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Donnerstag, 24. Dezember 2009

Are you the genius, or are you the guy who always feels like he's living in the shadow of a genius?

Maternity Leave:

Zwei Tage vor Heiligabend (also an Bens Geburtstag – zumindest nach der Zählweise im Deutschen Lostpedia) sitze ich nun also an der Review zu „Maternity Leave“ oder wie es unsere geliebten Übersetzer nennen „Mutterschutz“, was aber ausnahmsweise mal tatsächlich die korrekte deutsche Übersetzung ist, obgleich der englische Terminus auch den „Mutterschaftsurlaub“ meinen kann. Na ja, vorab möchte ich noch mal darauf hinweisen, dass ich es wirklich als sehr wahrscheinlich ansehe, dass Aaron Jacobs Sohn ist und einige Theorien in dieser Review diese Hypothese miteinbeziehen oder gar stützen werden.

„Aber zunächst ein Blick zurück“: Wir wissen bislang immer noch nicht, was die Schwangerschaftsprobleme ausgelöst hat und seit wann sie bestehen. Wir wissen nur, dass 1977, als Ethan geboren wurde, es noch kein Problem war, auf der Insel schwanger zu sein. Die Komplikationen während einer Schwangerschaft müssen also erstmals irgendwann zwischen 1977 und 2000 aufgetreten sein, denn 2001 holt Ben Juliet auf die Insel, um das Problem zu lösen. Vier wichtige Ereignisse fallen in diesen Zeitraum: Ben wurde ein Anderer, der Vorfall, die Säuberung und letztlich Bens Ernennung zum Anführer der Anderen. Auf den ersten Blick scheint der Vorfall ein sehr wahrscheinlicher Kandidat, da radioaktive Strahlungen in der Tat zu vermehrten Fehlgeburten führen können. Lange Zeit nahmen wir jedoch an, dass Alex aus den gleichen Gründen entführt wurde wie Claire und Aaron. In Wahrheit hatte Charles aber ihren Tod angeordnet. Ben entschied eigenmächtig, sich Alex’ anzunehmen und im Streit zwischen Charles und Ben sind Schwangerschaftsprobleme kein Thema. Alex wurde also – anders als andere Kinder – nicht entführt, weil die Anderen Probleme mit ihrer eigenen Population hatten.

Also was verursacht die Schwangerschaftsprobleme? Ich komme jetzt mal mit einer scheinbar gewagten Theorie, aber sie würde eigentlich perfekt passen. Also, um es noch mal ganz klar zu betonen: der folgende Abschnitt ist vollkommen hypothetisch.

Nehmen wir einmal an, dass Jacob für den Fall seines Todes einen Nachfolger benötigt bzw. einen Körper, in dem er weiterleben kann. Jetzt kommt aber nicht jeder beliebige Mensch in Frage, sondern nur solche, die auf der Insel geboren wurden. Wie könnte „Samuel“ also verhindern, dass Jacob einen Erben in die Welt setzt? Genau, er unterbindet Geburten auf der Insel gänzlich. Warum aber erst nach 1977? Wegen Ben. Ben ist der Eine, Jacobs Auserwählter und durch sein Erscheinen oder spätestens seine Ernennung, die mit Charles Verbannung einhergeht, ist klar, dass die letzte Stufe des Wettstreits eingeleitet ist. „Samuel“ muss also Ben gegen Jacob aufbringen und zeitgleich verhindern, dass weitere Kinder auf der Insel geboren werden und er muss alle, die bislang auf der Insel geboren wurden und noch am Leben sind, aus dem Weg räumen: Ethan, Charlotte, Daniel und Miles. Bis auf Miles sind sie mittlerweile alle gestorben. So dezimiert „Samuel“ also mögliche Kandidaten für Jacobs Wiederkunft oder Nachfolge. Ferner bringt er Charles (welcher im Übrigen Daniel, Charlotte und Miles auf die Insel zurückbrachte) auf seine Seite. Der befiehlt Alex’ Tod, weil ihre bloße Existenz für „Samuel“ eine Gefahr darstellt. 1988 scheitert Charles noch an Ben, doch 2004 gelingt es, Alex als Kandidatin auszuschalten. Erst nach 16 Jahren kommt wieder ein Kind auf der Insel zur Welt: Aaron. Malkins Prophezeiungen und Claires eigene sowie Charlies Visionen sprechen eine deutliche Sprache: dieses Kind ist etwas besonderes. Dann wäre da noch Kates Vision von Claire, die ihr aufträgt „ihn“ auf keinen Fall zurückzubringen, während andere Mächte alles daran setzen, dass John auf die Insel zurückkehrt. Natürlich will Charles, dass John bei Kriegsbeginn auf der Insel ist, denn sein Meister braucht schließlich dessen Körper. Ob „Samuel“ Charles das gesagt hat? Vermutlich nicht, denn er manipuliert Charles wohl ebenso wie Ben. Und dann wäre da noch Jacob selbst, der zu Charles ein ähnlich schwieriges Verhältnis zu haben scheint wie zu Ben. Zweimal wird Jacob vor Charles erwähnt und beide Male knickt dieser sonst so verbissene Fels ein. Richard sagt Charles, Jacob wolle, dass Ben lebt und prompt wird Charles handzahm und unterwürfig. Als Ben 11 Jahre später Charles fragt, ob Jacob wolle, dass sie unschuldige Kinder töten, wendet er sich ab und geht. Wieso? Weil Ben beginnt ihm auf die Schliche zu kommen. Jacob würde so ein Verbrechen nie anordnen, aber Charles war es leid zu warten und hat sich längst an eine andere Macht der Insel gewandt: „Samuel“. „Samuel“ versucht vermutlich stets die Anführer für sich einzunehmen. Charles wurde jedoch gestürzt und verbannt, ehe er Jacob töten konnte. Diesen Fehler darf „Samuel“ nicht wiederholen, also tut er alles, um Ben wütend auf Jacob zu machen, nicht ahnend, dass Jacob genau das Gleiche tut. Ben ist der perfekte Kandidat: willensstark, integer, hochintelligent, einsam, verstört und vor allem rebellisch. Gucken wir uns doch mal an, wie Jacob Ben behandelt, als sie einander endlich gegenüberstehen. Jacob lässt „Samuel“ eigentlich links liegen, geht auf Ben ein, lässt ihn reden, hört sich sein Leid an. Und dann die Frage: „Was soll mit dir sein?“ Diese verfolgt zwei Ziele: Nummer Eins ist offenkundig: Ben soll Jacob töten. Zeitgleich ist diese rhetorische Frage, aber auch die Antwort auf Bens Frage. Denn es ist ja tatsächlich nichts mit ihm. Ganz im Gegenteil: Er durfte Jacob nicht treffen, eben weil er besonders ist, weil er Jacob töten muss. Ben musste leiden, musste wütend gemacht werden, doch anders als bei John kann Jacob Ben nicht sagen, dass es ihm leid tut. Aber jetzt kommt etwas, dessen Bedeutung mir erst klar wurde, als ich begann über die Review zu „The Incident“ nachzudenken (die gehe ich übrigens an, sobald die letzten zwei Gastbeiträge von Furya online stehen). Was ist so ziemlich das letzte, das Jacob tut und was Ben dazu veranlasst, von ihm abzulassen? Er berührt Ben! So wie er Kate, James, Hurley, John, Jin, Sun, und Sayid berührt hat. Ben war der letzte auf seiner Liste. Vor einigen Monaten hab ich mal gescherzt, die Antwort auf „What lies in the shadow of the Statue?“ müsse Benjamin Linus lauten, denn „to lie“ kann ja sowohl „liegen“ als auch „lügen“ bedeuten. Er, der uns alle retten wird, kann nur Jacob, John oder Ben sein – alles andere wäre etwa so logisch wie ein Reset^^. Jacob ist tot, John ist tot, Ben lebt. Sofern also keiner der anderen zwei Pappkameraden wieder aufersteht, bliebe nur Ben.

Und noch ein bezug zur Bibel, der mit der Liste zusammenhängt, fiel mir heute ein: „Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten.“ (1. Mose, 18, 32) – diesen Deal traf Gott mit Abraham bezüglich der Vernichtung von Sodom: Gelänge es Abraham zehn gerechte Menschen in der Stadt zu finden, würde Gott sie verschonen. Jacob sucht seine Gerechten bis heute.

Kommen wir nun aber zu Claire und dem kranken Aaron. Ich muss sagen, so spannend und aufschlussreich die Folge doch ist, so konstruiert ist sie auch. Aaron wird krank – letztlich dient das lediglich als Aufhänger, damit Claire sich bereits Sorgen macht, als Danielle auftaucht. Und da haben wir gleich das nächste Problem: Es ist zwar logisch, dass Danielle Claire mit ihrer Paranoia ansteckt, aber nicht, dass Danielle ins Lostie-Lager gelatscht kommt und zu Claire geht und nach Kates Tobsuchtsanfall unverrichteter Dinge wieder von dannen zieht. Eine Folge zuvor ist sie noch stundenlang durch den Dschungel gelatscht, in der Hoffnung auf Sayid zu treffen, weil sie sich nicht näher ans Lager traute – nicht zuletzt wegen Claire – und jetzt marschiert sie schnurstracks (ohne bemerkt zu werden) zu Claire, merkt, dass Aaron kränkelt und meint dann, er habe sich infiziert. Diese ominöse Infektion ist dann gleich der nächste Knackpunkt. Das, was Danielle als Infektion bezeichnet, ist so wie es in „Dieser Ort ist der Tod“ aussah, mehr eine Art Besessenheit (wahrscheinlich ausgelöst durch das Monster). Für mich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass Danielle als ein aufgeklärter Mensch (und auch noch, nach einem Aufklärer benannt) eine Beessenheit als Krankheit deutet, weil sie andere Erklärungsmodelle als Wissenschaftlerin ausschließen muss, während man früher (vor allem im Mittelalter) dazu neigte, bestimmte Krankheiten als Besessenheit fehl zu interpretieren. Hier treffen neben Glaube und Wissenschaft auch noch zwei Epochen und Geisteshaltungen aufeinander.

Claire lässt sich als besorgte Mutter natürlich von Danielles hausgemachter Paranoia anstecken. Letztlich dient diese an den Haaren herbeigezogene Einleitung nur einem einzigen Zweck: die Autoren wollen aufdecken, was sie uns in Staffel 1 unmöglich offenbaren konnten – nämlich was in den etwa zwei Wochen von Claires Abwesenheit mit ihr passiert ist. Durch Claires Erinnerungen (als Flashbacks will ich das mal nicht bezeichnen) bekommen wir nämlich erstmals eine Idee davon, dass die Anderen vielleicht gar nicht so böse sind. Plötzlich ist Ethan richtig lieb und Tom schimpft mit ihm, wegen der Entführung. Aber alles der Reihe nach – auch wenn wir es bei „Lost“ gewohnt sind, dass so ziemlich gar nichts der Reihe nach passiert.

Claire sucht Hilfe bei Libby, denn die kann ’nen Zaubertrick. Libby sagt einem, man soll sich entspannen und tief durchatmen und die Amnesie ist wie weggeblasen. Aber sie warnt Claire auch, dass das Gedächtnis sich manchmal aus guten Gründen verschließe, wenn man etwas traumatisches erlebt habe. Ja, oder wenn man unter Drogen gesetzte wurde...oder dem Tempel einen Besuch abgestattet hat. Apropos: Zwei Leute, die auf mysteriöse Weise etwas vergessen haben, auf einer Insel, auf der Zufälle nicht existieren. Man sollte zumindest in Betracht ziehen, dass Claire und Ben aus dem selben Grund vergessen mussten, denn die Zeit zwischen dem Schlag mit dem Gewehr und dem Treffen mit John und Boone im Dschungel fehlt uns und Claire weiterhin. Danielle sagt, sie habe Claire in der Nähe des Camps abgelegt. Was ist danach passiert? Wir wissen es nicht.

Genauso wenig wissen wir, was Ethan Claire überhaupt gespritzt hat. War es wirklich gegen die sogenannte Seuche oder verfolgte das Medikament nicht vielleicht vielmehr den Zweck den Schwangerschaftsproblemen vorzubeugen? Denn anders als der „Impfstoff“ aus dem Schwan tragen die Ampullen im Stab neben der Bezeichnung „CR 4-81516-23 42“ nicht die Kennung „RX-1“ sondern „RX-1 GND“ (und nein, das konnte ich nicht in der Serie entziffern, sondern hab’s auf Lostpedia nachgeguckt^^). Keiner weiß wofür „GND“ steht. Vermutlich heißt das soviel wie „Dr. Burkes patentiertes Wunderelixier für Schwangere, die bald draufgehen dürften“. Ist „CR 4-81516-23 42“ vielleicht die Kennung für irgendeine Substanz, die einen Körper gegen eine Beeinflussung durch das Rauchmonster schützt? Steht „CR“ vielleicht für „Cerberus Resistence“? Wäre nicht der erste wirksame Schutz gegen Smokey aus dem Hause Dharma. Außerdem würde es sowohl zu der Theorie passen, dass die Seuche in Wahrheit eine durch das Monster ausgelöste Besessenheit ist, als auch zu der Hypothese, dass „Samuel“/Cerberus (ich gehe mal davon aus, dass da ein Zusammenhang besteht) die Probleme bei Schwangerschaften auslöst.

