Posts mit dem Label Glaube und Wissenschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Glaube und Wissenschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 15. Januar 2010

Kleines Update zum mythologischen Jakob

Bin gerade in "A Dictionary of Angels - including the fallen angels" von Gustav Davidson noch auf was interessantes gestoßen. Auf Seite 26 im Artikel über den Todesengel ("Angel of Death") steht da:
Over 6 persons the angels of death has no power (says Talmud Baba Bathra, fol. 17), to wit: Abraham, Isaac, Jacob, Moses, Aaron and Miriam. With regard to Jacob, it is said that "not the angel of death ended his life, but Shekinah took his soul with a kiss."

Über 6 Menschen hat der Todesengel keine Macht (laut Talmud Baba Bathra, Rolle 17), d.h.: Abraham, Isaak, Jakob, Mose, Aaron und Mirjam. Bezüglich Jakobs wird gesagt, dass "nicht der Engel des Todes sein Leben beendete, sondern Shekinah seine Seele mit einem Kuss nahm"
Shekinah ist der weibliche Aspekt Gottes bzw. seine weibliche, meschliche Gestalt. Sie soll Jakob als Engel auch von allem Bösen befreit haben.
In Bezug auf unseren Jacob finde ich es ganz interessant, da man ja parktisch unsterblich ist, wenn der Tod keine Macht über einen besitzt, was auch auf Richard und "Samuel" zutreffen könnte. Von einem gewissen Standpunkt aus hat der Tod generell keine Macht über jene, die von der Insel erwählt sind, denn schließlich entscheidet sie allein, wann sie sterben können, wie man an Michael gesehen hat. Genau das könnte auch ein Teil der Lösung sein, warum sich weder Ben und Charles noch "Samuel" und Jacob gegenseitig töten können.

Übrigens sorry, dass ich im Moment nicht sehr viel zu den Reviews komme... war wahrlich anders geplant^^

Sonntag, 10. Januar 2010

Jacob und der Loopholedude - Incident-Review Teil I (von voruassichtlich IV)

The Incident – Erster Teil:

Jetzt hab’ ich mich solange erfolgreich vor diesem Monster von einer „Lost“-Folge gedrückt, dass mir die Ausreden ausgegangen sind. Also, wo am besten anfangen? Ich denke in diesem Fall stürze ich mich auf das Interessanteste ausnahmsweise mal am Anfang: Jacob und sein mysteriöser Widersacher, sein Bad Twin, seine Nemesis. Jede Kraft im Universum braucht eine ebenso starke Kraft, die ihr entgegenwirkt, damit alles in Balance bleibt. Das gilt nicht nur in Naturwissenschaften (etwa bei Materie und Antimaterie, Plus und Minus, aufzubringenden Kräften und dergleichen), sondern auch in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften. In der Mathematik muss auf beiden Seiten eines Gleichungssystems am Ende stets der gleiche Wert rauskommen. In der Philosophie gibt es zu jeder These eine Antithese, die zusammen zur Synthese führen – etwa Idealismus und Materialismus. In der Wirtschaft stehen sich Kapitalisten und Kommunisten oder in Politik und Soziologie Rechte und Linke gegenüber. Bei den Spiritisten und in den Religionen dieser Welt findet sich auch stets ein Yang zu jedem Yin. Seien es nun Maat und Isfet bei den Alten Ägyptern oder Gott und Teufel im Christentum. Ordnung und Chaos, Gut und Böse, Hell und Dunkel. Sie bilden stets eine Einheit – das eine kann nicht ohne das andere. Man kann kein Glück empfinden, wenn man das Leid nicht kennt. In „Lost“ finden sich zahlreiche dieser Gegensatzpaare: Glaube und Wissenschaft, Gefühl und Verstand, Schwarz und Weiß, Hell und Dunkel, Sozialismus und Kapitalismus, Leben und Tod, Idealismus und Materialismus, Losties und Andere, Jack und John, Jack und Sawyer, Ben und Charles, Ben und Sayid, John und Ben, Eko und John und letztlich halt auch Jacob und „Samuel“.

Was wissen wir nun definitives über die beiden? Nicht sehr viel. Jacob erscheint uns als verhältnismäßig junger Mann so um die Vierzig. Ob das sein wahres Erscheinungsbild ist, können wir nicht sagen, obgleich wir bislang kein anderes von ihm zu Gesicht bekommen haben. Da die Anderen Jacobs Gegenpart nie als solchen erwähnt haben, können wir nicht einmal sagen, was von dem, das Ben und Richard so über Jacob gesagt haben, auch wirklich auf ihn zutrifft. Die Technologiefeindlichkeit etwa scheint doch sehr viel mehr zu „Samuel“ zu passen als zu Jacob, denn so viel wird in der Eröffnungsszene von „Der Vorfall“ klar: Jacob ist die treibende Kraft, der Fortschritt. Er ist zwar geduldig und ausdauernd, aber nichtsdestotrotz eine in die Zukunft blickende Persönlichkeit. „Samuel“ hingegen ist konservativ, fast reaktionär. Die beiden haben große Ähnlichkeit mit einer Vielzahl mythologischer Wesen und so langsam aber sicher wird es wohl Zeit einen allumfassenden Blick darauf zu werfen.

Beginnen wir mal bei den monotheistischen Weltreligionen – vor allem Christentum und Judentum. Der biblische Jakob ist hier nach Jesus (und das auch nur bei den Christen) wohl die größte Ausnahmeerscheinung unter den Menschen. Jakob war der Sohn Isaaks (somit also der Enkel von Abraham) und wurde kurz nach seinem Zwillingsbruder Esau geboren. Angeblich soll er sich sogar bei der Geburt an Esaus Ferse festgehalten haben. Festgehalten? So, so... Ja, der Name Jakob steht (laut Wikipedia) sogar synonym für „Fersenhalter“. Okay, Fersen bekommt man sonst nicht so gut zu fassen, aber dafür Schultern, Nasen und Hände.

Während Isaak Esau bevorzugte, bevorzugten sowohl Jakobs Mutter Rebekka als auch Gott Höchstselbst Jakob. Doch war Jakob – wenn auch nur sehr knapp – dummerweise nicht der Erstgeborene. Allerdings gelang es ihm Esau auszutricksen. Diese altbekannte Geschichte mit dem Linsengericht, das Jakob mit Esau gegen das Erstgeborenenrecht tauschte, zeigt sehr deutlich, warum Jakob Gott wohl lieber gewesen sein dürfte: Esau demonstriert hier sowohl Unüberlegtheit als auch Gier, während Jakob listig und weitsichtig agiert. Später erschlich er sich mit der Hilfe seiner Mutter auch vom schon greisen und fast blinden Isaak den Erstgeborenensegen und floh danach zu Verwandten. Da war er überaus umtriebig. Er erarbeitete sich gleich zwei Frauen und zwar die Töchter seines Onkels Laban: Lea und Rachel. Aber damit nicht genug der Inzest. Da Rachel zunächst keine eigenen Söhne gebar, legte Jakob kurzerhand noch die Hauptmägde (und übrigens auch Halbschwestern) seiner zwei Frauen flach. Da kann man nur fragen: Weiß der Papst das?

Was Jakob aber vor seiner Rückkehr ins gelobte Heimatland vollbrachte ist wohl wahrlich einmalig: Er rang einen Engel nieder. Engel sind die Krieger Gottes und wenn ein Mensch einen von ihnen besiegt, kommt das einem Sieg über Gott gleich. Um Jakobs Sieg beim Ringen mit Gottes Krieger zu ehren, segnete der Engel Jakob auf dessen Verlangen hin und gab ihm den Namen Israel („Gottesstreiter“). Dieser Mann, der Stammvater der Israeliten, ist folglich der einzige Mensch, der es jemals fertiggebracht hat, sich mit Gott zu messen und obendrein zu obsiegen. Darüber hinaus hatte er zwölf Söhne von denen der jüngste den Namen Benjamin trug – wir glauben ja nicht an Zufälle.

