum Folter-Forsch. Sawyer hat also mal wieder Ärger mit einem der tierischen Ureinwohner. Vermutlich ist der Baumfrosch die Reinkarnation irgendeines Typen, den James mal abgezockt hat ;-). Okay, es könnte auch einfach nur ein Baumfrosch sein. Auf der Suche nach der kleinen Nervensäge deckt Sawyer Hurleys geheimes Laster auf. Wobei so geheim war es nun auch nicht, denn Hurley ist – wie er selbst sagt – nun einmal: „Fat, fat, fat, fat, fat. You think I don't know that?“ (Fett, fett, fett, fett, fett. Glaubst du denn das weiß ich nicht?“) Ich kann Hurley so gut verstehen. Auch wenn ich bestimmt 42kg weniger auf die Waage bringe, kenn ich das Problem mit Leuten, die meinen, sie müssten einen auf etwas so offensichtliches hinweisen. „Eye, du bist dick!“ – „Ach, echt? Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Jetzt versteh ich endlich, warum ich es so schwer hab passende Klamotten zu finden. Danke!“ Als Sawyer den Frosch dann hat, macht er auch gleich kurzen Prozess mit ihm.

Und da kann man nur sagen, dass diese Aussage auf die Losties mindestens genauso zutrifft wie auf die Anderen, wenn nicht gar noch mehr: „That these people – these Others – are merciless, and can take any one of us whenever they choose“ („Dass diese Leute – die Anderen – mitleidlos sind und jeden von uns nehmen können, wann immer sie wollen.“)