Die Taufe Aarons könnte einem ganz ähnlichen Zweck gedient haben, denn anscheinend darf Cerberus nur Sünder richten, die zudem ihre Sünden nicht bereuen (siehe Ben und Eko). Die Taufe reinigt einen Menschen von allen Sünden und schützt Aaron somit davor, dass das Monster die Sache selbst in die Hand nehmen und Aaron töten kann.

Bemerkenswert ist auch, dass Claire offenbar nicht nur eine Amnesie erlitten hat, sondern gleich zwei (zum Preis von einer), denn bei Ethan erinnert sie sich nicht mehr an den Crash, der ihr später im Lager (nach „Homecoming“) wieder einfällt (den Stab hat sie aber weiterhin vergessen). Im Stab hält sie Ethan für einen Arzt, der sie VOR dem Flug nach L.A. noch mal untersucht. Allerdings ist Claire alles in Allem dermaßen zugedröhnt, als hätte sie sämtliche Bestände einer neurologischen Gemeinschaftspraxis aufgefressen.

Claire erinnert sich (jetzt wieder in der Gegenwart) jetzt zumindest schon mal an das geheimnisvolle Medikament und will natürlich ab in den Dschungel und mehr davon besorgen... und wenn sie noch was von Ethans anderem geilen Stoff findet, umso besser! Zu diesem Zweck will Kate von Sawyer etwas besorgen, das man auf jeden Fall dabei haben sollte, wenn man zu zweit in den „Magic Forest“ marschiert. Ratet mal, was das wohl sein könnte... Schlafsack? – Nein. - Eine lange Unterhose? – Nein. - Kleidung zum Wechseln? – Nein. - Einen Hochleistungshaartrockner? – Was? Nein, natürlich nicht. - „Walt?!“ – Auch, nicht. Aber das ist sehr kreativ. – ’Ne Knarre? – Richtig. Wie Kate die aber nun von Sawyer bekommt bzw. wo der die Wumme herholt, bekommen wir selbstverständlich nicht zu sehen. Warum? Er sitzt drauf!

Auch Claire bereitet sich auf die Campingtour vor. Da muss man erst mal einen Babysitter besorgen. Dieser Babysitter ist Sun und Sun schafft es auch nach fünf Jahren noch mich fuchsteufelswild zu machen, denn was sie jetzt raushaut, regt einen erst so richtig auf, wenn man Staffel 5 gesehen hat: „A mother should not leave her child.“ („Eine Mutter sollte ihr Kind nicht alleine zurücklassen.“)

?

Was? Wie war das? Da musste ich erst mal zurückspulen und noch mal hören, ob ich mich nicht verhört habe. „A mother should not leave her child.“ („Eine Mutter sollte ihr Kind nicht alleine zurücklassen.“) Nein, mit meinem Gehör stimmt alles... Aber Glückwunsch, Sun, denn ab sofort haben Sayid und Jack ihren verdienten ersten Platz in meinem Ranking der größten Heuchler dieser beknackten Insel an dich abgetreten. Möchtest du noch irgendeine Dankesrede halten oder wen grüßen? Ist ja nicht so, dass Claire ihr Kind zuhause lassen würde, während sie in einen Flieger steigt, um ohne eine große Chance auf Rückkehr irgendwo abzustürzen. SUN! Wirklich... die Frau kann man nur noch in eine Waffenkammer stecken und die Kombination vergessen.

Apropos: Wie sieht es derzeit eigentlich im Schwan aus? Eko will sich ’ne Säge borgen und Ben wird von Jack aufs Klo begleitet (der Mann ist wirklich nicht zu beneiden). Also: tote Hose! Spaß beiseite. Im Schwan passiert in dieser Folge nicht viel, aber das, was passiert, hat es in sich. Doch genau deswegen will ich es auch lieber in einem Paket am Ende analysieren, denn für die Handlung um Claire und Aaron war der Schwan nur zu Beginn überhaupt von minimaler Bedeutung, weil sie beinahe in die Station gerannt wäre, was Locke zu verhindern wusste. Da Ben eingeschlossen ist, frag ich mich nur, was sie hätte sehen sollen? Oder knutschen Jack und Ben heimlich rum, wenn keiner da ist?

Claire erwidert Sun auf ihre anmaßende Bemerkung zumindest das einzig Richtige: „I'm sorry, are you a mother?“ („Entschuldige, bist du eine Mutter?“) Das saß! (Vielleicht stand es auch oder lag.... man weiß es nicht). Doch dann benutzt Sun das Wort „sure“ und wieder beginnt Claire sich zu erinnern (sorry, aber die Stelle finde ich wirklich extrem albern und melodramatisch). Im nächsten Pseudo-Flashback erleben wir Claire noch zugedröhnter als im letzten... zumindest hab ich bei mir im Notizheft nur noch stehen: „Boah, is’ die high!“ Was ich wiederum total faszinierend finde, ist dass der Part, wo es darum geht, dass Claire sich sicher („sure“) sein soll, in diesem Flash-was-auch-immer gar nicht vorkommt, sondern erst im nächsten.

Jetzt will Ethan Claire erst einmal eine Überraschung zeigen (bei der Erstaustrahlung auf Pro7 kam übrigens genau an der Stelle Werbung: geile Überraschung, muss ich schon sagen!). Die echte Überraschung ist aber weder die Werbung noch die „Escape Hatch“ (wo die wohl hinführt?) oder der normale Ausgang, sondern ein Kinderzimmer, das Rübenkopf bald ganz für sich allein haben soll. In dem Zimmer steht auch ein durchaus vertrautes Kinderbettchen, über dem ein durchaus vertrautes Mobile mit durchaus vertrauten Flugzeugen einer durchaus vertrauten Airline hängt – das gleiche Teil war ein Element in Claires Traum/Vision in „Volkszählung“.

Man hört Tom auf dem Gang, der nach Ethan ruft. Ethan geht auf den Flur und die beiden streiten sich. Tom ist ungehalten über Ethans Vorgehen und weiß nicht, was er „ihm“ sagen soll. Man kann wohl davon ausgehen, dass „ihm“ in diesem Fall gewiss nicht Jacob, sondern Ben meint. In der Tat dürfte Ben ganz schön ausgetickt sein, als er erfuhr, dass Ethan eigenmächtig gehandelt und Claire einfach entführt hat. Jegliche Chancen sich den Losties friedlich zu offenbaren, waren damit vorerst hinfällig. Für Ben verschlechtert das außerdem die Chancen auf seine OP dramatisch. Ben und Juliet dürften wohl sowieso in einem ganz schönen Dilemma gesteckt haben, denn beide konnten zwar hoffen, dass Claire überlebt, weil sie fern der Insel schwanger wurde, doch sicher sein konnten sie sich nicht. Und jetzt erklärt den Losties mal, dass sie auf Magic-Island sind, wo alles geheilt wird, aber neues Leben selbst nicht entstehen darf. Da hätten wir schon wieder einen Verweis auf „Samuel“. „Samuel“ ist die Personifizierung des Stillstandes, einer starren, aber auch toten Ordnung. Selbst, wenn etwas passiert, ändert sich nichts, denn alles endet stets gleich. Jacob hingegen ist das Leben, der Fortschritt, das Chaos. Für ihn endet alles nur einmal und zwar dann, wenn sowohl er selbst, als auch „Samuel“ weg sind und die Menschen auf sich gestellt sind. „Samuels“ Macht wächst und Jacobs schwindet. Er wird schwächer. Vielleicht hat er „Samuel“ ja mit dem Bannkreis selbst in der Hütte eingeschlossen – ähnlich einer Dämonenfalle. Dann kam John und zerstörte den Kreis („Help me!“), denn wir wissen bislang nicht, was Christian, der vermutlich „Samuel“ war, und Locke wirklich besprochen haben. Oder? Das Verschieben der Insel hat auf jeden Fall einen Nebeneffekt, der „Samuel“, wenn meine Theorie stimmt, zu Gute kommt: Wer bereits auf der Insel geboren wurde, stirbt an den Folgen – Charlotte ist es passiert und Miles und Daniel wäre es vielleicht noch passiert. Ihr merkt schon: ich versuche die fehlende Incident-Review mit ein paar Appetithäppchen wieder gutzumachen.

In der Gegenwart latschen Kate und Claire schon bald durch den Dschungel und wie es der Zufall will, treffen sie Danielle. Als Danielle Claire dahin gebracht hat, wo sie sie fand, geraten die beiden heftig aneinander, weil beide von der jeweils anderen annahmen, sie wisse, wo die Station sei. Davon, dass Kate Danielle eine Knarre an den Kopf hält, zeigt die sich wenig beeindruckt. Ihr Lebenswille ist nach 16 Jahren langsam aber sicher flöten gegangen. Claire erreicht die Lichtung und erinnert sich daran, wie Ethan sie hierher brachte.

Ethan und Claire setzen sich auf einen Baumstamm und Ethan reicht Claire „Wasser“ aus einer Feldflasche. Claire bemerkt angewidert, das Wasser sei sauer. Was in dem Wasser wohl drin war? Bei den ganzen Spritzen, die er ihr setzt, hat er es wohl kaum nötig, ihr irgendetwas heimlich zu verabreichen. Vielleicht war es auch Weihwasser^^. Ethan wird langsam richtig sentimental in der Szene. Er weiß, was auf Claire zukommt und nimmt an, dass sie sterben wird. Darin liegt wohl die tiefere Bedeutung von: „I'm going to miss you. I wish… I wish you didn't have to go.“ („Ich werde dich vermissen. Ich wünschte.. ich wünschte, du müsstest nicht gehen.“) Aber genau wie Jacob legt Ethan darauf wert, dass Claire eine Wahl bleibt. Sie muss sich entscheiden und sie soll sich sicher sein.

Nach dem besten Szenenwechsel aller Zeiten, findet Claire dann den Stab und siehe da „im Führerbunker brennt noch Licht“ (wäre bis zur fünften Staffel noch eine unerhörte Anspielung gewesen.... ). Im Stab entdeckt Kate die Kostüme der Anderen und Claire findet in Aarons Zimmer in spe das kleine Babyschühchen, das sie für ihn gehäkelt oder gestrickt hat. Gleich bahnt sich der nächste Flash seinen Weg aus ihrem Gehirn auf meinen/euren/unseren Fernseher und wir sehen Alex, die Claire weckt, weil Daddy operieren will. Man sollte Ben und Juliet, die sicher genau wie Ethan unter den Ärzten im OP sind, allerdings keinen Vorwurf machen: sie haben schon zu viele Frauen sterben sehen, noch ehe das Kind alt genug war, um zu überleben. Wir wissen nicht einmal, ob Alex’ Behauptung, man wolle Claire umbringen, stimmt, denn letztlich verbessern sich Claires Chancen, zu überleben wohl eher, wenn das Kind geholt wird, ehe sie das gleiche Schicksal erleidet wie all die anderen Frauen vor ihr. Wie bereits gesagt: Darauf hoffen, dass Claire und Aaron überleben, weil das Kind fern der Insel gezeugt wurde, wäre nun wirklich riskant gewesen, auch wenn wir es mittlerweile besser wissen.

Claire führt Danielle in den OP, wo diese unnütz in der Gegend rumsteht (nachweislich ihre Lieblingsbeschäftigung), während Claire versucht den Medikamentenschrank hochzuheben. Sie ruft Kate um Hilfe, aber der Schrank stellt sich als leer heraus. Was für eine ungeheure Überraschung. Das war wirklich eine ähnlich unabsehbare Wendung wie... ach, hier kommen die 10 am wenigsten überraschenden Wendungen in der Geschichte von „Lost“ (ich hoffe ich bekomme überhaupt 10 zusammen):

Platz 10: Hurley hat heimlich Essen gebunkert

Platz 9: Charlie hat heimlich Drogen gebunkert

Platz 8: Sawyer hat nicht sehr heimlich....irgendwas anderes gebunkert^^

Platz 7: Locke war es, der Sayid niedergeknüppelt hat, als der den Funkturm lokalisieren wollte

Platz 6: Der Schrank ist leer (s.o.)

Platz 5: Michael ist Bens Spion auf dem Frachter

Platz 4: Jin lebt noch

Platz 3: Das Floß schafft es nicht von der Insel weg

Platz 2: Alexandra Linus ist Rousseaus Tochter

Platz 1: „Henry Gale“ ist ein Anderer

Tja, jetzt kommt noch so ein komischer Erinnerungs-Flashback, doch der enthält wenig nützliches oder aufschlussreiches bzw. zumindest nicht für das große Ganze. Was hier aufgedröselt wird befasst sich mehr mit Danielles Naturell und dem, was bei Claires Flucht passiert ist. Claire entschuldigt sich zumindest für die ungerechtfertigten Schuldzuweisungen auf ihre Art: „She wasn’t like the Others. She was good!“ („Sie war nicht wie die Anderen. Sie war gut!“) Vielleicht hat Daddy ihr auch nur nicht angetan, was ihm selbst angetan wurde: einen Besuch im Tempel.

Kommen wir nun aber endlich vom Stab zum Schwan und zu Ben, denn der steht im Mittelpunkt beider Nebenhandlungen, die sich im Schwan ereignen. Die eine kreist um John und Bücher, die andere um Mr. Eko.