Aber ist dieser Jakob, denn der einzige Jakob in der Bibel? Nein, nicht wirklich, denn da wären noch die zwei Jünger Jesu mit Namen Jakobus, von denen einer sogar Jesu Bruder war und zusammen mit Simon wohl am stärksten zur Verbreitung des Christentums beigetragen hat.

Da wir „Samuels“ wahren Namen bislang nicht kennen, würde man meinen, man müsse sich ihm wohl vor allem über seine Ansichten und die Beziehung zu Jacob nähern. Allerdings möchte ich für einen Moment mal die Möglichkeit zulassen, dass dieser Name aus dem Castingaufruf nicht allzu weit von seinem wahren Namen entfernt ist. Denn jener Engel, den Jakob niederrang, wird bei Hanina Ben Hama als Erzengel und obendrein als der Schutzengel Esaus identifiziert– sein Name: Samael oder auch Sammuel. Das zeigt wie wichtig auch Esau war, denn einen Erzengel als Schutzengel zu haben ist etwa so als wenn der Papst und Barack Obama eure Bodyguards wären. Schutzengel stehen in der himmlischen Hierarchie nämlich kurz über Toilettenreiniger, während Erzengel die Chefetagen bewohnen – obgleich sie erst der achte Chor sind, tauchen fast alle Erzengel in höheren Engelschören ebenfalls auf. Ferner haben nur wirklich auserwählte Menschen mit Erzengeln Kontakt, andere Menschen bekommen meist nur normale Engel zu sehen, die aber immer noch über den normalen Schutzengeln stehen. Dass aber ein Erzengel als Schutzengel auf eine bestimmte Person angesetzt wird, ist meines Wissens nach einmalig. Was ist über diesen Erzengel Samael noch bekannt? Tja, da stoßen wir nun doch gleich auf ein Problem, denn der Begriff „Erzengel“ ist an und für sich schon mal eine verdammt heikle Angelegenheit. In der Bibel als Erzengel verbürgt wird nur Michael. Je nach Quelle zählt man neben Gabriel und Raphael oft noch Uriel zu den vier Erzengeln. Danach wird es aber schon verdammt schwierig. Wie steht es mit Metatron? Zählt man jene Engel, die im Buche Henoch in einer Reihe mit Michael, Gabriel, Raphael und Uriel erwähnt werden, mit dazu? Was ist mit Luzifer? Und was mit unserem Samael? Samael und Luzifer haben schon mal so einiges gemein, denn beide tauchen sie als Anführer der rebellierenden Engel auf – der eine im Christentum (zumindest laut moderneren Glaubenslehren, denn namentlich als solcher erwähnt wird Luzifer nie), der andere in der Kabbala. Samael ist also auch ein gefallener Engel, der gegen Gott aufbegehrte und den Grund dafür, dass die Engel gegen Gott aufbegehrten, dürften die meisten kennen: die Menschen. Samael wird bei Rabbi Jose als Ankläger (hebräisch: „Satan“) identifiziert. Und was tat der Satan im Buche Hiob? Er trat vor Gott und klagte die Menschen an, behauptete, dass sie nur solange Gott treu wären, wie er sie liebe und ihren Wohlstand sichere. Hiob, der überaus wohlhabend und gläubig ist, wird für Gott und Satan exemplarisch zum Gegenstand ihres Experiments und Satan bemüht sich nach Kräften Hiob zu demoralisieren und ihm seinen Glauben zu nehmen. Ursprünglich war der Satan also ein kleiner Quälgeist, der den Menschen ihr Glück nicht gönnte, sie für schlecht hielt. Klingt doch verdammt vertraut, oder? Unser „Samuel“ ist ein Ankläger, ein Satan, denn auch er klagt die gesamte Menschheit an.

Wer nun aber glaubt, damit sei der Satan bei Gott stets auf taube Ohren gestoßen, irrt. Wir alle kennen die Geschichten vom Sündenfall, von Noah und seiner Arche und von Sodom und Gomorra. Gerade die letzte ist wiedereinmal richtig interessant, denn da rang Abraham Gott das Versprechen ab, er würde diese verdorbene Stadt nicht zerstören, wenn es Abraham gelänge, zehn rechtschaffene Menschen zu finden. Prompt sind wir wieder bei Jacob, der nach seiner kleinen Gruppe guter Menschen sucht, um den Beweis zu erbringen, der „Samuel“ Fehlbarkeit nachweist. Es ist als hätten Samael und Jakob bzw. „Samuel“ und Jacob nie damit aufgehört miteinander zu ringen – noch immer bekämpfen sie einander.

Noch ein paar Worte zu Luzifer (um mal mit einem alten Irrglauben aufzuräumen): Luzifer heißt „Lichtbringer“ und es ist lediglich eine Theorie, dass er der Teufel sein soll. Letztlich wird nur gesagt, dass ein Stern (Luzifer war bei den Römern der Name für den Morgenstern) vom Himmel gestürzt sei, dem man den Schlüssel zum Höllentor gegeben hätte. In der Apokalypse öffnet er es und befreit das Heer Abaddons. Huch, kommt euch der Name etwa auch so bekannt vor? Wer schickt den „Lost“-Abaddon zum „End Game“ los? Charles. Es wäre wohl nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt, Luzifer in Charles Widmore zu sehen, der ja auch von einem gestürzt wird, der bei Jacob höher im Kurs steht. Charles und Luzifer fallen beide in Ungnade und so tritt der auf den Plan, der bei Jacob bzw. Gott am höchsten im Kurs steht und sein persönlicher Chef-Vollstrecker ist: Ben bzw. der Heilige Erzengel Michael, der Führer der göttlichen Heerscharen.

Freut euch nicht zu früh, ich bin mit Bibel, Tanach und Co noch nicht durch. Es gibt in der Bibel nämlich noch ein paar andere Streithähne, die zu betrachten nicht schaden kann: „Und Kain sprach zu dem Herrn: Meine Strafe ist größer, als ich sie ertragen kann. Du vertreibst mich heute von meinem Ackerland, unstet und flüchtig muss ich sein auf Erden, und wer mich antrifft, der wird mich totschlagen. Da sprach der Herr: Nein, wer dich erschlägt, an dem soll es siebenfach gerächt werden [keine Ahnung wie man das bewerkstelligen will, Anubis2705]. Und er versah Kain mit einem Zeichen, damit ihn keiner erschlüge. Und so ging Kain weg vom Angesicht des Herrn und zog ins Land Ruhelos, jenseits von Eden.“ (1. Mose: 4, 13-16) Der Vertriebene, dessen Verbrechen nicht durch seine Ermordung vergolten werden können, erinnert natürlich vor allem an Charles. Kain und Abel sind aber insofern nicht ganz uninteressant für Jacob und „Samuel“, da auch diese beiden im Paradies (auf der Insel) rumhocken und der eine dem anderen nach dem Leben trachtet.

Tja, dann wäre da noch der gute, alte Judas. Bei dem stellt sich auch nach etwa 2000 Jahren noch die Frage: War es wirklich Verrat? Wie Ben beging Judas seine Tat vielleicht aus tieferem Glauben heraus, denn 30 Silberstücke waren jetzt nicht wirklich eine angemessene Entlohung für die Auslieferung eines Staatsfeindes wie Jesus es für Römer und Teile der jüdischen Hohepriester war. Jesus musste (und Jacob ja vermutlich auch) sterben, damit sich alles zum Guten wendet. Manche meinen auch Judas sei vom Satan besessen gewesen... ob man nun besessen ist oder er in Tarnung daneben steht – ein marginaler Unterschied, meint ihr nicht?