Fangen wir mit Eko mal an, denn der verhält sich wirklich merkwürdig. Er geht in die Station, um sich eine Säge zu borgen und sieht durch einen Türspalt „Henrys“ Lager. Als er Jack anspricht, weiß er aber bereits, dass Jack und John da unten einen Mann festhalten und er will, wissen, wer „er“ ist. Er fragt nicht nach einer Person, sondern nach einem Mann. Wie kann er wissen, dass es ein Mann ist? Und warum will er unbedingt mit ihm sprechen? Wenn man mal drüber nachdenkt, fällt mir persönlich nur eine Lösung für dieses Problem ein: Eko hatte eine Vision, die ihm sagte, dass er Vergebung für seine Sünden, Absolution von diesem Mann bekommen könne. Denn eines ist klar: Eko beichtet bei Ben, will, dass der weiß, dass Eko bereut und wieder auf seinen Pfad zurückgelangt ist. Jacob wollte also, dass Eko Absolution erteilt wird von der einzigen Person, die einem Priester noch Absolution erteilen kann – so eine Art Beichthierarchie. Ben ist Jacobs Auserwählter, ein Märtyrer (bitte nicht verwechseln mit einem Mehrtürer – das ist ein Auto). In den nächsten Folgen spricht Ben mit Jack über genau dieses Thema und noch etwas später hängt er in der Waffenkammer wie Jesus am Kreuz. Für mich sind das auch Indizien dafür, dass Darlton mit diesem Charakter von Anfang an mehr vor hatten, als sie Preis gegeben haben oder zumindest schon damals in Erwägung zogen Ben in die letztendliche Richtung weiterzuentwickeln.

Zu guter letzt kommt dann noch das mit den Büchern. Bereits die Szene, in der Jack und John zu Ben in die Zelle/Waffenkammer/Gästezimmer kommen, ist sehr aussagekräftig: Jack, der Mann der Wissenschaft, bringt etwas zu essen und fragt, ob Ben auf Toilette müsse. John, der Mann des Glaubens, weiß, dass ein Mensch geistige Nahrung ebenso braucht wie materielle. Er bringt Ben ein Buch. Ein Buch von Dostojevski. „You don't have any Stephen King?“ („Ihr habt nicht zufällig irgendwas von Stephen King?“) An dieser Stelle: Schöne Grüße an, Adam, denn Ben würde „so was“ aufm Klo lesen.

Im Anschluss an den Gefangenenbesuch kommt es zur Auseinandersetzung zwischen John und Jack. Es geht um den „long term plan“ für den Ben einen erstklassigen Vorschlag hat: „Why don't you let me go?“ („Warum lasst ihr mich nicht einfach gehen?“)

Ehe ich jetzt darauf eingehe, wie Ben Johns eigene Geschichte über Hemingway und Dostojevski gegen ihn einsetzt. Sollten wir nicht nur für John die Frage stellen: „Are you the genius, or are you the guy who always feels like he's living in the shadow of a genius?“ („Bist du das Genie oder bist du der Typ, der sich stets fühlt, als lebe er im Schatten eines Genies?“) Ben weiß hier wohl wovon er redet, denn er ist nicht nur das Genie, in dessen Schatten so einige (nicht zuletzt John selbst) Leben, er ist vor allem anderem der Typ, der von sich selbst glaubt, im Schatten eines Genies zu leben, und dieses Genie spricht nicht einmal persönlich mit ihm. Und Jacob selbst? Gibt es ein Genie über ihm oder stehen vielleicht auch Jacob und „Samuel“ in eben diesem Verhältnis von Genie und Genie im Schatten des Genies? Alle Anführer bei „Lost“ könnten wir zueinander ins Verhältnis setzen und fragen, wer von zweien dann wer ist.

Und John? John merkt nicht einmal, dass nicht Jack das Genie ist, in dessen Schatten er lebt, sondern Ben. Er ist wütend auf sich, weil er sich von Ben verunsichern lässt und wütend auf Jack, weil er eifersüchtig auf ihn ist. Auf Ben kann er nur schwerlich wütend sein, denn der hat wie schon bei so vielen, auch bei John die Achillesverse gefunden. Ben hält John den Spiegel vor, wie er der ganzen Welt den Spiegel vorhält – er zeigt ihnen allen ihre Schwächen auf, kann sie gegen sie verwenden. Dabei bleibt er selbst aber sehr viel schwächer als seine Feinde wahrhaben wollen. Ben ist einsam und leidet selbst unter der Rolle, die Jacob ihm zugedacht hat und hält so nicht nur auch sich selbst sondern sogar Jacob den Spiegel vor.

Ein gutes Schlusswort! Frohe Weihnachten!

Sonntag, 20. Dezember 2009

Heute geht's Schlag auf Schlag - hier ist die Review zu "One of Them"

Endlich ist es soweit. Ich weiß, „Lost“ war auch schon vor Ben die beste Serie aller Zeiten, aber da wusste man ja noch nicht wie es erst mal mit ihm ist. „Lost“ ohne Ben ist wie Pizza ohne Knoblauch.., manche mögen’s so lieber, aber für die meisten geht’s ohne praktisch nicht, obgleich es auch so schmeckt. Falls ihr euch jetzt fragt, wer dann Käse, Tomatensauce und Oregano sind...: Okay, also Jack eindeutig der Käse, allein schon weil er selbigen ständig redet. Außerdem ist er verdammt zäh und zuviel davon liegt einem noch Stunden später schwer im Magen. Locke ist die Tomatensauce... wäre „Samuel“ dann Ketchup? Okay, ich geb’s zu, ich sollte mir derartige Vergleiche in Zukunft schenken. Also keine Metaphern á la „Wenn du ein Lebensmittel wärst, welches Lebensmittel wärst du dann?“ mehr, stattdessen lieber eine Review zu einer Folge mit sehr viel Tomatensauce.... keine Tomatensauce mehr! Schluss mit der Tomatensauce! Heute wird Filmblut ja auch anders gemacht als früher. 1960 war es noch Schokosauce, die die Dusche hinab in den in den Ausguss lief, heute macht man das anders – mit Gelatine und Lebensmittelfarbe und... ach, egal ich schweife schon ab, bevor ich überhaupt angefangen habe. Also ab auf die Insel, wo Ben schon in einem Netz von einem Baum baumelt, und in den Irak, wo mittlerweile ja mal wieder Krieg herrscht, aber hier ist es noch ein Flashback in die Zeit des Ersten Golfkriegs.

Ich habe recht lange hin- und herüberlegt, wie ich diese Folge am besten angehe, denn sie ist so anders als die anderen Folgen. Versteckte Hinweise gibt es praktisch nicht (von ein paar Erwähnungen der Zahlen – Gale sei 4 Monate auf der Insel, Sayid war beim ersten Golfkrieg 23 – mal abgesehen), dennoch gibt es viel Subtext und somit eine Menge Dinge, die analysiert sein wollen. Die Handlung der Folge ist wohl allen mehr als geläufig und zwar relativ einfach strukturiert aber nichtsdestotrotz spannend. Wirklich interessant sind die Verknüpfungen zwischen den einzelnen Handlungsfäden, die Parallelen zwischen den Charakteren und die Verweise auf die spätere Entwicklung der Beziehung zwischen Ben und Sayid, denn die hat es – wie wir alle wissen – in sich. In fast allen Sayid-zentrischen Folgen, die auf diese noch folgen, spielt Ben eine ähnliche große Rolle wie in dieser.

Der Subtext beginnt ja schon beim Titel „One of Them“/„Einer von Ihnen“. Ohne Frage denken die meisten da zuerst an Ben. Dabei erfahren wir in dieser Folge doch noch gar nicht, ob „Henry Gale“ denn nun tatsächlich einer von Ihnen ist. Sayid hingegen ist für jeden in dieser Folge stets „einer von Ihnen“: für Danielle ist er einer der Losties, für Inman und Austen einer der Iraker, ironischerweise für Tariq wohl einer der Amis und für Ben ist er ebenfalls einer der Losties, der Überlebenden, der anderen. Ben selbst fragt daher genau wie Sayid, als er in Danielles Gefangenschaft war: „Welche Anderen?“ Und die Frage ist nicht mal gelogen, denn wie Locke richtig feststellt, ist dieser Terminus mehr als relativ. Für Ben sind schließlich die Losties „die Anderen“. Wir haben uns so daran gewöhnt Jacobs Anhänger als „Andere“ zu bezeichnen, dass wir es als ihren Namen verinnerlicht haben, obgleich die Anderen von sich selbst bestimmt anders sprechen; was die nicht uninteressante Frage aufwirft, ob sie sich selbst jemals einen Namen gaben oder ob sie schon so lange da sind, dass sie nie auf den Gedanken kamen, sich vom Rest der Welt abzuheben, weil sie einfach zuerst da waren, vor allen anderen – seit Anbeginn der Zeit.

Nicht zum Anbeginn der Zeit, sondern in den frühen Neunzigern beginnt diese Episode und zwar in einem Militärbunker, wo ein paar Irakische Soldaten Papiere schreddern wie Anlagebetrüger vor der Steuerprüfung. Was sie da vernichten, das in den Bomben nicht eh’ untergegangen wäre und auch noch für irgendwen von Interesse wäre, sei jetzt mal dahingestellt. Viel mehr beschäftigt mich die Frage, woher Sayid so gut Englisch kann? Ob es Schicksal ist, dass er so sich und einem anderen Soldaten das Leben retten kann? Kurz darauf behauptet er, es sei kein kommandierender Offizier vor Ort, denn der sei nach Hila geflohen – Tatsache ist jedoch, dass Tariq nur wenige Sekunden, bevor die Amerikaner den Raum stürmen, bekräftigt hat, dass der Soldat seinen Anweisungen folgen solle, weil er nun einmal der kommandierende Offizier sei.

Es gibt in dieser Folge viele Querverbindungen: In Sayids Rückblenden treffen wir sowohl Sam Austen (Kates Vater) wieder als auch Kelvin Inman, der später mit Desmond im Schwan leben und arbeiten wird, ehe er von diesem getötet wird. Mein Mitleid für Inman hält sich allerdings in Grenzen, da er im Begriff ist ein Monster zu erschaffen, das seinerseits jenes Monster wecken wird, das ihm auf der Insel für sein eigenes Empfinden in dieser Folge erstmals begegnen wird. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Weder ist Sayid ein Monster noch Ben, doch in beiden wird ein Monster kreiert, das sich beizeiten seinen Weg nach draußen kämpft. Das macht sie auch so unberechenbar und gleichzeitig so ambivalent wie tragisch. Es ist daher wohl endlich an der Zeit den Vergleich zwischen diesen beiden Charakteren anzugehen, die sich viel ähnlicher sind, als sie wahrhaben wollen.

Als Ben Sayid das erste Mal begegnet, ist Sayid ein Gefangener der Dharma-Initiative, den sowohl Ben als auch die meisten Dharma-Leute für einen der Feinde halten. Dumm für Ben, denn die sogenannten Feinde haben ihn bislang besser behandelt als sein eigener Vater – da gehört zugegeben auch nicht viel dazu. Sayid wird in seiner Gefangenschaft von Ben umsorgt. Ben bringt ihm Essen, leistet ihm Gesellschaft und verhilft ihm letztlich sogar zur Flucht. Was ist der Dank dafür? Sayid versucht, Ben zu erschießen. Sayid will die einzige Person auf dieser Insel töten, die bereit war, ihm zu helfen – ein unschuldiges Kind. Ein unschuldiges Kind? Was war es noch gleich, das Sayid dazu brachte, Tariq zu foltern, ihn an die Amis zu verraten? Ein Video und die Behauptung, Tariq habe militärische Test mit Saringas an unschuldigen Frauen und Kindern durchgeführt – eine Massenvernichtungswaffe, wie es auch eine Wasserstoffbombe ist. Man könnte bald sagen, Sayid sei zu dem geworden, was er jagte – er wäre nicht der erste. Saringas ist ein Nervengas, ein Giftgas – also durchaus vergleichbar mit jenem Stoff, den Charles Widmore nutzte, um die Dharma auszulöschen: eine weitere Parallele zwischen Ben und Sayid – beide befolgten sie Befehle eines Monsters, das um ein Vielfaches sadistischer war, als sie selbst. Charles und Tariq bringen beide die Qualitäten zum Massenmörder und Demagogen mit und würden sich gewiss als Diktatoren recht gut machen – Ben und Sayid befinden sich zu diesem Zeitpunkt noch in einer Position, wo sie nur Befehle befolgen oder verweigern können. Beide wagen es ihre Befehle zu verweigern, doch aus anderen Gründen und aus einer anderen Situation heraus. Sayid verweigert Tariqs Befehle erst, als dieser eh’ nichts mehr zu befehlen hat und Sayid selbst nicht nur Rückendeckung durch die Amis erhält, sondern darüber hinaus sogar deren Befehle entgegennimmt. Sayid verhält sich also mehr als opportunistisch. Und Ben? Ben macht das Befolgen oder Verweigern eines Befehles mit seinem Gewissen aus. Vermutlich hat er oft genug „Königreich der Himmel“ gesehen: „Ein König mag einen Mann fordern, aber seine Seele gehört ihm allein.“ Gegenüber Charles rebelliert Ben vehement und stürzt ihn am Ende sogar. Wir wissen nicht, inwieweit er sich da schon über Jacobs Rückendeckung bewusst war.