Doch erfüllt „Samuel“ nicht nur die Kriterien für die Rolle des Anklägers, sondern vor allem für eine ebenso weitverbreitete Klasse spiritueller Wesen: die Trickster. Trickster sind überaus mächtige Götter oder Geister, die die Sünden der Menschen gegen sie kehren, sie verspotten und manipulieren. Trickster sind Gestaltwandler, Schelme, Rächer und Ankläger. Sie sind nicht gut oder böse, sondern haben lediglich einen recht speziellen ethischen Kodex und überdies oft einen zynischen bis sadistischen Humor. Wer könnte leugnen, dass das nahezu ausnahmslos auf „Samuel“ zutrifft. „Samuel“ ist ja nicht der Inbegriff des Bösen. Ganz im Gegenteil prangert er die Verbrechen der Menschen an, erachtet sie für unwürdig. Für manche Menschen kann er aber auch ein gewisses Maß an Verständnis aufbringen, denn obgleich er Ben benutzt, hat er gewisse Empathien für ihn, versteht seinen Schmerz.

Trickster existieren in nahezu allen Mythologien und Religionen der Welt. Das Christentum bildet hier die große Ausnahme, da die katholische Kirche sich wohl nie so recht mit dem Gedanken anfreunden konnte, dass es Wesen in Gottes Schöpfung gibt, die nicht nach ihren Regeln spielen, sprich weder schwarz noch weiß sind, was auf Trickster zweifelsohne zutrifft.

Doch da stehen wir überhaupt vor einem Problem, dass sowohl „Samuel“ als auch Jacob betrifft: sie fügen sich nicht so recht in unser Verständnis von Gut und Böse. Nicht nur, dass „Samuel“ kein Feind der Menschen ist, weil er böse wäre, sondern weil er die Menschen selbst für böse hält, nein, ihm fehlen auch sonstige Züge, die wir mit dem Bösen assoziieren: er ist kein Sadist, spielt nach den Regeln, tötet nicht grundlos. Und auch mit den etwas wertfreieren Begriffen von Ordnung (Maat) und Chaos (Isfet) wie bei den Ägyptern kommen wir nicht sehr weit, denn obgleich Jacob die Lichtgestalt ist, so voller Güte und Mitgefühl, ist er doch weitaus chaotischer als sein Antagonist. „Samuel“ spricht die Sprache der Ordnung, ist konservativ, reaktionär. Er steht dem Tod zwar näher als dem Leben, doch ist der Tod weder böse, noch chaotisch – im Gegenteil: nichts ist ordentlicher als Dinge, die tot sind. Das Leben (Jacob) hingegen ist laut und plärrend, ständig in Bewegung. Veränderung. Evolution. Fortschritt. Jacob ist das Chaos, der Rebell. Er ist nicht bereit aufzugeben, seine Fehleinschätzung einzugestehen. Schließlich sagt „Samuel“: „Still trying to prove me wrong, aren't you?“ („Du versuchst noch immer, zu beweisen, dass ich mich irre, oder etwa nicht?“). „Noch immer“ – also muss man um diesen Streit zu gewinnen, den anderen davon überzeugen, dass er falsch liegt und „Samuel“ geht es langsam auf den Keks, dass Jacob nicht einfach zugeben kann, dass „Samuel“ recht hatte. Doch Jacob muss seine Fehlannahme eingestehen, damit „Samuel“ gewinnt, könnte genau das Jacobs eigenes Loophole sein? Denn ein Toter kann schlecht einen Fehler zugeben.

Kommen wir jetzt zu der Ägyptischen Mythologie, die bei „Lost“ ebenso präsent ist wie die abrahamistischen Religionen und im Falle von Jacob und „Samuel“ durch die Statue sogar noch etwas mehr im Vordergrund zu stehen scheint. Zwar haben auch Judentum und die daraus entstandenen Religionen (Islam und Christentum) ihren Ursprung in Ägypten (Aton-Glaube), aber ein Blick auf die Ägypter lohnt sich wohl dennoch. Besonders ausführlich wird der allerdings nichts ausfallen, denn den detaillierten Blick darauf hab’ ich großteils schon an anderer Stelle gewährt – denke ich mal. Wer es also genau wissen will, liest im Lostpedia-Blog am besten meine ersten beiden Abhandlungen über die Zusammenhänge zwischen „Lost“ und Ägyptischen Göttern durch.

Grundlegend gibt es zwei Paare, die ganz gut auf „Samuel“ und Jacob passen würden: Osiris und Seth UND Ra und Apophis. Da ich die Osiris-Story nun wirklich schon mal haarklein erklärt habe, sei nur so viel gesagt, dass zumindest der Mord sehr gut dazu passen würde und auch Osiris weiteres Schicksal nach seinem Tod. Dennoch bin ich eher ein Verfechter der Hypothese, dass Jacob sich in Ra und „Samuel“ in Apophis wiederfindet. Die beiden waren nämlich echt verdammt zäh, haben sich jede Nacht aufs neue in der Unterwelt die Köppe eingeschlagen. Nachdem Ra nämlich als Atum im Westen untergegangen war, musste er ja irgendwie nach Osten gelangen, um dort als Chepre am Morgen wieder aufzugehen. Daher durchwanderte er des Nachts den Duat. Und jede Nacht wurde seine Nachtbarke von Apophis attackiert.

Auch das Motiv des Feuers passt zu Ra, der als Sonnengott ja auch das Feuer der Sonne mitrepräsentiert. Das Feuer steht bei den Alten Ägyptern oft für Schutz und Reinigung. Außerdem gerade im Zusammenhang mit Ra (aber auch Osiris) für Wiedergeburt, wenn er das Morgens als Chepre auf einem Sandhügel erscheint und emporsteigt wie Phönix aus der Asche.

Apophis würde zumindest zu Smokey (und es ist wohl überaus wahrscheinlich, dass „Samuel“ und Cerberus das gleiche Wesen sind) passen wie die Faust aufs Auge, denn Apophis war eine riesige Schlange und obendrein der Gott der Unwetter, des Gewitters und der Zerstörung. Erinnern wir uns doch mal an das Relief unterhalb des Tempels, auf dem Anubis und ein komisches Schlangenmonster zu sehen waren: diese stilisierte Darstellung des Monsters (ich gehe mal davon aus, dass es das sein soll) würde recht gut zu Apophis passen. Ferner war Anubis ja wahrlich der Wächter der Unterwelt, der Beschützer der Verstorbenen. Nach Maat selbst war Anubis wohl die gerechteste, schützendste und wohlgesinnteste Gottheit der Alten Ägypter. Denn er hütete und bewahrte auch die Maat – Aspekte, die durchaus auch zu Jacob passen würden, obgleich uns da seine helle Kleidung einen Strich durch die Rechnung macht, denn Anubis’ Farbe war Schwarz. Bis heute tragen wir in Trauer diese Farbe.

Die Anderen hingegen tragen Weiß und ich finde es schon verdammt auffällig, dass die Trauerkleidung der Anderen sehr Jacobs Hemd in diesem kleinen Prolog ähnelt. Wo wir gerade bei Jacob und Stoff sind, mal ein kleiner Blick auf den Teppich. Ich will jetzt zunächst mal nicht dessen Inhalt begutachten, sondern nur den Teppich als solches und wofür er ein Symbol sein könnte. Mir kommen da ja die Moiren in den Sinn – die Griechischen Schicksalsgöttinnen, die jedem Menschen ihren Lebensfaden spannen. Die germanischen Nornen gehen noch einen Schritt weiter: die webten die Fäden dann nämlich zu einem Schicksalsteppich zusammen. Im Falle der Moiren hat eine gesponnen (okay, gesponnen haben sie vermutlich alle drei^^), eine bemessen und eine abgeschnitten. Jacob spinnt (dieses Verb bringt einen echt in arge Bedrängnis) und „Samuel“ schneidet ab... aber wer misst? Oder spinnt die Insel und Jacob misst? Ich schätze aber mal, dass sich das Bild des Schicksalsteppichs in Verbindung mit Jacob wahrlich selbst erklärt, denn er fügt halt die Schicksalsfäden aller zusammen und als er fertig ist, stirbt er. Ben sagt er: „You like it? I did it myself. It takes a very long time when you're making the thread, but, uh... I suppose that's the point, isn't it?“ („Gefällt er dir? Ich hab ihn selbst gemacht, Es nimmt einige Zeit in Anspruch, wenn man den Faden [aber auch: der Gedankengang, die Diskussion] selbst macht, aber...nun... ich schätze mal, das ist der springende Punkt, oder nicht?“) Er hätte auch sagen können: „Wo wir uns endlich mal treffen, hast du eigentlich eine Vorstellung, was das für eine Arbeit ist euch alle genau zur rechten Zeit, an den rechten Ort zu bringen? Allein!“