Ben wurde in Folge seiner Begegnung mit Sayid verändert. Juliet, Kate, James und Richard wollen Bens Leben retten, doch Richard weiß um den Nachteil: er wird einer von Ihnen werden. Ben wird sein Mitgefühl genommen. Als Ben aus dem Tempel kommt, ist er kein normaler Mensch mehr, er wird etwas anderes: ein einsames, verbittertes Häufchen Elend, das in dem festen Glauben lebt, dass nichts wichtiger ist als der Schutz der Insel. Dieser Aufgabe, dieser Pflicht muss sich alles andere unterordnen – auch er selbst. Die Art und Weise wie Richard hervorhebt, Ben sei, wenn er gerettet würde, ohne Mitleid und ewig einer von Ihnen, suggeriert doch, dass die vollwertigen Anderen sich von normalen Menschen dadurch unterscheiden, dass sie weit rationaler und nicht nach emotionalen Gesichtspunkten handeln. Das würde auch das Verhalten gegenüber den Losties erklären: Sie haben kein Mitleid mit den Losties, weil diese Emotion für sie nicht existiert, nicht existieren darf. Für sie gelten nur Logik und ihr Besitzrecht. Das Problem ist nur: Ben ist offenkundig keine willfährige Maschine – auch nach der Rettung im Tempel nicht. Er empfindet Mitleid, Reue und Einsamkeit. Wie hat er sich also verändert, als er aus dem Tempel kam? Vielleicht liegt genau da das Problem. Denn eines ist offenkundig: seine emotionale Entwicklung findet überhaupt nicht mehr statt. Ben kommt nicht mehr über den Status des einsamen, gequälten und von allen enttäuschten Jungen hinaus, der sich nichts mehr wünscht als Anerkennung und eine Vaterfigur, die ihm ebendiese entgegenbringt. Sowohl Jacob als auch „Samuel“ verstehen diese Schwäche für sich nutzbar zu machen und somit Ben zu instrumentalisieren, ihn zu einer Waffe zu formen, die es ihnen ermöglicht, unerkannt zu blieben. Sie halten die Fäden in der Hand und machen sich so nicht die Finger schmutzig. Die Drecksarbeit darf ein anderer erledigen. Hass und Zorn der Menschen auf der Insel zieht nun Ben auf sich und Jacobs Weste bleibt weiß. Jacob kann der gütige Beschützer bleiben, der allen ihren freien Willen lässt, das Leben bejaht und keiner Menschenseele etwas zu Leide tun würde. Letztlich bleibt eine Frage berechtigter Weise im Raum stehen: „Was ist mit mir?“ Ja, Ben, du bist der Fußabtreter der gesamten Menschheit, Jacobs Opferlamm, sein Prügelknabe und Sündenbock. Wundert einen da Ben Zorn und Verbitterung noch? „Samuel“ hat schon ganz recht: „Die Frage ist doch, Ben: Warum solltest du Jacob nicht töten wollen?“

Aber wie begegnet nun Sayid Ben, als er ihn das erste Mal trifft? Ganz anders als Ben Sayid – so viel ist klar. Aber schauen wir uns doch erst mal an, wie es überhaupt zur Begegnung der beiden kommt: Ana hat Danielle im Wald gesehen und – und das ist wohl wahrlich Ironie des Schicksals – sie hält die verrückte Franzosentussi für eine Andere. Dabei würden Ana und Danielle gut zusammenpassen: beide schießwütig und absolut durchgeknallt; beide haben sie ihr Kind verloren und beide sind sie nicht gut auf die Anderen zu sprechen. Ana sucht nach Jack und findet Wohl oder Übel Sayid. Das ist wohl gleich die nächste Schicksalsfügung dieser Folge. Aber die Aneinanderreihung mysteriöser „Zufälle“ (von denen wissen wir ja: die gibt es, wo Jacob in der Nähe ist, nicht einmal) nimmt damit keineswegs einen Abbruch, denn gleich als nächstes spricht Sayid Danielle auf sein mangelndes Vertrauen an und sie tut genau das, was Locke tat, als er Sayids Vertrauen gewinnen wollte: sie gibt ihm ihre Waffe. Warum Sayid Danielle nicht auch erwidert, dass beweise nur ihre Anpassungsfähigkeit, lass ich mal unbeantwortet im Raum stehen, da ich keine Antwort habe.

Und dann ist endlich Benry-Time. Ben ist gefangen in einem Netz (was für eine hübsche Metapher). Danielle hat Sayid gegenüber behauptet, sie hätte nie einen Anderen gesehen. Komisch, dass der sonst so misstrauische Sayid nicht mal kritisch nachfragt, wie Danielle sich so sicher sein kann, dass „Henry Gale“ einer von Ihnen ist. Wir wissen mittlerweile, dass Ben der einzige Andere ist, den sie je zu Gesicht bekam. Was Ben für sie und Alex getan und riskiert hat, hat sie nie erfahren und wird sie auch nie erfahren. Man kann es Danielle also keineswegs verübeln, dass sie „Henry Gale“ an Sayid übergibt, damit der eine ganz bestimmte Information aus Ben herausholt, die Danielle dereinst von Sayid wollte. Sayid ist ein besserer Folterknecht als Danielle selbst – das ist der einzige Grund, warum Ben nicht auf dem elektrischen Bett (bei ausreichender Voltzahl durchaus eine etwas bequemere Alternative zum elektrischen Stuhl) gelandet ist. Aber zumindest landet ein Pfeil in seiner Schulter – ein Pfeil, der sich im Laufe der Folge noch als erstaunlich biegsam erweisen wird.

Ben verliert das Bewusstsein und Sayid trägt ihn weg. Schnitt: Zwei Soldaten tragen Sayid weg. Ja, in der Folge verstehen es Darlton (die haben die Folge sogar selbst geschrieben) und Stephen Williams (der Regisseur dieser Episode) virtuos mit Bildern, Parallelen und der Gegenüberstellung der beiden Hauptakteure zu spielen.

Inman zeigt Sayid nun das bereits erwähnte Video von den Saringastests. Man sieht auf dem Video wenig und letztlich kann man nur darüber mutmaßen, ob Tariq getan hat, was Inman ihm unterstellt. Zuzutrauen wäre es Tariq zweifelsohne. Allerdings würde ich Inman keine 50cent borgen, denn er ist etwa so vertrauenswürdig wie ein sizilianischer Gebrauchtwarenhändler auf ’ner Bohrinsel (bitte keine Hass-Mails! Ich weiß, es gibt auch zahlreiche Sizilianer, die nicht kriminell sind, sondern nur für die Mafia arbeiten ;-) Spaß beiseite: es ist nur ein dummes Klischee, dessen Gebrauch man mir bitte verzeihen möge). Nichtsdestotrotz sagt Inman etwas sehr interessantes zu Sayid: „Loyalty is a virtue. But unquestioning loyalty – I don't think that's you.“ („Loyalität ist eine Tugend. Aber bedingungslose (bzw. nicht hinterfragende) Loyalität – ich denke nicht, dass das zu dir passt.“)

Willkommen in der Show: Weisheiten, die man auch Ben hätte sagen können! Beschreibt das nicht genau das, was Ben dazu brachte Jacob zu töten? Ben war bedingungslos loyal gegenüber Jacob und dann kam dieser gefakte Glatzkopf und riet ihm, seine Loyalität in Zweifel zu ziehen, zu überdenken, ob Jacob diese Loyalität verdient hätte. Ben und Sayid teilen sich dieses Problem: Loyal sein oder das richtige tun. Bei beiden reichte nur ein falsches Wort von einem Feind und sie kippten um. Die Loyalität vor ihrem eigenen Gewissen galt plötzlich mehr als die Loyalität gegenüber ihrem Befehlshaber. Letztlich spricht das Bände darüber, dass sie gute Menschen in einer schlechten Situation sind/waren. Weder hat Ben es genossen für Jacob Menschen zu entführen oder zu töten, noch hat Sayid es genossen zu foltern und zu morden. Der Unterschied jedoch ist: Ben zweifelt bei jeder dieser Handlungen aufs Neue, während Sayid einem Weg geradlinig folgt, wenn er ihn einmal eingeschlagen hat, bis sich ein Hindernis (etwa Nadia) in den weg stellt. Ben hingegen bleibt in seinem Handeln loyal, weil er ein Treffen mit Jacob anstrebt und die Insel beschützen will. In seinen Gedanken ist Ben jedoch längst nicht so loyal wie man meinen könnte. Wie oft hat er schon gezögert, Jacob zuwider gehandelt oder ihn in Zweifel gezogen? Im Endergebnis tut er aber, was ihm aufgetragen wird – selbst wenn das bedeutet, der Insel den Rücken zu kehren, alles aufzugeben, was ihm wichtig ist und die Chance auf ein Treffen mit Jacob womöglich für immer zu verspielen.

Ob Ben nun wirklich auf Jacobs (vermeintliches) Geheiß im Schwan landet oder es ihm einzig und allein um eine OP (er ist offenkundig Kassenpatient) geht, kann man nur mutmaßen. Er weiß aber, wen er mit Sayid vor sich hat, soviel ist sicher, denn Ben hat seine Hausaufgaben stets gemacht. Er weiß immer alles über Freund und Feind, was sich zu wissen lohnt, weshalb er wohl schon ahnen dürfte, was ihm blüht. Das demonstriert sowohl seine Willensstärke als auch seine Verzweiflung... okay, vielleicht ist er auch einfach ein Masochist und fühlt sich an Daddy erinnert, wenn ihm mal wieder einer das Gesicht zu Brei schlägt oder ihm ’ne Bierdose an die Rübe semmelt. Offen bleibt wohl die Frage, an was aus dieser Zeit er sich überhaupt noch erinnert. Er hat drei Jahre mit Juliet und Sawyer Tür an Tür gelebt, wenn diese drei Jahre weg wären, wäre praktisch alles, was ihm vor seinem Besuch im Tempel auf der Insel passiert ist, futsch. Ist das wahrscheinlich? Nein, ist es nicht. An was kann er sich also alles erinnern? Auf jeden Fall an mehr als er zugibt. Ganz abgesehen davon, vergisst man nie ganz. Dinge, die man verdrängt hat oder die im Unterbewusstsein schlummern, sind dennoch da. Das Gehirn speichert alles, nur können wir auf das wenigste davon gezielt zugreifen (wie bei einem PC: das Meiste landet im Papierkorb, der allerdings in diesem Falle nie geleert wird), was jedoch nicht bedeutet, das unser Unterbewusstsein es nicht wüsste. So gab es schon Fälle, wo selbst Erlebnisse aus der Zeit im Mutterleib Phobien auslösten. Ein Teil von Ben erinnert sich also auf jeden Fall an Sayid.

Bens Talent zu Planung und Improvisation gleichermaßen demonstriert er hier von Anfang an eindrucksvoll. So baut er auch die von Danielle immer wieder erwähnte Seuche in seine Geschichte ein und behauptet, dass seine Frau krank geworden und gestorben sei. Als man ihn nach den Anderen fragt, lautet seine Antwort: „Other? What?“ („Anderer? Was?“). Auch im weiteren Verlauf bleibt er bei seiner Geschichte und schmückt sie durch viele Halbwahrheiten aus. Ich sag mal so: das, was Ben Sayid erzählt, klingt objektivgesehen überzeugender als der zusammengestammelte Kram, den Sayid Danielle damals auftischte – die Pointe dürfte bekannt sein. Folglich stellt Locke auch fest: „I think he's pretty convincing.“ („Ich finde, er ist recht überzeugend.“)

Locke mutmaßt auch, Sayid suche vielleicht nur jemanden, an dem er seine Aggressionen für Shannons Tod auslassen kann („If you're angry – looking for someone to punish...“) – Ben ist also so eine Art lebender Punchingball, oder was? Mit Zorn wiederum kennt Locke sich ja bestens aus. Am Ende der Folge wird offenbar, dass Locke mit seiner Vermutung ganz recht hatte.

Sayid suggeriert Locke, was er vor hat, und meint, dass Locke ihm helfen solle, das überaus fragwürdige Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sayid sagt: „And I think we both know that Jack will have issues with what must be done in order to get it.“ („Und ich denke, dass wir uns beide darüber im Klaren sind, dass Jack Einwände haben dürfte bei dem, was getan werden muss, um sie [die Gewissheit] zu erlangen.“) „Issues“? Das als Euphemismus zu bezeichnen, wäre selbst einer. Die reden über eine geplante Folter wie übers Kaffeekochen. Dass Jack nach dem, was mit Sawyer passiert ist, Einwände haben dürfte, überrascht kaum. Mich überrascht vielmehr, dass Locke keine hat. Immerhin reden wir hier von dem wohl Verachtenswertesten, das ein Mensch einem anderen antun kann, obendrein lediglich gestützt auf die Aussage einer völlig durchgeknallten Französin. Wir wissen zwar, dass sie recht hatte, aber das mildert die Tat in keinster Weise ab. Grundlegend war Sayid dazu bereit einen womöglich unschuldigen Mann zu foltern, weil er vielleicht zu einer Gruppe von Menschen gehören könnte, über deren wahre Motive und Absichten er nicht einmal etwas weiß. Ganz abgesehen davon, ist Folter prinzipiell nur schwerlich zu rechtfertigen, da sie einzig und allein den Zweck verfolgt, den Gegenüber leiden zu lassen, um etwas von ihm zu erfahren, von dem man mutmaßt, er wisse es – folglich ist es nicht einmal eine unmittelbare Prävention. Sayids Vermutung ist aber mit Sicherheit kein ausreichender Grund und ein abgestürzter Helikopter genauso wenig. Sayid bezeichnet das, was er tut, als er erst mal mit Ben allein ist als „was getan werden muss“. Muss? Wieso muss das getan werden? Jetzt mal ehrlich: was hat Sayid, was hat irgendwer davon, dass Sayid Ben foltert? Selbst wenn Ben zugibt, was Sayid hören will, ist dadurch doch nichts gewonnen. John rechtfertigt die Tat vor Jack mit dem Krieg, für den sich Jack und Ana rüsten wollen. Ja...öhm...und weiter? Das Wissen darum, dass Ben ein Anderer ist, wäre nur sinnvoll, wenn man im gleichen Stil weitermachen würde, um ihm irgendwelche nützlichen Informationen zu entlocken. Allerdings gibt es nichts wirklich nützliches, das Ben ihnen sagen könnte, was sie dann auch glauben würden.