Bemerkenswert ist überhaupt, dass Jacob in der Szene unter der Statue nur ein einziges Mal das Wort an „Samuel“/Locke richtet und das auch erst, nachdem dieser Jacob von sich aus angesprochen hat – fast so als wolle er sagen: „Eye, du Arsch, ich bin auch noch da!“ Jacob spricht mit Ben und Flocke plappert dazwischen: „Hello, Jacob!“ („Hallo Jacob!“) Alles, was Jacob antwortet, ist: „Well, you found your loophole.“ („Gut, du hast dein Schlupfloch gefunden.“) Letztlich ist selbst das mehr eine Feststellung als wirklich ein Gespräch. Jacob würdigt „Samuel“ kaum eines Blickes, geht völlig über ihn hinweg. Ben hingegen behandelt er sehr respektvoll, geht auf ihn ein, hört zu, als jener ihm sein Leid klagt. Auch weißt er Ben nachdrücklich daraufhin, dass er noch immer einen freien Willen, eine Wahl hat. Das Problem ist nur, Ben wurde für sein eigenes Empfinden von Jacob selbst nie eine Wahl gelassen. Ben lebte all die Jahre in der festen Überzeugung, dass er Jacob und der Insel zu Diensten sein muss, doch jetzt denkt er, dass er entweder Jacob oder der Insel dienen kann. Also trifft er unbewusst tatsächlich eine Wahl. Zunächst aber entscheidet er sich nur für sich selbst, denn er will Klarheit und gibt Jacob eine letzte Chance, sich zu erklären. Andere an Bens Stelle hätten Jacob diese Möglichkeit sich zu entschuldigen wohl nicht eingeräumt und ihn gleich umgelegt. Ich finde, diese Szene zeigt zwei Dinge sehr klar: Ben ist Jacobs Auserwählter, sein Favorit UND Ben ist in seinem Kern ein guter Mensch, denn trotz allem, wovon Ben glaubt, dass Jacob es ihm angetan hat, will er ihn nicht töten. „Samuel“ muss viel Überzeugungsarbeit leisten und sogar Jacob selbst, muss Ben noch weiter provozieren. Bevor ich jetzt aber wieder zu tief in einer Analyse der Beziehung zwischen Jacob und Ben versinke, kehre ich noch einmal zu den mythologischen Bezügen bei Jacob und „Samuel“ zurück, denn da war ich noch keineswegs fertig:

Wir waren mittlerweile ja schon bei den Griechen angekommen. Dieser Bezug ist aufgrund der altgriechischen Textpassagen auf dem Teppich auch keineswegs aus der Luft gegriffen. Einige sehen einen Bezug zwischen Jacob und Apollo, dem griechischen Gott der Weisheit und schönen Künste. Hinweise darauf wären etwa der nach Apollo benannte Schokoriegel, den Jacob Jack gibt (allerdings könnte diese Namensgebung auch eine Anspielung auf Mars sein... oder war der römische Kriegsgott doch Snickers? Na ja, zum Glück war es wenigstens kein MilkyWay oder gar ein Raider, denn dann hätte sich Jacob in Twix umbenennen müssen^^), oder die Namen der Dharmastationen, bei denen sich häufig Bezüge zu Mythen rund um Apollo herstellen lassen.

Ich persönlich würde jedoch viel eher einen Bezug zu Prometheus sehen. Prometheus war nämlich wie Jacob ein Fan von Feuer, ein echter Philanthrop und obendrein ein kleiner Revoluzzer. Prometheus stahl den anderen Göttern nämlich das Feuer und gab es den Menschen. Er hatte wohl nicht bezweckt, dass wir gleich anfangen uns damit auch gegenseitig umzubringen, aber er tastete halt unseren freien Willen nicht an. Anderes Zeus. Der war nämlich auf 180, als er von Prometheus’ Tat erfuhr, und hat den armen Titan daraufhin an den Kaukasus gekettet, wo ihm seither jeden Tag aufs Neue von einem schlechtgelaunten Adler die Leber rausgepickt wird. „Loop, Dude, Loop!“

Eine in „Lost“ stark vertretene Religion haben wir noch abzuarbeiten: den Buddhismus. Wobei der Buddhismus wohl mehr eine Lebenseinstellung als eine Religion im klassischen Sinne ist. Vorab muss ich allerdings gestehen, dass ich mich beim Thema Buddhismus auf dem bewege, was Sarah Kuttner einst das „oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens“ nannte. Doch zum Glück ist mir das Schicksal bei meiner Recherche derzeit hold und so fand ich etwas sehr aufschlussreiches, an einem Ort, wo ich es nicht vermutet hätte, und zwar in Heinrich Krauss’ „Kleines Lexikon der Engel – Von Ariel bis Zebaoth“. Hier steht auf Seite 33f. unter dem Stichwort Buddhismus folgendes: „Auch wenn der Buddhismus keinen Schöpfergott im Sinne der monotheistischen Religionen kennt, so leugnet er doch nicht die Existenz von Göttern und engelähnlichen oder dämonenhaften Wesen. Sie haben zwar eine übermenschliche Daseinsform, unterliegen jedoch, wie die gewöhnlichen Sterblichen, dem leidvollen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt, so lange sie sich nicht durch sittliche Vollendung und Erleuchtung aus diesem Bereich ‚Samsara’ befreit haben und ins ‚Nirwana’, die Sphäre der Erlösung, eingegangen sind.“ Das passt so erschreckend gut in das Gesamtbild von Jacob, dass ich den Abschnitt gleich viermal lesen musste. Jacob ein göttliches Wesen auf dem Weg zur Erleuchtung? Wiedergeburt? Das ist wohl das, was der Buddhismus allen anderen Religionen voraus hat: er kann problemlos mit ihnen co-existieren – sie nur nicht mit ihm. Bezüglich Jacob trifft das auch erst einmal den Kern und man müsste sich für alles weitere wohl an einen separaten Artikel zum Thema „Lost und Buddha“ machen, doch dazu müsste ich mich zumindest erst mal in die Materie reinarbeiten, wozu es mir im Moment etwas an Zeit mangelt. Wenn euch aber ein solcher Artikel wichtiger wäre als so manche Review, müsst ihr das sagen. Vielleicht kennt sich aber auch einer von euch mit dem Thema aus und kann darauf basierend selbst so eine Abhandlung als Gastbeitrag verfassen.

Interessant ist der Buddhismus aber auch in Bezug auf „Samuel“, denn so heißt es auf Wikipedia zu den vier edlen Wahrheiten: „1. Das Leben im Daseinskreislauf ist letztlich leidvoll“ (Die Red Sox lassen schön grüßen) und „2. Die Ursachen des Leidens sind Gier, Hass und Verblendung“ (auch Meister Yoda entsendet seine Grüße). Ungeachtet dessen, dass dies ganz gut zu „Samuels“ Grundeinstellung passt, kam mir noch eine andere total verrückte Idee, die wahrlich ein fetter Mindfuck wäre, wenn sie stimmen würde. Wir gehen die ganze Zeit davon aus, dass „Samuel“ Jacob loswerden will und Jacob der Überlegene ist. Was wäre aber, wenn „Samuel“ bereits eine Bewusstseinseben weiter ist und „Do you have any idea how badly I wanna kill you?“ („Hast du eigentlich eine Idee, wie schlimm es mir danach verlangt, dich zu töten?“) gar nicht feindselig gemeint ist. Was wenn „Samuel“ hier keine Drohung ausspricht, sondern ein Versprechen abgibt: „One of these days, sooner or later... I'm going to find a loophole, my friend.“ („Eines Tages, früher oder später... finde ich ein Schlupfloch, mein Freund.“) Könnte doch auch heißen: „Irgendwann gelingt es mir, die Regel zu umgehen und dich zu erlösen. Und dann, mein Freund, wirst du erkennen, das ich recht hatte, denn dann bist du erleuchtet.“ Denn alle Wesen sind laut Buddhistischer Lehre in einem Kreislauf aus Leben, Tod und (Wieder)Geburt gefangen, bis sie ein Schlupfloch finden und aus ihm ausbrechen können.

Damit bin ich gleich bei der zweiten Möglichkeit: Oder aber „Samuel“ redet von sich selbst, dass er für sich ein Schlupfloch aus diesem Kreislauf sucht, um Jacob ebenbürtig begegnen zu können, da dieser das Nirwana bereits erreicht hat.

Okay, alles darüber hinausgehende würde dazu führen, dass mich meine eigenen Gedankengänge überfordern, weshalb ich nun einmal die Ebene der übernatürlichen Entitäten verlasse und wir nun endlich zu Jacobs Aufeinandertreffen mit anderen Schlüsselcharakteren zu sprechen kommen: All diese Treffen haben bestimmte Gemeinsamkeiten, wobei es bei jeder Gemeinsamkeit mindestens eine Ausnahme von der Regel gibt. Bei allen Treffen spricht Jacob mit dem jeweiligen Hauptcharakter und auch nur mit ihm (Ausnahme: bei Ben spricht er auch mit „Samuel“). Er bietet ihnen etwas an, was außer „Samuel“ alle annehmen, oder überlässt ihnen auf anderem Wege irgendetwas (Ausnahme: Sayid nimmt er etwas). Jacob sucht die Betreffenden selbst auf oder wartet irgendwo auf sie. Die Besuche finden stets an besonderen Schlüsselmomenten der Betreffenden statt (okay, Ben besucht Jacob selbst, was schon an und für sich ein Schlüsselmoment ist). Jacob berührt seinen Gegenüber (Ausnahme: „Samuel“). Keinem außer Ben und „Samuel“ ist wirklich bewusst mit wem sie sprechen, nur Ilana scheint sich Jacob sich dann irgendwie zu offenbaren. Jacob tut etwas für jeden von ihnen (Ausnahmen: „Samuel“ und Sayid). Soweit zu den Gesetzmäßigkeiten.
Jetzt wollte ich zwar direkt auf die Besuchen bei den ganzen Charakteren im einzelnen eingehen, doch dann dachte ich, dass ihr wahrlich lange genug auf neuen Lesestoff warten musstet und ich das mal auf Teil 2 vertage. Ich weiß nur schonmal eines: Seit meiner Facharbeit über den Vampirmythos und seine politische Bedeutung im Mittelalter, hab ich nicht mehr soviel für einen Text recherchiert wie für diesen - hoffe es hat sich gelohnt.^^

Sonntag, 13. Dezember 2009

Da ist man doch Feuer und...Wasser?!

Fire + Water:

Okay, die Folge ist kniffelig und deshalb diesmal erst Handlung, dann Analyse. Zur Handlung: Charlie hat Visionen, die ihn glauben lassen, er müsse Aaron vor irgendetwas beschützen. Er fängt an Schlafzuwandeln und entführt Rübenkopf, woraufhin ihn alle meiden. Dennoch schafft Charlie es, Claire davon zu überzeugen, Aaron für alle Fälle taufen zu lassen (gut, schaden kann’s nicht). Rückblende: Liam verhält sich mal wieder wie ein Arsch – auch nichts neues. Und sonst...? öhm....ja das war’s eigentlich schon.

Wir sind uns folglich wohl alle darüber einig, dass die Handlung dieser Folge nur den Zweck hat die Symbole und Andeutungen zu tragen, die hier aus jedem einzelnen Frame nur so heraustriefen. Sagen wir’s wie es ist: Handlung ist in dieser Folge Fehlanzeige, weshalb man nicht nur dazu neigt sie als langweilig abzutun, sondern gar dazu sie zu vergessen. Obwohl ich die Bilder von Claire und Charlies Mutter als „Engel“ nicht vergessen kann, sieht in meinem Kopf die zweite Staffel so aus: Glaube und Wissenschaft, Treibirgendwas, Orientierung, Alle hassen Hugo, Sun-zentrische-Folge-wat-weiß-ich-wie-die-heißt, Verlassen, die anderen 48 Tage, Kollision (P.S.: Laaaaaaangweilig!), Was Kate so alles getan hat, Psalm 23, Jagdgesellschaft, da war doch noch irgendwas?, Langer Atem, Juhu! Gottseindank da isser ja! usw.

Die ganze Folge dreht sich um Charlies Glauben, alles und jeden um sich herum schützen zu müssen, und um die religiöse Bedeutung der Taufe – insbesondere der von Jesus Christus. Das wird uns schon im ersten Bild verdeutlicht, denn das zeigt ein Gemälde von Andrea del Verrocchio, welches eben genau diese Szene aus der Bibel darstellt. Was also ist eine Taufe genau? Klar, man bekommt einen Namen und einer kippt einem geweihte Plörre über die Rübe...toll... bis vor einigen Jahren kam jedes ungetaufte Kind geradewegs in die Hölle. Was ein Glück für die ganzen Heidenkinder, dass der Papst die Vorhölle für ungetaufte und uneheliche Kinder abgeschafft hat. Pech halt für Aaron, denn er würde noch geradewegs auf den Bratspieß wandern.

Aber was steckt im Einzelnen dahinter. Wasser hat bekanntermaßen eine reinigende Wirkung – für die, die es noch nicht wissen: Duschen mit Bratfett kommt nicht so gut. Diese reinigende Wirkung wurde bereits im Alten Testament von der körperlichen auf die spirituelle Reinigung übertragen: So riet der Prophet Elischa dem aussätzigen Hauptmann Naaman aus Syrien, er solle sich siebenmal im Jordan waschen. Der Aussatz war danach verschwunden und Naaman überdies zum Glauben an Jahwe bekehrt. Im Judentum gibt es daher bis heute rituelle Waschungen zur Reinigung von Körper und Geist, zur Befreiung von den Sünden und dem Bekenntnis zu Gott... und der ganze andere Käse.

Die christliche Taufe ist hingegen eine einmalige Angelegenheit und folgt dem Beispiel Jesu, der – wie Eko uns erzählt – von Johannes getauft wurde. Anders als damals wird heute bereits im Kindesalter getauft (wegen der Vorhölle halt – ein Hoch auf die Katholiken) und die Taufpaten sprechen das Glaubensbekenntnis stellvertretend für das Kind, welches in einem schwulen Kleidchen nassgemacht wird (wie schon Dr. Cox feststellte: Nicht sehr günstig, wenn man das Kind am gleichen Tag einer Religion zuordnet, in der man auch dafür auf den Bartspieß wandert) und dann traditionsgemäß zu plärren anfängt.