Sayid ist also mit Ben allein und Jack versucht die Waffenkammer zu öffnen. Er scheitert und fragt John: „Why isn't this combination working, John? Did you change it?“ („Warum funktioniert die Kombination nicht, John? Hast du sie geändert?“) Boah, wat’n Schnellmerker! Wiedereinmal geht der Preis für die dümmste Frage der heutigen Folge an Jack! Ebenfalls nominiert waren: „Sayid, hey, what the hell are you doing?“ („Sayid, hey, was zur Hölle machst du da?“) – ebenfalls ein klassischer Jack, weshalb sich hier auch „You think I'm stupid?“ („Hältst du mich für bescheuert?“) anschließt (nein, Jack, denn das würde voraussetzen, dass wir es lediglich vermuten) – und außerdem „You would risk everyone's lives?“ („Du würdest eines jeden Leben riskieren?“) – fast schon prophetisch, dass John Jack das fragt.

Ben sagt ein paar Mal durchaus die Wahrheit während des „Verhörs“. So entgegnet er Sayid etwa: „Look, whatever you think I am, I'm not.“ („Guck mal, was immer du glaubst, das ich bin, ich bin es nicht.“). Stimmt von einem gewissen Standpunkt aus sogar und wird ewig stimmen. Sayid hält Ben stets für etwas, das er nicht ist: ein Monster. Man könnte echt meinen, Ben hätte einen Spiegel vorm Gesicht.

Interessant ist auch, dass das, was Sayid Ben über sich erzählt, in groben Zügen auch auf Ben selbst zutrifft. Sayid sagt, er sei ein guter Mensch gewesen und der Krieg habe in ihm das schlimmste zum Vorschein gebracht. Bei Ben war es ein schießwütiger Iraker, der seine dunkle Seite weckte.

Der Alarm geht los und Jack sieht seine Chance (übrigens hört man Ben und Sayid die ganze Zeit im Hintergrund, ist mir vorher nie so aufgefallen). Obgleich Jack mit dem, was er beabsichtigt, absolut recht hat, sind seine Methoden, um an sein Ziel zu kommen, typisch erpresserisch und obendrein lebensmüde. Aber es funktioniert: John öffnet die Tür zur Waffenkammer und stürmt in den Dom. Er vertippt sich – mal wieder. Der Zähler hat die Null erreicht und die erste Hieroglyphe erscheint. Letztlich bekommen wir drei der fünf Zeichen zu sehen: eine Feuerstelle/Flamme (Jacob lässt grüßen), ein Schmutzgeier und zu guter letzt der Determinativ (ein stummes Zusatzzeichen zur Unterscheidung von Wörtern mit gleichem Konsonantenbestand, da die Vokale im Altägyptischen nicht wiedergegeben werden) für Tod, der entfernte Ähnlichkeit mit stilisierten Darstellung des Haupts eines Schakals hat – ein Zufall? Ich glaube nicht an Zufälle. Für alle, die es gerade nicht auf dem Schirm haben: der Schakal ist das Schutztier des Anubis, also der Hüter der Unterwelt.

Jack zieht Sayid aus der Waffenkammer und Ben wirft Sayid einen bedeutungsschwangeren Blick zu. Runde Eins geht an Ben – alle noch folgenden Runden aber auch^^. Jetzt spricht Jack den entscheidenden Knackpunkt aus: „I think that Rousseau thought that about you once, Sayid. If I'm not mistaken she strapped you down, she shocked you, all because she thought you were one of Them.“ („Ich denke, dass Rousseau einst das Gleiche über dich dachte, Sayid. Wenn ich mich nicht irre, band sich dich fest, setzte dich unter Strom, alles weil sie dachte, du wärest einer von Ihnen.“) Hätte man kaum besser sagen können. Jack bringt es auf den Punkt: Ob Ben ein Anderer ist oder nicht, ist bedeutungslos – in dubio pro reo! Der Zweifel genügt, um Ben in Frieden zu lassen. Leider verhält sich Jack viel zu selten nach diesem Grundsatz, aber in Sachen Folter hat er seine Lektion wohl gelernt. Aber das Problem ist ja, Sayid will seine Zweifel durch die Folter ausräumen. Das ist zugegeben ein Dilemma. Aber es bleibt auch hier weiterhin die Frage, was Sayid von der Sicherheit hätte. Denn ginge es ihm nur darum, seine Zweifel auszuräumen, hätte Ben es ja gefahrlos zugeben können, dass er einer von Ihnen ist. Sayid belügt sich wiedereinmal selbst. Er kann Ana nicht für Shannons Tod verprügeln, also sucht er sich wen anders. Ganz abgesehen davon, dass er Nadias Unglück auf Shannon projiziert hat und Ben nun für beide bluten muss. Das ist wohl Bens Schicksal: Nicht nur für die eigenen Fehler Prügel kassieren, sondern auch für die anderer. Wie bereits gesagt: der Sündenbock.

Ehe wir von dem folternden Iraker zum folternden Baumfrosch übergehen, reisen wir noch ein letztes Mal in den Irak. Eigentlich eine interessante Kulisse. Um es mit den Worten des von mir sehr verehrten Volker Pispers zu sagen: das Arschloch bleibt im Wandschrank. Sam Austen zeigt ein Bild von Klein-Katie rum, als der LKW hält. Jetzt offenbart sich, dass Inman Sayid gar nicht gebraucht hätte, denn er spricht fließend Arabisch. Apropos: Ben spricht nicht nur fließend Arabisch, sondern auch Türkisch, Latein und höchstwahrscheinlich Deutsch, Französisch und Portugiesisch (sonst würden seine geheimen Identität nicht viel nützen, um unterzutauchen). Inman zumindest hätte Sayid nicht gebraucht, er hat ihn also aus einem anderen Grund, dazu gebracht Tariq zu foltern. Was also veranlasste Inman dazu, Sayid so zu formen? Das Problem ist: ich könnte nicht einmal sagen, ob diese Lehrstunde in Folter nun zu Sayids Vor- oder Nachteil war.

Kommen wir aber nun wie versprochen zum Folter-Forsch. Sawyer hat also mal wieder Ärger mit einem der tierischen Ureinwohner. Vermutlich ist der Baumfrosch die Reinkarnation irgendeines Typen, den James mal abgezockt hat ;-). Okay, es könnte auch einfach nur ein Baumfrosch sein. Auf der Suche nach der kleinen Nervensäge deckt Sawyer Hurleys geheimes Laster auf. Wobei so geheim war es nun auch nicht, denn Hurley ist – wie er selbst sagt – nun einmal: „Fat, fat, fat, fat, fat. You think I don't know that?“ (Fett, fett, fett, fett, fett. Glaubst du denn das weiß ich nicht?“) Ich kann Hurley so gut verstehen. Auch wenn ich bestimmt 42kg weniger auf die Waage bringe, kenn ich das Problem mit Leuten, die meinen, sie müssten einen auf etwas so offensichtliches hinweisen. „Eye, du bist dick!“ – „Ach, echt? Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Jetzt versteh ich endlich, warum ich es so schwer hab passende Klamotten zu finden. Danke!“ Als Sawyer den Frosch dann hat, macht er auch gleich kurzen Prozess mit ihm.

Und da kann man nur sagen, dass diese Aussage auf die Losties mindestens genauso zutrifft wie auf die Anderen, wenn nicht gar noch mehr: „That these people – these Others – are merciless, and can take any one of us whenever they choose“ („Dass diese Leute – die Anderen – mitleidlos sind und jeden von uns nehmen können, wann immer sie wollen.“)

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Slosties: Red-Shirt-Day I

Okay, das sind nicht alles vollwertige Red-Shirts, aber dann hätte die Andeutung auf "Red-Nose-Day" nicht funktioniert. Zumindest sind alle heutigen Slosties Charaktere, die zu wichtig sind, um sie wegzulassen, aber nicht wichtig oder vielseitig genug, um ihnen eine Türchen ganz für sich alleine zu widmen. Aber dafür ist mein ganz persönlicher Liebling unter unseren Slosties dabei und es dürfte nicht schwer sein, zu erraten, welcher es ist.

Mit einem Augen schießt dieser Russe besser als andere mit zwein


Aaron Littlton/Austen/Shephard/Jacobsson? was weiß ich!

eine Schießwütige Franzosen-Tussi


Nikki - ein echte Spinnenfreundin
(Was aus ihr und Pablo wohl in Staffel 6 wird?)


Schleuder-Sally


"Wenn Dynamit lange bei hoher Luftfeuchtigkeit lagert,
schwitzt es Nitro-Glycerin aus, was in Händen von
High-School-Lehrern 42mal so gefährlich ist wie in denen von
Chirurgen, Spielwarenhändlern oder Kriminellen!"

Alvar Hanso in jungen Jahren


Alvar Hanso in alten Jahren

Samstag, 31. Oktober 2009

Teil 2 ist da!

Für den Fall, dass einer von ihnen den Arzt macht, teilen Jack, John und Kate das Dynamit untereinander auf. Zwei von ihnen sollen je drei Stangen transportieren. Es wird ausgelost. Doch Jack lässt sich sein Leben nun einmal weder vom Schicksal noch von Streichhölzern vorschreiben und steckt das Dynamit in seinen statt in Kates Rucksack. Auf dem Rückweg philosophieren John und Hurley über den Inhalt der Luke und sagen wir mal so: Hurley liegt eindeutig näher dran! Dann jedoch hören wir zunächst einen Vogel, der nach Hurley schreit. Als sich erneut ein Hurley-Vogel blicken und hören lässt, meint Hurley selbst, dass wer immer sich den Namen „Dunkles Territorium“ ausgedacht habe, ein Genie sei. Unmittelbar danach erblickt Jack eine zwischen den Bäumen umherfliegende, schwarze Nebelschwade (nein, es ist nicht der Erlkönig... oder etwa doch? Wer weiß das schon noch?). Jack und Kate sehen sich an und sie bestätigt, „es“ auch gesehen zu haben. Ein weiteres Mal schreit ein Vogel nach Hurley, plötzlich werden vor Jack, Kate, Hurley und Locke Bäume entwurzelt und in die Luft geschleudert. Jack, Kate und Hurley ergreifen die Flucht. Locke geht auf das noch immer nicht zu sehende Wesen zu – vermutlich in dem festen Glauben, es handle sich um das selbe Geschöpf, auf das er in „Wildschweinjagd“ getroffen ist. Begierig auf ein Wiedersehen geht John immer tiefer in den Wald hinein. Doch dann erblickt er das Wesen. Johns Gesichtsausdruck spricht hier Bände: das ist nicht, was er erwartet hat. Er sieht nun eindeutig etwas anderes, als das, was er dereinst im Dschungel traf. Diese Szene macht in meinen Augen mehr als eindeutig klar: es gibt zwei Monster, denn John ist zu erschrocken und verängstigt, um eine andere Erklärung gelten zu lassen. Es passt zu perfekt als, dass es anders sein könnte. Denn plötzlich hat Locke Angst, ergreift die Flucht. Das ist ein so klares Indiz dafür, dass dieses Monster, vor dem John nun flieht „Samuel“ ist und jenes, das er damals traf, Jacob, dass die einzige andere Erklärung, die logisch erscheinen würde, die wäre, dass es zumindest zwei Monster im Dienste der beiden gibt. Denn aus welchem Grund sollte sich EIN Monster John zweimal in zwei verschiedenen Formen zeigen. Das würde keinen Sinn ergeben.

Bevor John dann von Cerberus gepackt wird, hören wir erneut einen Hurley-Vogel schreien. Dann ertönt das mechanische Klackern einer Kette, die von einem Zahnrad aufgerollt wird und John wird wie dereinst Montand vom Monster in eine seiner Höhlen gezerrt (allerdings nicht unter den Tempel!). Jack packt John gerade noch rechtzeitig am Arm und obgleich John gerade noch panisch geflohen ist, verlangt er nun von Jack: „Let me go! I’ll be alright!“ („Lass mich gehen, mir passiert nichts!“). Auf Jacks Anordnung hin wirft Kate eine Stange Dynamit in den Schacht, die auch prompt von alleine explodiert, woraufhin Cerberus erst den Arzt und anschließend die Fliege macht. Später behauptet Locke gegenüber Jack, er sei getestet worden. Und plötzlich sind wir wieder mitten in dem Streitgespräch über Glaube und Wissenschaft. Aber wir sind auch kurz vor der Luke, an der Jack zu Kate sagt: „We’ve gonna have a Locke-problem“ („Wir werden ein Locke-Problem haben.“) Wow, Jack, noch ehe du Ben das erste Mal triffst, klingst du schon wie er. Und nicht nur das: auch dein Gesprächspartner trägt beizeiten Eyeliner.