Sowohl bei der Taufe Jesu als auch in Charlies Vision erschien eine Taube: der heilige Geist. Oder könnte es bei Charlie nicht...? Ja warum eigentlich nicht? Könnte diese Taube nicht Jacob gewesen sein? Gott hat in der Bibel drei Gestalten (Trinität oder Dreifaltigkeit): Vater, Sohn und heiliger Geist. Wobei vor allem letzterer der Aspekt Gottes ist, der in verschiedener, nicht menschlicher Gestalt erscheint und die Allmacht Gottes symbolisiert. Er erscheint als Wind, Quellwasser und vor allem als Feuer oder Taube. Feuer? Ja, Feuer! Und was sehen wir am Himmel vorbeifliegen als Oceanic Flug 815 abstürzt? Na? Na? Genau, eine Taube. Komischer Zufall, was? Aber wo Jacob ist, gibt es bekanntlich keine Zufälle. Spinnen wir den Gedanken mal zuende und gehen davon aus, dass eine gute übernatürliche Macht existiert und diese in der Gestalt Jacobs (Gott-Vater) oder einer tierischen oder abstrakten Gestalt (Heiliger Geist) auf der Insel auftaucht. Und wo ist jetzt Gott-Sohn? Ich glaub da kommt ihr von selbst drauf, aber falls nicht: Wie wäre es mit ....öhm...sagen wir mal ...mit...AARON? Claire hätte nicht schwanger werden sollen – wir leben in modernen Zeiten: eine Jungfrauengeburt nimmt einem keiner mehr ab, aber die versagende Pille tut’s auch. Dann wäre da noch Kates Vision von Claire, die ihr aufträgt „ihn“ (vermutlich Aaron) auf keinen Fall zurückzubringen. Wo aber ist Claire? Bei ihrem Vater, der aber höchstwahrscheinlich „Samuel“ in Christians Gestalt ist oder mit „Samuel“ zumindest zusammenarbeitet – wäre es nicht denkbar, dass „Samuel“ Claire als oder ggf. durch Christian benutzt, um die Rückkehr von Jacobs rechtmäßigem Erben zu verhindern. Aarons Vater wird laut einem gewissen „Propheten“ in seinem Leben keine Rolle spielen. Klar, wie auch, wenn er verbrannt wird, ehe Aaron ihn treffen kann? Charlie ist wie Jesus Ziehvater Josef überaus religiös und bekommt in göttlichen Visionen mitgeteilt, was er zu tun hat. Maria (komisch auch, dass Charlie ausgerechnet deren Statue mit sich schleppt) bekam zwar Besuch von Gabriel und trug das Kind aus, aber Josef war eigentlich der Gläubigere von beiden und vermutlich konnte es ihm gerade deshalb zugemutet werden, für ein Kind zu sorgen, dass nicht sein eigenes war. Ich schätze mal, dass jeder von uns, die Parallelen zu Charlie erkennen dürfte.

Apropos Charlie kommen wir mal zu dem zurück. Sein erster Traum spielt an Weihnachten. Weihnachten? Da war doch was? Ach, genau der alte Konstantin wollte das Christentum einführen und da haben die Römer die guten alten Saturnalien einfach mal umbenannt und jetzt feiern wir am 24.12. nicht mehr die Wintersonnwende, sondern die Geburt von diesem Typen mit den Latschen... nicht Peter Jackson... „Walt?“ (immer dann, wenn ihr es am wenigsten erwartet^^)... nein, Jeeesus, Maria und Josef! Herr Gott, ich komm nicht auf den Namen. Jeschua? Joshua... irgendwie so was. Charlie bekommt zu Weihnachten ein Piano und zwar mit der Begründung, dass der alte Rauschebart (nicht Tom, der andere...okay, das ist schlecht formuliert, also halt nicht der Andere mit dem Rauschebart, sondern der andere mit dem Rauschebart...Nikolaus! Himmel! Herr Gott!) wohl gewusst haben muss, wie talentiert Charlie ist und: „You're special, love. Someday you're going to get us out of here, all of us.“ („Du bist besonders, Liebes. Eines Tages wirst du uns alle hier raus holen, jeden von uns“). Klingt das nur für meine Ohren genau wie die Verantwortung, die Charlie gegenüber den anderen Losties einnimmt? Er opfert sich, stirbt in Feuer und Wasser, in dem festen Glauben, so alle anderen zu retten. Oha, gleich das nächste religiöse Symbol: Jesus starb am Kreuz, um die Menschheit zu retten, ihre Sünden auf sich zu nehmen – Gottes Opferlamm. Die Taufe reinigte ihn jedoch von den Sünden, die er für die Menschen auf sich nahm, womit ihm und uns allen, sofern wir bereit sind zu glauben und zu bereuen – laut christlicher Glaubenslehre – das Himmelreich offen steht. Jedem ist wohl klar, dass die Katholiken es mit dieser Auffassung des Christentums nie so genau nahmen... aber die römisch-katholische Kirche ist halt eine große Institution und da ist Gott eben auch nur eine Einzelmeinung. Hab ich eigentlich erwähnt, dass ich auch katholisch getauft bin? Falls ihr also meint, ich soll nicht immer so auf die Katholiken schimpfen: ich bin selbst einer... mehr oder weniger.

Charlies Traum wird zumindest zunehmend abstruser und offenbart sich dadurch überhaupt erst als Traum (hätte ja auch eine Rückblende sein können). Plötzlich sitzt nämlich Liam in ’ner Windel vorm Christbaum und redet Charlie mit „Baby-Brother“ an – Liam, wer von euch hat nur eine Windel an? Aber das ist ja noch nicht genug der Absonderlichkeiten. Bei der nächsten Stelle (wo Daddy die Puppe köpft) fällt mir gerade wieder etwas ein, was ich vorgestern oder so in der „Tagesschau“ (kann auch „heute“ gewesen sein) gesehen hab. Man sollte vorab bedenken, dass es Vormittag war – also eine Zeit, zu der auch mal kleine Kinder vor der Glotze hocken. Da kam ein Beitrag über Giftstoffe in Kinderspielzeug und da zeigten die eben auch, wie Spielwaren auf so etwas getestet werden und dabei war dann halt auch eine Baby-Puppe, der dann mal die Fingerchen mit ’ner Schere abgeschnippelt wurden, ehe sie ins Reagenzglas wanderten. Da hab ich nur gedacht: Super, bei Videospielen darauf schimpfen, dass die „Ziele“ menschenähnlich sind, dann aber im Vormittagsprogramm Babys massakrieren. Also ich würde mal die gewagte These aufstellen, dass ein dreijähriges Kind stärker davon traumatisiert wird, zu sehen wie einer sehr realen, menschenähnlichen Figur Finger abschnitten werden, als ein fast erwachsener Jungendlicher vom Schießen auf Pixel. Ich weiß hat nur entfernt was mit „Lost“ zu tun, aber es beschäftigt mich seit Tagen und wenn ich mir überlege, dass die zweite Hälfte der zweiten Staffel ab 18 freigegeben ist und solche Szenen im Frühstücksfernsehen laufen, zweifle ich doch am gesunden Menschenverstand unserer Medienwächter. Ein Puppenkopf in der Auslage eines Metzgers und eine weitere Puppe, die mit dem Fleischerbeil enthauptet wird, sind allerdings auch nicht viel besser, zumal mir die symbolische Bedeutung hier etwas schleierhaft ist – also nicht die des Babys, denn die ist offensichtlich, aber wen oder was, stellt Charlies Vater hier da? Außer natürlich das Baby/ die Puppe wäre Charlie und die Szene symbolisiert eher, wie er sich von seinem Vater durch die Missachtung und Verspottung seines künstlerischen Strebens behandelt fühlt, was ich offengestanden lebhaft nachvollziehen kann. Künstler sind halt kleine Sensibelchen^^.

Die Szene wechselt mit einem nahtlosen Übergang zur Insel und Charlie hört Aaron aus dem Inneren des Klaviers schreien. Man hört das Flüstern. Die Bäume bewegen sich. Ein Close-Up zeigt Charlies Hand, auf der „Fate“ („Schicksal“) steht. Charlie erwacht und beginnt nach Aaron zu suchen, als er ihn und Claire findet, unterhält sich diese gerade mit Locke, was nur Wasser auf Charlies eifersüchtige Mühlen ist.

Als Charlie mit Claire redet, macht er einen Fehler, den er die ganze Folge über noch ein paar mal wiederholt: er gibt Fehlverhalten und Geheimnisse erst zu, wenn er bereits mit dem Rücken zur Wand steht, wenn ihm keiner mehr glaubt. Über Liams erbärmliches Verhalten in der nächsten Rückblende möchte ich kein weiteres Wort verlieren – wäre Zeit- und Platzverschwendung.