Aber dann entdeckt Hurley die Zahlen und rastet total aus. John sprengt die Luke dennoch und für einen kurzen Moment könnte man denken, man hört von unten das altbekannte Piepsen des Countdowns, doch in Wahrheit handelt es sich ja nur um das etwas verfrühte Geräusch des Sonars auf dem Floß (und das, liebe Kinder, war Sarkasmus). Dieser kleine Filmtrick beim Schnitt war wohl volle Absicht. Aber wo wir nun eh’ auf dem Floß sind, können wir da auch bleiben:

Aber auch hier machen wir einen kleinen Sprung zurück. Ehe das Floß ablegt, geht Walt zu Shannon, um ihr Vincent als Seelentröster zu hinterlassen. Bei der Abreise muss Walt Vincent regelrecht an Land zurückscheuchen: „Go back, Vincent! Vincent, go back!“ („Schwimm zurück, Vincent! Vincent, schwimm zurück!“). Wir sind uns wohl alle einig darüber, dass hinter Vincent weit mehr steckt, als man bislang weiß. In Staffel 2 wird er noch aktiver ins Geschehen eingreifen und wir sollten uns dann wohl auch einmal ausführlich mit diesem verrückten Flohteppich beschäftigen.

Als das Floß schon längst auf hoher See ist, finden wir Sun am Meer sitzend. Sie blickt zunächst aufs Meer und dann auf ihren Ehering – kein ganz unbedeutendes Detail, bedenkt man, dass sie ihn in Kürze verlieren wird.

Auf dem Floß hält James sich derweil mit jener Flaschenpost, mit der Sun ihren Ehering verbuddeln wird, bei Laune. Als James in einem Nebensatz erwähnt, der einzige Brief, den er je geschrieben habe, sei für den Mann, den er töten werde, hat er arge Probleme, Walt einen Grund zu nennen, weshalb er den echten Sawyer töten wird. Obgleich James natürlich noch weiß, wieso er Sawyer töten will, zeigt seine Unsicherheit und Genervtheit doch eines deutlich: Diese Vendetta ist für ihn zu einer irrationalen Manie geworden. James hat sich selbst eine Pflicht auferlegt, die ihn gefangen halten wird, bis er sie erfüllt hat. Diese Aufgabe bestimmt sein Leben. Stellt sich nur die Frage, ob da nicht eine verdammt große Leere zurückbleibt, wenn er seine Lebensaufgabe, Sawyer zu töten, erfüllt hat.

Dass aus Feinden Freunde werden können, beweisen Michael und Jin derweil mit einer nie da gewesenen Hingabe. Wirklich zum Streit kommt es auf dem Floß erst, als das Sonar ein Fischerboot ortet. Das Boot kehrt um, nachdem die Leuchtmunition abgeschossen wurde. Falsche Hoffnung keimt auf und endlich mal haben wir einen Red Herring, der sich zumindest mal im Wasser aufhält. Weitere Rote Heringe finden sich in der dritten Inselstory, die mit Aarons Rückkehr endet, während auf dem Floß gerade Walt entführt wird – aber das ist ja nichts neues: Bei „Lost“ ziehen Gegensätze sich zumindest in dramaturgischer Hinsicht gerne an. Ein wahrhaft scheinheiliger Red Herring ist die Madonnenstatue in Charlies Rucksack – außen hui, innen pfui. Aber wie kam jetzt noch mal die Statue in Charlies Besitz? Zeit ein letztes mal auf der Insel zurückzuspringen, ehe wir uns den letzten richtigen, noch ausstehenden Rückblenden zuwenden (nein, die habe ich in keinster Weise vergessen).

Schon während des geplanten Umzugs zu den Höhlen fordert Charlie von Sayid eine Waffe. Als hätte er es geahnt. Denn als Rousseau zurückkehrt, helfen Claire alle Babybjörns dieser Welt nicht. Claire erinnert sich, denkt sie habe Danielle gekratzt, als diese sie entführen wollte. Verzweifelt und ausgesprochen durchgeknallt wie Danielle ist, tut sie nun Claire das an, was Ben 16 Jahre zuvor gezwungen war ihr anzutun. Aber da sind wir ja mal wieder beim Thema. Sayid sagt: „This isn’t about revenge!“ („Es geht nicht um Rache!“) Doch genau das tut es. In der Serie geht es ständig um Rache und gerade Sayid ist da alles andere als eine Ausnahme. Aber er durfte mal wieder den Moralapostel spielen. Charlie warnt er ja schon, er solle ihn nie wieder schlagen. Ja, was passiert denn dann, Sayid? Reist du dann auch noch in Charlies Vergangenheit, um ihn auch über den Haufen zu schießen, wenn er zu jung ist, sich zu wehren?

Claire will vor allem ihren Aaron zurück und möchte am liebsten mitgehen. Als man ihr davon abrät, sagt sie einen Satz, den ich in der Serie jetzt schon fast begonnen habe zu vermissen: „Don’t tell me what to do!“ („Sag mir nicht, was ich tun soll!“) Hach, schön... das ist wie „I’ve a bad feeling about this!“ („Ich hab da ein ganz mieses Gefühl!“) bei „Star Wars“. Es geht nicht ohne! Sayid und Charlie ziehen also alleine los und erreichen irgendwann auch die Beechcraft/ den Drug-Store, bei dem Charlie erst einmal seine Wochenendeinkäufe erledigt: „Einmal eine Statue der Mutter Gottes mit Heroin drin zum Mitnehmen, bitte!“

Kurze Zeit später tappt Charlie dann in eine von Danielles Fallen. Die Wunde an seinem Kopf spricht mal wieder eine überdeutliche Sprache: Knapp daneben ist auch vorbei. Aber jeder braucht halt ein Hobby – das Hobby des Sensenmannes heißt Charlie Hieronymus Pace. Sayids Methode die Wunde zu versorgen ist eigenwillig aber effektiv und hätte gut von Arzt kommen können, denn der hat es ja mit explosiven Dingen.

Als Sayid und Charlie Danielle dann am Ende einholen, attestiert Charlie ihr: „You’re pathetic!“ („Du bist erbärmlich!“) Haben wir da mal wieder einen Satz, den wir öfters zu hören bekommen? Ja, den haben wir. Wir müssen nicht einmal bis zu Jacobs Hütte schweifen, in der John Ben dies vorhält. Nein, wir werden schon im Staffelfinale fündig. Auch Charlies angeblicher Groupie/Co-Junkie Lily beschimpft Charlie mit eben diesen Worten, nachdem die zwei sich um den letzten Rest Heroin gekloppt haben. Vielmehr kann man über Charlies Flashback auch nicht sagen. Er taucht aber auch in Hurleys auf und motzt ihn im Fahrstuhl an. Folglich gehen wir nun also zu Hurleys Flashback über:

Alle Kräfte des Himmels und der Erde scheinen sich gegen Hurley verschworen zu haben oder vielleicht auch für ihn... ? Zumindest muss es auf Hurley so wirken, als habe Murphys Law ihn voll am Wickel, denn irgendeine Macht will wohl nicht, dass er diesen Flieger erwischt: Sein Wecker hat ’nen Kurzen , weshalb er verschläft; der Fahrstuhl ist voll; das Auto bleibt stehen (übrigens die Anzeige zeigt oben „42KM“ und zählt darunter nach unten: 15KPH ® 8 KPH ® 4 KPH; die Zahlen tauchen außerdem komplett als Rückennummern einer Sportmannschaft auf und in Bezug auf den Flug in der Flugnummer 815 und in Gate 23); er muss einen weiteren Sitz kaufen; ist am falschen Schalter und so weiter und so fort. In der Schlange vom Sicherheitsterminal steht übrigens auch Arzt, der später im Flieger Claire (deren Rückblende fiel der Schere zum Opfer) mit ihrem Koffer hilft. Wie Ben später bei 316, kommt also Hurley bei 815 gerade noch rechtzeitig.

Jemand anders war zwar überpünktlich, hatte aber dennoch Probleme an Bord zu kommen: Locke musste getragen werden. Auf der Insel braucht Locke keine Hilfe mehr. Dort öffnet er mit Jack gemeinsam die Luke und sie sehen hinab. Und genau hier, machen wir morgen weiter. Was aber nicht heißt, dass es sich nicht lohnen würde, gegen Abend noch einmal einen Blick ins Blog zu werfen ;-)

Freitag, 30. Oktober 2009

Ihr habt lange genug gewartet

Ich hab jetzt beschlossen das Ganze in zwei Teile zu splitten. Hier kommt also Part I:

Tag 32/33/34 – 24.10.2009 – 26.10.2009:

Zeit fürs erste Staffelfinale „Exodus“ – also den Aufbruch. Gemeinhin wird der lateinische Begriff „Exodus“ vor allem mit dem Zweiten Buch Mose in Verbindung gebracht, welches die Geschichte des angeblichen Autors selbst beinhaltet und somit vom legendären Auszug der Israeliten aus Ägypten berichtet. Ihm voran geht das Buch „Genesis“ (die Schöpfungsgeschichte), in dem auch Jakob, der Stammvater der Israeliten, eine bedeutende Rolle spielt. Die anderen drei Bücher Mose sind im Übrigen: Levitikus („Buch der Leviten“ – also der zwölf Söhne Jakobs), Numeri (lat. „Zahlen“) und Deuteronomium (gr. „zweite Gesetzgebung“). Man kann wohl davon ausgehen, dass der Begriff „Exodus“ anstelle von „Departure“/„Aufbruch“ nicht ohne Grund gewählt wurde.

So wird im 13. Kapitel, Vers 21 berichtet: „Tagsüber zog der Herr in einer Wolkensäule vor ihnen her, um ihnen den Weg zu zeigen, und nachts war er in einer Feuersäule bei ihnen, die ihren Weg erhellte.“ Eine Wolken- oder Rauchsäule führt Danielle zu den Anderen. Als der Ursprung der Rauchsäule des Nachts erreicht wird, stellt er sich als einsame Feuerstelle und Ablenkungsmanöver heraus. Ferner würde das Bild auch wieder zu der These passen, dass Jacob und sein Gegner als zwei Aspekte der Insel durch Rauch und Feuer repräsentiert werden. Die Rauchsäule ist ein Red Herring – man will uns suggerieren, dass es ein Signal der Anderen ist und sie sich an ihrem Fuße aufhalten. Doch am Ende finden Sayid und Charlie Rousseau vor, die sagt: „I heard them say they were coming for the child. The Others said they were coming for the boy.“ („Ich hörte sie sagen, sie kämen für das Kind. Die Anderen sagten, sie kämen für den Jungen.“) Da stecken so viele falsche Annahmen drin, wie in den meisten von Danielles „Wahrheiten“ – weder sind die Anderen für das Flüstern verantwortlich, noch war mit dem Jungen jemals Aaron gemeint, sondern Walt. Ganz abgesehen davon zeigt sich erneut Danielles völliger Realitätsverlust und ihre Irrationalität: Man kann Menschen nicht austauschen wie Waren. Ben hatte ihr gesagt, dass sie nie nach ihm suchen sollte. Man fragt sich, was passiert wäre, wenn er tatsächlich bei der Feuerstelle gewartet hätte.

Aber es gibt noch mehr Exodus-Motive: Vielleicht ist „Samuel“ ja auch so eine Art Goldenes Kalb. Er zeigt sich, während Jacob erwartet, dass man an ihn glaubt, ohne mit ihm zu sprechen, dass man seinem Boten (Richard) vertraut, so wie Gott nur mit Moses sprach. So kann „Samuel“ die Menschen verleiten, manipulieren, vom rechten Pfad abbringen. Ferner ist es auffällig, dass Claire ausgerechnet in dieser Mega-Folge den Namen „Aaron“ für ihren Sohn wählt, denn Aaron war schließlich der leibliche Bruder Mose. Aber auch die Frage nach Bestrafung und „gerechten Plagen“ wird in diesem Finale immer wieder aufgeworfen und könnte ein Verweis auf die zehn biblischen Plagen sein. Auf die Thematik „Strafe des Schicksals“ komm ich später noch mal zurück, zuvor sei noch die offenkundigste Analogie zum Buche „Exodus“ genannt:

In gewisser Weise handelt es sich bei der Flucht mit dem Floß tatsächlich um einen Aufbruch aus einem feindlichen Land bzw. aus einem Gebiet, über das andere herrschen. Zu dumm nur, dass Michael nicht einfach das Meer teilen konnte wie Moses, denn dann hätten die Häscher des Pharaos Men-pechti-Jacobs III. (frei übersetzt: „Beständig ist die Macht Jacobs“) alias Benjamin Linus wohl Probleme gehabt seinen Sohn zu entführen.

Und wo wir gerade bei unserm guten, alten Ben sind: Das ganze Staffelfinale ist wiedereinmal ein unglaublich guter Beleg dafür, dass bei „Lost“ das Kausalitätsprinzip gilt. Alles, was in diesen zwei Stunden (also für uns als Zuschauer) passiert, sind Folgen einer Entscheidung, die Ben 16 Jahre zuvor getroffen hat: Die Entscheidung sich Charles’ Anordnung zu widersetzen. Hätte Ben Danielle getötet anstatt ihr eine Heidenangst einzujagen, wäre sie niemals zu den Losties gekommen, ja sie hätte Sayid nicht einmal von den Anderen erzählen können. Alles, was die Losties über die Anderen wissen, stammt von Danielle und die ist nicht gerade eine objektive Quelle. Danielle sagt: „The Others – You have only three choices: run, hide, or die.“ („Die Anderen – ihr habt nur drei Alternativen: rennen, verstecken oder sterben.“) Natürlich denkt sie so über die Anderen, denn für sie sind sie die Bösen, die ihr Kind entführt haben. Weder kannte sie je Bens Beweggründe Alex mitzunehmen, noch weiß sie, dass Charles „Terrorherrschaft“ seit etwa zehn Jahren vorbei ist. Ben hat ihr damals gedroht: „If you try to follow me or if you ever come looking for me, I'll kill you. And if you want your child to live, every time you hear whispers, you run the other way.“ („Falls du versuchst mir zu folgen oder mich jemals aufsuchst, werde ich dich töten. Und wenn du willst, dass dein Kind lebt, lauf in die andere Richtung davon, wenn du nur ein Flüstern hörst.“) Ben jagte Rousseau eine Todesangst ein, damit er sie Charles’ Zugriff auf immer entziehen konnte. Deshalb gibt sie seine Äußerung inhaltlich genauso wieder: Rennen und verstecken ODER Sterben. Unser Bild der Anderen – genau wie das der Losties – wurde durch Rousseaus Äußerungen geprägt. Wie hätte der erste Kontakt zwischen Losties und Anderen ausgesehen, wenn Danielle nicht gewesen wäre? Wäre es so gelaufen wie bei den Tailies? Wäre denkbar, wobei die Anderen da überhaupt ungewöhnlich übereilt und brutal agiert haben. Die Aktionen gegen die Tailies tragen nicht gerade die Handschrift des gelassenen, planenden Manipulators Benjamin Linus. Bei Claires Entführung wird Ethan sogar von Tom zurecht gewiesen, weil er gegen Bens Anordnungen gehandelt hat.

Aber kehren wir noch mal zu Danielle zurück: Danielle warnt die Losties vor den Anderen, führt fünf von ihnen zur Black Rock und entführt Claires Baby. Man sieht wie sie ihr Opfer bereits sondiert, als sie das erste Mal ins Camp kommt. Von Danielle stammt auch die Batterie für das behelfsmäßige Sonar, das Sayid gebaut hat. Ohne dieses Sonar hätten die vier auf dem Floß das Boot der Anderen nie bemerkt und nie die Leuchtpistole abgefeuert, die die Anderen zu ihnen lockt. Hätte Ben Danielle getötet, wäre nichts von alledem passiert. Das führt uns zu der einen Frage: Sollte sie deswegen sterben? Kam der Befehl zumindest Danielle zu töten am Ende wirklich von Jacob und nicht von Charles? Denn um es mal ganz brutal auf den Punkt zu bringen: Die Frau macht nichts als Probleme. Wir wissen bis heute nicht welche ihrer Äußerungen wahr, gelogen oder Folge ihres Wahns und somit zwar für sie real, aber in Wahrheit dennoch falsch sind.

Die Rückblenden des Staffelfinales zeigen uns, was unsere Losties relativ kurz vor dem Abflug gemacht haben und über die wenigsten erfahren wir dabei etwas neues oder bekommen gar neue Aspekte ihrer Persönlichkeit zu Gesicht. Die Rückblenden mit Walt und Michael sind insofern ganz interessant, dass Walt Michael ganz öffentlich verleugnet und sich überhaupt ausgesprochen trotzig, provozierend, fast böswillig verhält. Michael erträgt es (das meinte Sawyer wohl mit „Patience of a Saint“/“Geduld eines Heiligen“). Walt legt es sehr gezielt darauf an, Michael wütend zu machen, zu nerven oder ihm zu zeigen, dass er ihn als Vater nicht anzuerkennen bereit ist („You are not my father!“/„Du bist nicht mein Vater!“). Später belauscht er das Gespräch zwischen Michael und dessen Mutter. Dieses Kind wird mir einfach immer suspekter, unheimlicher. Wenn der Michael so anguckt, läuft’s mir manchmal eiskalt den Rücken runter. Welcher Zehnjährige killt schon Vögel? Ich kann mir nicht helfen, aber ich spüre da so etwas wie eine böse Ader bei Walt und mein Gefühl in Bezug auf Charaktere hat mich bislang nur ausgesprochen selten im Stich gelassen. Eigentlich nur bei Juliet, der ich eine düstere Entwicklung prophezeit hätte – bin froh, mich geirrt zu haben. Selbstverständlich ist Michael in seiner Rückblende (ich schätze mal die erste soll Walts sein und die zweite Michaels) auch alles andere als ein Vorzeigevater. Er will Walt loswerden. Besonders aufgemerkt habe bei: „He's not supposed to be mine. He was never part of the plan.“ („Er war nie bestimmt Meiner zu sein. Er war nie Teil des Plans.“) Was meint er damit nun genau? Klingt fast wie: „Ich sollte ihn nur zeugen, von erziehen hat keiner was gesagt!“ Es passt so gar nicht zu Michaels sonstigem Verhalten in Bezug auf Walt, diesen ständigen Wunsch in seiner Nähe zu sein, dieses Pochen auf seine Ansprüche als Vater. Als Michael Walt in der Szene nach diesem Flashback, in dem übrigens John durchs Bild gerollt wird, erklärt, Walts Mutter hätte nicht gewollt, dass Michael ihn besucht, erwidert Walt: „She was wrong.“ („Da hatte sie Unrecht.“) Können die zwei sich nicht endlich mal entscheiden? Wollen sie jetzt Vater und Sohn sein oder nicht?

Jacks Rückblende soll wohl vor allem Ana-Lucia noch vor Staffel 2 einführen. Denn auch dieses Staffelfinale hält sich bereits an den Grundsatz, dem auch alle späteren folgen: Die zentralen Themen der nächsten Staffel müssen ebenso wie ein neues erzählerisches Mittel bereits enthalten sein. Folglich geht es in „Exodus“ um die Luke und die Entführung Walts durch die Anderen – die drei Hauptthemenkomplexe der zweiten Staffel: Schwan, die vermeintliche Bedrohung durch die Anderen, Walts Entführung. Die neuen Charaktere (Tailies, Andere) werden ebenfalls angedeutet und die Zentrierung mehrerer Charaktere in einer Folge ist bis dahin nur im Pilot gemacht worden und da auch nicht in diesem Umfang. Dieses Muster trifft auf alle fünf Staffelfinale zu. Über Ana-Lucia selbst erfährt man in dieser Szene lediglich, dass sie Flugangst hat. Rückblickend hat die Szene natürlich etwas von Ironie des Schicksals, denn Jacks toter Vater, von dem Jack und Ana sprechen, war wenige Stunden zuvor noch mit Ana-Lucia unterwegs und hat danach mit James einen getrunken. Der wiederum erzählt Jack nun endlich doch von dieser Begegnung und fügt hinzu: „Small World, huh?“ („Die Welt is klein, nicht wahr?“). In der Tat, Sawyer, das ist sie!

James’ eigene Rückblende ist vor allem in Verbindung mit der Inselhandlung kurz vor und kurz nach der Rückblende interessant. Calderwood (der australische Polizist) sagt zu James: „You're not even worth what it would cost us to incarcerate you. Which is why you're being deported. Your plane leaves this afternoon. And, James, you'll better never setting foot in Australia again.“ („Sie sind nicht einmal das Geld wert, das es uns kosten würde, sie zu inhaftieren. Deshalb werden Sie auch ausgeflogen. Ihr Flug geht heute Nachmittag. Und, James, Sie wären gut beraten, nie wieder einen Fuß nach Australien zu setzen.“) Sawyer wird also Nutzlosigkeit bestätigt, ihm wird attestiert, ein Parasit zu sein, nachdem er sich in einer Bar (Wo auch sonst?) mit einem ranghohen Politiker geprügelt hat. Dieses Bild von sich will er auf der Insel erst noch künstlich aufrecht erhalten, bis es ihm mit der Zeit unbehaglich wird. Ein Leben als Parasit ist anstrengender als man denkt. Beim Floßbau wird seine Hilfe daher auch nicht gewünscht, woraufhin er auf eigene Faust einen Mast bastelt. Später ist es auch Sawyer, der ohne nachzudenken ins Wasser springt, um das abgerissene Ruder zurückzuholen. Dabei entdeckt Michael in Sawyers Kleidung die Waffe, die Jack James gegeben hat. Michael sagt aber nichts, versteckt sie wieder im Pullover, ehe er ihn Sawyer gibt. Die Sache mit der Waffe macht aber bereits stutzig als Jack sie Sawyer gibt: Als hätte er geahnt was passiert, druckst er rum, als James fragt, wieso sie die Pistole mitnehmen sollen („Just in case.“/„Nur für den Fall.“). „Nur für den Fall“? Für welchen Fall? Für den Fall, dass die Anderen mit einem Fischerboot angetuckert kommen und Walt entführen wollen? Ja, für den Fall bräuchte man eine Knarre. Sawyer will sie auch benutzen. Was ist er nun wirklich: Ein Held oder jemand, der sterben will? Vermutlich ist er irgendwas dazwischen – ein Held, der sterben will. Denn eines wird im Staffelfinale überdeutlich: James ist von Natur aus sehr viel altruistischer und heroischer als er bereit wäre zuzugeben.

Daher verband ihn mit Kate auch etwas. Als Jack mit Locke, Danielle, Hurley und Arzt losziehen will, möchte unsere ewig rastlose Kate natürlich mitgehen. Ehe der Trupp aufbricht sieht sie sich überall am Strand um, von James fehlt jede Spur. Ebenso will auch Sawyer sich von Kate verabschieden als das Floß in See sticht, doch ist Kate zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Weg zur Black Rock. Kate und Sawyer teilen vor allem das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Während James einfach nur ausgewiesen wurde, hat man Kate ausgeliefert. Ihre Rückblende spielt sehr kurz vor dem Abflug: Mars provoziert Kate solange, bis die austickt und ihn attackiert.

Der Wunsch, sich nützlich zu machen, während alle einen für nutzlos halten, haben James und Kate aber mit einem weiteren Charakter gemein: Shannon. Die trifft in ihrer Rückblende bereits vor dem Flug erstmals auf Sayid (dessen eigene Rückblende wurde rausgeschnitten) und macht ihn aus dem puren Bedürfnis heraus, Boone ihre Macht zu demonstrieren, zu einem Terrorverdächtigen. Wobei ich mich frage, wieso Boone das Ganze gegenüber dem Flughafenpersonal nicht umgehend klar stellt, anstatt Shannon gewähren zu lassen.

Sun begründet auf dem Flughafen hingegen eine Tradition, die sie auf der Insel ein Weilchen am Leben erhalten wird: Sie belauscht Menschen. In diesem Falle sogar welche, die über sie reden. Das besitzt schon eine gehörige Portion Ironie. Dieses australische Ehepaar zerreist sich über Sun und Jin den Mund, in dem Glauben, dass beide nichts verstünden. Sun ihrerseits nutzt die vermeintliche Sprachbarriere, um die beiden zu belauschen. Jede(r) von uns hat sich doch schon einmal in einer Situation befunden, in der andere sich in einer ihm/ihr unbekannten Sprache in seiner/ihrer Gegenwart unterhalten haben. Wie oft denkt man dann: Die reden bestimmt über mich, die machen sich über mich lustig oder lästern. Hier trifft das sogar zu und Sun dreht den Spieß um. Vielleicht hat sie aus diesem Grund ja des Öfteren Gespräche auf der Insel heimlich belauscht – so konnte sie viel besser herausfinden, was andere wirklich denken. Besonders nett ist wohl beides nicht. Man sollte Sprachbarrieren nicht ausnutzen. Auch nicht so wie es Jin dann auf der Toilette widerfährt, als ihn einer von Paiks Söldnern unter Druck setzen will: „You are not free! You never have been, and you never will be.“ („Sie sind nicht frei! Sie waren es nie und sie werden es nie sein.“) Was bedeutet eigentlich „frei“? Auf der Insel sind all diese Menschen vermutlich so frei wie in ihrem ganzen sonstigen Leben nicht mehr, denn außerhalb der verkrampften Gesellschaft, die von Gesetzen, Regeln, antrainiertem Verhalten, Erwartungshaltungen, vielen hohlen Phrasen, Verantwortung und Verpflichtungen beherrscht wird, zeigt der Mensch wer er wirklich ist. Auf der Insel nimmt man seine Maske ab. Einige brauchen dafür ihre Zeit – so etwa Sawyer oder Sun. Andere hingegen kümmern sich schon lange nicht mehr darum, was andere von ihnen halten und sind dennoch gezwungen eine Maske zu tragen, so wie Ben. Die meisten jedoch zeigen sich so wie sie sind, stehen zu ihren Schwächen und Fehlern, denn sie sind alle zu sehr aufeinander angewiesen, um sich eine Maske leisten zu können. Nur wenige, wie eben Ben oder Sayid, können es sich nicht leisten, keine Maske zu tragen. Für Ben ist es überlebenswichtig, sich kälter, böser, verschlagener zu geben als er wirklich ist – er darf keine Schwäche zeigen. Sayid wiederum muss sich in einer Gesellschaft wie der der Losties friedlicher, altruistischer geben als er ist bzw. seine dunkle Seite unterdrücken. Dass Sayid auch mitfühlend, hilfsbereit und selbstlos sein kann zeigt sich gerade im Staffelfinale wieder überdeutlich. Er baut das Equipment für das Floß, organisiert den Umzug zu den Höhlen und versucht Claire, Danielle, Charlie und Aaron heil aus dem Konflikt untereinander herauszubekommen.

Jin ist auf der Insel jedoch alles andere als frei, denn seine Unfähigkeit mit den anderen kommunizieren zu können, zwängt ihn zwangsläufig in eine Außenseiterrolle. Um seine Sprachbarriere abzubauen, macht Sun daher das Wörterbuch für ihn: ein Versöhnungsgeschenk, ein Zeichen der Wertschätzung, eine Bitte um Vergebung. Die Szene, in der Jin das Wörterbuch erhält, ist nicht ohne Grund direkt hinter Suns Flashback gegliedert. Der Kreis schließt sich. Doch hat Sun Jin wiedereinmal missverstanden und das obwohl beide die gleiche Sprache sprechen. Jin geht nicht, um von Sun wegzukommen, sondern um sie zu retten. Sie beide bedauern das Geschehene, doch Jin glaubt darüber hinaus, dass er für seine Fehler bestraft wird.