Kommen wir nun zu der Vision mit der Taube zurück – die Schlüsselvision, wenn man so will, denn sie beinhaltet die meisten und offenkundigsten religiösen Symbole und ist daher weit weniger subtil als die vorangegangene. Bemerkenswert ist schon einmal, dass Charlie zu Aaron hinschwimmt, da dieser sich bereits im Wasser befindet, vor allem dann, wenn man bedenkt, dass Charlie uns und den anderen Losties stets weisgemacht hat, nicht schwimmen zu können. Durch Staffel 3 wissen wir, dass das von Anfang an eine Lüge war, deren Hintergründe wir bis heute nicht kennen. Am Strand erscheinen Claire und Megan Pace, Charlies Mutter, und fordern Charlie dazu auf, den Jungen zu retten, weil er in großer Gefahr sei. In Anlehnung an das Gemälde von Andrea del Verrocchio zu Beginn der Folge und eine Aussage Charlies werden Claire und Megan hier zumeist als Engel gedeutet. Allerdings hat gerade Claire auch etwas von der Jungfrau Maria, wenn ihr mich fragt. Würde auch besser ins Gesamtbild passen. Ganz abgesehen davon, dass für Engel beiden ein ganz bestimmtes Attribut fehlt – kleiner Tipp: die Taube, die dann durchs Bild fliegt, hat so was. Der Bezug zum Gemälde wird aber gerade durch die Taube bestärkt, da sie einen Schatten auf den Hintergrund wirft, als sei dieser eine zusammenhängende Ebene – etwa eine Leinwand. Hurleys Rolle in dem Ganzen ist mir derzeit ebenso wenig klar wie die Bedeutung der Beechcraft, die wir im Hintergrund hören. Aber manchmal kann man auch zu viel in solche Szenen reininterpretieren. Hurley weckt Charlie ja aus seiner Vision und könnte sich in dieser Übergangsphase durch seinen Aufzug einfach in die Szenerie einfügen.

Claire und vor allem Locke enttäuschen einen in dieser Folge ja nun sehr. Als Claire merkwürdige Visionen hatte und annahm jemand wolle ihr Baby stehlen, hat Charlie ihr geglaubt. Da Claire aber einfach Angst um ihren Sohn hat und am Ende der Episode Charlie wohl tatsächlich Glauben schenkt, kann man ihr Verhalten noch irgendwo gut heißen. Locke hingegen hat mich in dieser Folge ausnahmsweise mal richtig enttäuscht und auch wütend gemacht, obgleich er ja einer meiner Lieblinge ist. Charlie hat mit seinen Vorwürfen Locke gegenüber absolut recht. Er hat John geglaubt, darauf gehört, was er sagte. Jetzt teilt die Insel sich Charlie mit und John mutmaßt als erstes, Charlie wäre wieder auf Droge. Selbst wenn: John nutzt seine komische Pampe doch auch, um mit der Insel besser zu kommunizieren. Charlies Heroinsucht sollte für John hier völlig bedeutungslos sein. Oder ist Locke hier vielleicht selbst eifersüchtig auf Charlie, weil der plötzlich die Visionen hat und die Insel nicht zu John, sondern zu Charlie spricht. Wundern würde es mich nicht. Kate, Shannon und Sayid hatten wahrscheinlich sogar Visionen im Wachzustand. Charlie schlafwandelte und träumte? Ja, eben nicht, denn wer schlafwandelt träumt nicht – sind, wie ich schon bei „Volkszählung“ mal erklärt habe, unterschiedliche Schlafphasen.

Die nächste Rückblendenszene lässt mich hingegen jedes Mal denken, ich selbst hätte nun einen sehr merkwürdigen Traum. Nicht nur diese windelntragenden M-TV-Hobbits in ihrem überdimensionalen Kinderbettchen, nein, auch Liams peinliches....ja...ähm...“Tanzen“ kann man das ja nicht nennen und selbst „Getorkel“ wäre noch zu wohlwollend formuliert...puh, da fehlen mir tatsächlich mal die Worte. Apropos Worte: Sehr geil ist ja nun wieder der Name der Windeln. Für alle, die nicht wissen, was „Butties“ übersetzt heißt, sei so viel gesagt, dass „Butt“ das englische Wort für „Hintern“ ist – also so viel wie „Hinternchens“. Da Liam aber so völlig zugedröhnt ist, werden sie zum Glück für uns alle „geFEUERt“ („FIREd“).

Als Charlie Eko, der gerade Bäume für seine Kirche markiert, von seiner Vision und den darin enthaltenen Details berichtet, stellt jener fest, dass die Symbole im Zusammenhang mit der Taufe Christi stehen. Als Charlie dann völlig aufgekratzt versucht, Claire von seinem etwas wirschen Vorhaben zu überzeugen, sehen wir Locke, der das Ganze beobachtet, und mir macht sein Blick richtig Angst. Überhaupt hinterlässt die Konsequenz, mit der John Charlie zurückweist und sabotiert, bei mir den Eindruck, dass John von einer anderen Entität der Insel den Auftrag hat, Charlies Vorhaben zu verhindern. Gleichzeitig erklärt er Claire aber auch, was es mit der Taufe auf sich hat. Also, aus John werde ich in dieser Episode einfach nicht schlau.

Charlie nimmt es letztlich selbst in die Hand und legt ein Feuer, damit alle abgelenkt sind und er mit Aaron ans Wasser kann. Übrigens kann die Taufe – anderes als andere Sakramente – von jedem gläubigen Christ durch geführt werden. Mittlerweile ist Charlie regelrecht fanatisch geworden, wobei sein Fanatismus allerdings nicht die gewaltbereiten und völlig verklärten Formen annimmt wie bei John oder Jack. Charlie erreicht das Meer nicht mehr ganz und wird vom wütenden Mob gestellt. „Verbrennt ihn, er ist eine Hexe!“ Charlie und John streiten sich und John erinnert Charlie daran, dass er ebenso wenig Aarons Vater wäre wie John selbst. Anschließend schlägt John Charlie dreimal... nanana, John, so geht das aber nicht, du kleiner Drecksack.

In der nächsten Rückblende nimmt Liam zum Schutz seines eigenen Kindes Charlie etwas weg, das ihm vermutlich ähnlich viel bedeutet hat, wie eines seiner Kinder. Natürlich ist ein Klavier nur ein Ding, doch für Charlie war es weit mehr: es war ein Teil von ihm, eine Verbindung zu seiner Mutter und es war jenes Instrument, das er brauchte, um seine geistigen Kinder zu kreieren. Vermutlich sahen wir Aaron in der ersten Vision aus diesem Grund auch in Kombination mit dem Klavier: es wurde Charlie weggenommen, ist die Wiege seiner geistigen Kinder und bedeutet für ihn daher Schmerz und Glück zugleich – ähnlich ambivalent taucht es in der Vision auf: Obgleich Aaron im Klavier gefangen ist, schützt es ihn auch zugleich vor dem Ertrinken. Es bildet eine Art Kokon um das Baby... keine Ahnung, ob am Ende ein Nachtfalter daraus schlüpft.

Liam sagt Charlie, er müsse an seine Familie denken („I have to take care of myself for them – for my family.“)... okay, dann ist Charlie wohl nur der Penner von nebenan, oder was? Zu Liam, dieser Flasche vom Dienst, fällt einem echt nichts mehr ein. Wer lag denn bitte zugedröhnt auf der Couch, nachdem er seinen Flieger verpasst hatte, statt bei der Geburt seiner Tochter zu sein? Wer hat das Kind fallen lassen? Wer ist ständig so high, dass er nicht mal mehr bis vier zählen kann... okay, das schafft er vermutlich auch nicht, wenn er nicht high ist. Ich enthalte mich jeglichen weiteren Kommentars zu dieser Null.

Am Ende begutachtet Eko jenes Feld, das Charlie ihm durch seinen kleinen pyromanischen Anfall bereitet hat. Dies ist also der verbrannte Acker, auf dem Eko seine Kirche bauen wird. Außerdem erklärt er Claire noch mal die ganze Taufstory um Jesus und John the Baptist/Johannes den Täufer... befreit von allen Sünden....blablabla... wir kennen das schon.

Tja, und letztlich war es das auch mit „Fire + Water“. Es wäre meines Erachtens nach wirklich überflüssig mehr dazu zu schreiben, außer einer von euch entdeckt noch irgendwelche Symbole, die ich übersehen habe. Dann könnt ihr das gerne ergänzen. Ich hoffe mal ganz stark, dass ich den Gastbeitrag von Furya zu „Langer Atem“ heute noch überarbeitet bekomme... „Or, anytime. Just kidding, dude.“

Donnerstag, 12. November 2009

You don't even know what you're running from!