Diese fixe Idee bringt Sun gegenüber Shannon und Claire zur Sprache:

SUN: „Do you think all this – all we've been through – do you think we're being punished?“ („Glaubst du, dass all das, alles, was wir durchgemacht haben... Glaubst du, dass wir bestraft werden?“)

SHANNON: „Punished? For what?“ („Bestraft? Wofür?“)

SUN: „Things we did before – the secrets we kept, the lies we told.“ („Für die Dinge, die wir getan haben – die Geheimnisse, die wir hatten, die Lügen, die wir verbreitet haben.“)

SHANNON: „Who do you think is punishing us?“ („Und wer glaubst du, bestraft uns?“)

SUN: „Fate.“ („Das Schicksal.“)

CLAIRE: „No one's punishing us. There's no such thing as fate.“ („Niemand bestraft uns. So etwas wie das Schicksal gibt es nicht.“)

Hab ich mich da verhört? Ausgerechnet Claire, die an Astrologie glaubt, zu einem Wahrsager ging und für die das Schicksal die einzige spirituelle Größe ist, deren Existenz sie sonst nie anzweifeln würde, streitet ebendiese kategorisch ab? Aber eigentlich ja verständlich. Durch ihre eigene und nun auch Aarons Entführung hat sie von denen, die noch leben, wohl am meisten durchgemacht auf der Insel und das obwohl sie am wenigsten gesündigt hat. Shannon repräsentiert hier die Zweiflerin und Sun eine andere Warte des Fatalisten. Doch wie Jacob auch schon Hurley zu bedenken gab: Wie kommen sie darauf, dass sie bestraft werden, dass sie verflucht sind? Was wäre, wenn sie gesegnet sind? Sollte das Schicksal für ihre Situation verantwortlich sein, dann hat es ihnen eigentlich ein Geschenk gemacht, das sie nur noch nicht in er Lage sind, zu würdigen. Jacob hat sie nicht auf die Insel gebracht, um ihnen zu schaden, sie zu bestrafen. Denn trotz seines manipulativen Charakters ist Jacob ein Freund der Menschen. Man könnte sagen: er zwingt sie zu ihrem Glück. Jacob scheint in gewisser weise das Schicksal oder zumindest das „good Luck“ zu repräsentieren – womit der Man in Black das „bad Luck“ wäre. Diese These würde durch den Dialog zwischen Jack und John unterstützt, in dem John sagt, dass die Insel selbst, das Schicksal, sie auf die Insel brachte. Wir wissen: es war Jacob, der sie auf die Insel brachte und somit hätte John ja recht, wenn er behauptet, das Schicksal habe sie alle auf der Insel zusammengeführt. Jedoch irrt Locke sich bei dem höheren Zweck, denn der dient wohl vor allem Jacob selbst, seiner Beweisführung. Locke sieht alles als eine zwangsläufige Kette von Ereignissen und bestätigt dabei wieder seine materialistische Grundhaltung: „...was a part of a chain of events that led us here, that led us down a path, that led you and me to this day, to right now.“ („...war Teil einer Kette von Ereignissen, die uns hierher geführt hat, die uns über diesen Pfad geführt hat, dich und mich, an diesem Tag, genau jetzt.“) Locke hat sich in einem Punkt geirrt: An der Luke endet es nicht – zumindest nicht für ihn. Es endet unter der Statue. Es endet mit Jacobs Tod. Darauf läuft alles hinaus: Ben steht mit „Samuel“ vor Jacob und sie töten ihn. Das ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Jacob seinen eigenen Tod geplant hat, alles vorbereitet hat, um „Samuel“ in eine Falle zu LOCKEn, von der „Samuel“ selbst annahm, es sei eine Falle, die er für Jacob ausgelegt hatte.

Jack erwidert Locke trotzig: „I don't believe in destiny.“ („Ich glaube nicht an das Schicksal.“) Woraufhin ihm Locke unbeeindruckt versichert: „Yes, you do. You just don't know it yet.“ („Doch, das tust du. Du weißt es nur noch nicht.“) Und damit hat John ja absolut recht: aus dem Mann der Wissenschaft wird ein Mann des Glaubens werden. oder sollte man sagen „geworden sein“? Denn ein Mann des Glaubens wird Jack ja 27 Jahre in der Vergangenheit. Jacks Pfad endet tatsächlich an der Luke, wenn auch in einer anderen Zeit.

Doch bevor wir zur Luke kommen, betrachten wir dann doch mal den Pfad der beiden von der Luke zur Luke zurück innerhalb dieses Staffelfinales. Als Jack, John, Sayid und Hurley Danielle die Luke zeigen und darüber diskutieren diese aufzusprengen, behauptet Danielle steif und fest, nicht zu wissen, um was es sich handelt. Sie beteuert, so etwas auf der Insel nie gesehen zu haben. Jetzt mal Butter bei die Fische: Die Überlebenden von Flug 815 sind keine 108 Tage auf der Insel und finden alleine vier Dharma-Stationen (Pfeil, Schwan, Perle, Flamme) und Danielle will in 16 Jahren, in denen sie einen Funkturm, die Black Rock und den Tempel gefunden hat, keine der unzähligen Dharmastationen und anderen Gebäude der Initiative gesehen haben. Die waren sogar noch vier Jahre zeitgleich mit Danielle auf der Insel. Was hat die Frau 16 Jahre lang gemacht außer Fallen zu bauen und einen Bettkasten in ein Folterinstrument umzurüsten?

Nach seiner überaus wohlklingenden und mindestens ebenso nichtssagenden Rede (er hätte in die Politik gehen sollen^^) wird Jack von Arzt angesprochen, der sie begleiten will, weil er sich mit Dynamit besser auskennt als der Rest. So ’nen Physiklehrer hatte ich auch. Der wollte uns mal einen Lichtbogen vorführen und holte zwei mit Porzellan isolierte Konduktoren raus und stellte sie auf den Tisch. „Da kann nichts passieren“, sagt er, tickt an den Isolationsmantel und... ihr könnt es euch sicher denken... Bbbbbsssssssssssssssssss Ihm ist nichts passiert, außer dass seine buschigen Haare in und um die Ohren ein wenig zu Berge standen. Was ich mich aber in Bezug auf das Dynamit frage: Wenn selbst Arzt sich damit in die Luft jagt, wie hat es dann Danielle geschafft so viel von dem Zeug aus der Black Rock zu bergen und in ihre Fallen einzubauen, ohne den Arzt zu machen, also sich selbst in die Luft zu jagen?

Aber da wo Arzt sich in die Luft jagt, sind wir ja noch laaaaaaange nicht. Sechs brechen also auf (vier werden zurückkehren), um das Dynamit zu holen. Unterwegs bemerkt Locke die Kratzspuren von Claire an Danielles Arm. Sie behauptet, es sei ein Busch gewesen, woraufhin Locke entgegnet: „Mean bush“ Also ich kenn nur einen bösen Bush und der wohnt in Texas. Und der kratzt auch weniger, sondern sprengt lieber... Bemerkenswert an dieser Stelle ist aber, dass Locke von Danielle über ihre Wunde angelogen wird, kurz nachdem Locke seinerseits Sayid über seine Wunde „anlog“. Ich weiß; Jetzt mag man wieder darüber streiten, ob seine Narbe nicht tatsächlich eine „Kriegswunde“ ist, aber der ironische Symbolcharakter bleibt davon wohl eher unberührt.

Kurz bevor der Trupp das Dunkle Territorium erreicht (bzw. auf dem Rückweg halt kurz nachdem er es verlässt), passiert er einen Pfad, der parallel zum Fluss verläuft. Beide Male (also auf dem Hin- und auf dem Rückweg) wird die Gruppe hier von einer Anhöhe (schräg oben) durch die Bäume hindurch gefilmt, so als würde sie jemand von dort oben beobachten. Das alleine wäre nicht sonderlich spektakulär und vermutlich wäre es mir nicht einmal aufgefallen, wenn Jack nicht wäre. Denn kurz bevor die Kamera in die Vogelperspektive auf der Anhöhe wechselt, sieht man die Gruppe von vorne. Alle haben den Blick auf den Weg gerichtet – bis auf einen: Jack sieht nämlich zielsicher nach schräg oben zu der Anhöhe, fixiert sie mit den Augen regelrecht. Was hat er da gesehen? Denn irgendetwas muss er gesehen haben, so wie er da hinstiert. Wäre schon das zweite Indiz für die Zeitschleifenhypothese in dieser Folge und es war keineswegs das letzte.

Ein an einen Baum gebundener Stofffetzen (kommt euch das auch so bekannt vor? – „Rotes Hemd!“) markiert die Grenze zum „Le Territoire Fonce“. Mich erinnert das immer an die Verbotene Zone in „Planet der Affen“ – der angebliche Ursprung allen Übels, aber auch der Ort, wo die Antworten liegen. Überhaupt gibt es zahlreiche Parallelen zwischen „Planet der Affen“ und „Lost“ – nicht zu letzt wegen der ewigen Zeitschleife, der selbsterfüllenden Prophezeiung. Laut Danielle begann alles im Dunklen Territorium: „This is where it all began – where my team got infected, where Montand lost his arm.“ („Das ist der Ort, an dem alles begann – wo mein Team infiziert wurde, wo Montand seinen Arm verlor.“) Tatsache ist: Das Monster ist der Urheber dieser Dinge und da das Monster den Tempel „bewohnt“, lebt es zwangsläufig im Dunklen Territorium, an dem außer eben diesem Umstand nichts sonderlich dunkel oder bedrohlich wäre. Locke guckt zumindest, als sie das Dunkle Territorium erreichen, als freue er sich schon auf ein Kaffeekränzchen mit Smokey. Arzt hingegen ergreift die Flucht und rät Jack bezüglich des Dynamits: „Just be very careful with it!“ („Seid einfach vorsichtig damit!“)

Als wir Arzt wiedersehen flieht er schon wieder, diesmal allerdings in die andere Richtung. Als sich das Monster nähert, rennen alle außer Locke und Hurley weg. Das Monster zieht weiter – dieses mal. Aber wieso packt es sich Locke nicht bereits hier, sondern erst auf dem Rückweg? Oder war es ein anderes Monster?

Danielle nennt das Monster hier erstmals „Security System“/„Sicherheitssystem“ und behauptet es bewache die Insel. Eigentlich verwunderlich, dass Danielle das so sieht, wenn man bedenkt, dass sie das Monster vor allem als Tempelwächter kennen lernte. Wäre Smokey aber tatsächlich „Samuel“ würde es passen. Dann wäre das Monster wohl wirklich der Hüter der Insel, der ewige Wächter, ein Sicherheitssystem.

Als sie die Black Rock dann endlich erreichen, lässt einen folgender Dialog, doch immer wieder schmunzeln:

HURLEY: „How exactly does something like this happen?“ („Wie genau kann so etwas überhaupt passieren?“)

DANIELLE: „Are you on the same Island as I am?“ („Bist du auf der selben Insel wie ich?“)

HURLEY: „I guess that explains it.“ („Ich schätze, das erklärt es.“)

Als Danielle anschließend gehen will, um Claires Kind zu entführen, ehe Jack, John und Kate wieder im Camp sind (auch wenn sie das natürlich nicht sagt), versucht Jack sie mit aller Macht aufzuhalten. Als sie dennoch geht, stößt Jack ein kurzes „Dammit!“ („Verdammt!“) aus. Aber warum? Wieso war es ihm so wichtig, dass Danielle bleibt? Auch hier könnte die Antwort lauten: Er wusste, was passieren würde, wenn Danielle vor ihnen zurück beim Camp wäre.

John, Jack und Kate erkunden nun also die Black Rock. Als Locke feststellt, dass es sich um ein ehemaliges Sklavenschiff handelt, drängt sich für mich die Frage auf: Wie können Sklavenhändler, der Abschaum der Menschheit, in Jacobs Schema passen? Oder waren es nicht die Händler, sondern die Sklaven selbst, die er auf die Insel holen wollte? Aber wer liegt dann in Ketten: die Händler oder die Sklaven? Gab es vielleicht eine Revolte? Was um alles in der Welt ist nur mit diesem Schiff passiert?

In der nächsten Szene wird dann vor allem klar, dass vor Dr. Leslie Arzt jeder militante Selbstmordattentäter vor Neid erblassen würde. In Folge von Arzts spontaner Selbstsprengung müssen Jack und John die Dynamitstangen aus der Kiste holen. John vergleicht diese lebensgefährliche Aufgabe mit dem Spiel Dr. Bibber. Ein passender Vergleich, der mal wieder zu einer Frage führt: Warum nimmt nicht Jack die Stangen aus der Kiste? Jack ist Neurochirurg und hat somit mit Sicherheit die ruhigsten Hände der gesamten Insel. Es ist schließlich sein Beruf, auch nach zehn Stunden im OP noch ruhige Hände zu haben. Aber auch Jack selbst drängt sich offenbar eine Frage auf: „You like to play games, John?“ („Spielst du gerne Spiele, John?“). Na, und wie John Spiele liebt. Diese Äußerung bedarf wohl keiner eingehenden Erläuterung. Ich sage nur: Jacob vs. „Samuel“.


Den sehr viel kürzeren zweiten Teil schiebe ich morgen Vormittag hinterher.