Orientation:

Es hat nun doch etwas länger gedauert, doch das resultiert schlichtweg aus der Fülle an Querverweisen in dieser Episode. Ich habe einfach unheimlich viel gefunden, was es zu analysieren galt. Außerdem musste ich auch einiges recherchieren, nachlesen und überprüfen. Ich habe wirklich sehr viel Zeit in diese Review investiert und ich denke: es hat sich gelohnt. Also auf zur „Orientation“/„Orientierung“ – also zu dem, was ich nur in den seltensten Fällen habe.

Bei der ersten Rückblendenszene kann ich schon wieder aus eigener Erfahrung sprechen. Es ist ja mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass ich mit Angststörungen, Depressionen und ähnlichem Dreck zu kämpfen habe. Wenn man so etwas hat, probiert man ja früher oder später alles mal aus, wenn die Verzweiflung nur groß genug ist. Das Bild, welches hier in „Lost“ gezeigt wird, entspricht meinen Erfahrungen weit mehr als sonstige Darstellungen solcher Veranstaltungen in Film und Fernsehen. Selbsthilfe? Selbstmitleid! Jammergruppen sind das! Ich bin auch nur vier mal hingegangen, weil es nur zwei Typen von Menschen gibt, die sich bei so etwas lange halten: Welche, die anderen was volljammern wollen und einen Konkurrenzkampf darum führen, wem es denn nun am beschissensten geht, und solche, die den anderen vorschreiben wollen, wie sie ihr Leben zu führen haben. Ach nein, Moment, es gibt noch einen dritten Typus: Die ersten beiden zusammen. Das sind die allerschlimmsten – selbst nichts gebacken kriegen, aber altkluge Weisheiten verteilen. Insofern kann ich Johns Reaktion mehr als gut nachempfinden – nachvollziehen sowieso!

Ungewollt hat er denen aber vermutlich wirklich geholfen, denn einige hat er mit seinem Ausbruch bestimmt wachgerüttelt. Wie groß die eigenen Probleme sind, hängt immer damit zusammen, an wem man sich selbst misst. Vergleiche ich meinen dicken Bauch mit dem Sixpack von Brad Pitt oder der Wampe von Rainer Calmund? Im einen Fall möchte man sich beim Blick in den Spiegel erschießen, bei dem anderen denkt man: och, so schlimm ist es gar nicht. Das verhält sich hier ähnlich: Natürlich ist es nicht schön, von den eigenen Eltern beklaut zu werden, aber es macht doch einen Unterschied, ob es nun 30$ oder eine Niere ist, um die man beschissen wird.

Das Modell lässt sich wohl auf alle Charaktere der Serie übertragen. Vergleiche ich etwa Charlies Leben mit Jacks (Sohn eines gutverdienenden Chefarztes und auch selbst ein virtuoser Chirurg; einige Jahre glücklich verheiratet – die Ehe selbst in die Grütze geritten) oder mit Bens (Mutter bei der Geburt gestorben, vom Vater misshandelt, mit 12 Jahren beinahe erschossen, an Krebs erkrankt, vereinsamt) – dann muss ich doch sagen: Im Vergleich zu Jack hatte Charlie ein Schießleben, im Vergleich zu Ben hat er es noch ganz gut getroffen. Wobei man sagen muss: Jack hat eigentlich von allen Losties am wenigsten Grund ein Pessimist zu sein und ist dennoch der größte Schwarzmaler auf diesem verrückten Eiland. John hingegen hatte noch mehr Pech im Leben als Ben und ist ein hoffnungsloser Optimist. Das sagt aber weniger über die beiden, als über die Menschen an und für sich aus. Jack hat noch nicht viel schlimmes durchgemacht und für ihn ist der Absturz im Vergleich dazu eine Katastrophe. Ganz abgesehen davon: derart pessimistisch sein, kann nur, wer es sich leisten kann. Hätte John Jacks Lebenseinstellung, hätte er sich schon viel eher freiwillig aus dem Fenster gestürzt – da hätte keiner mehr nachhelfen müssen.

Auch bei der Selbsthilfegruppe ist John das Schicksal mal wieder gewogen: er lernt Helen kennen. Für uns zunächst ein ziemlicher Mindfuck, da einem zu diesem Zeitpunkt noch nicht so recht klar ist, dass diese Helen nicht die Helen vom Telefon ist. Selbst heute haben wir keine 100%ige Garantie, obgleich es nahe liegt, dass John die Telefon-Helen wohl nur wegen der Namensübereinstimmung kontaktiert hat. Über jene Helen wissen wir nichts definitives, wir können nur Vermutungen anstellen und die wahrscheinlichste ist wohl: es handelt sich um eine Telefonsexhotline (immer dran denken: „Telefonsex ist AIDS-sicher!“ – Thomes G. Hornauer), die John, einsam wie er ist, anruft, weil die Frau auf der anderen Seite (angeblich) Helen heißt. Ein weiteres Kapitel in der traurigen Lebensgeschichte von John Locke.

Diese Helen hingegen steht total auf Typen mit Glatze – „I'm not bald.“ – „I can wait.“ („Ich hab keine Glatze!“ – „Ich kann warten.“). Sie kann warten – mal wieder ein Verweis auf das Thema Geduld. In der Nacht bricht John auf und fährt wieder zum Haus seines „Vaters“ Anthony Cooper. Jener steigt zu John ins Auto und erklärt ihm: „There is no ‘Why’. Do you think you're the first person that ever got conned? You needed a father-figure and I needed a kidney, and that's what happened. Get over it. And John, don't come back – you're not wanted.“ („Da gibt es kein ‚Warum’. Glaubst du denn, du wärest die erste Person, die man jemals reingelegt hätte? Du brauchtest eine Vaterfigur und ich brauchte eine Niere. Das ist alles. Komm drüber weg. Und John, komm nicht wieder her – du bist unerwünscht.“) Kennen wir da nicht noch jemanden, dessen verzweifelte Suche nach einer Vaterfigur ausgenutzt wurde? Tja, John, du hast mit Ben nun einmal weit mehr gemein, als du wahr haben möchtest! Ben und John werden beide von ihrem Vater behandelt wie Müll und wenden sich darauf einer neuen Vaterfigur zu: Jacob.

Oder? Ist schon komisch, dass Anthony Cooper „Vaterfigur“ und nicht einfach „Vater“ sagt. Obgleich ich mich auch weiterhin gegen diese Möglichkeit sträube, könnte das ein weiterer Hinweis darauf sein, dass Johns Vater nicht Anthony Cooper, sondern Jacob ist. Oder aber er ist – und das wäre weitaus verrückter, aber ebenso logisch – „Samuels“ Sohn. Wie man es dreht und wendet, bleibt eines sicher: sowohl Ben als auch John sind auf ihrer verzweifelten Suche nach jemandem, der ihnen auf die Schulter klopft und ihnen gut zuredet, in ihrer Entwicklung irgendwie stehen geblieben. Wie Helen sagt: „He's not coming out of this house, John, because he doesn't care. I know why you're here – why you keep coming here. You're scared. You're scared of moving forward – with me, with us. You're going to have to choose: Him or me.“ („Er wir nicht aus dem Haus kommen, John, denn er kümmert sich nicht drum. Ich weiß, wieso du hier bist und weshalb du weiterhin hierher kommst. Du hast Angst. Du hast Angst einen Schritt nach vorn zu machen – mit mir, mit uns. Du wirst dich entscheiden müssen: Er oder ich!“). John kann (oder will) nicht über den Status quo hinaus. Er kann nicht loslassen. Doch warum kann er das nicht? Ist es denn wirklich die Niere, die er zurück will? Johns Problem liegt doch vielmehr in dem Betrug, in dem Gefühl nichts wert zu sein, das ihn auf der Insel auch so verbissen darauf hinarbeiten lässt Jacobs Auserwählter zu werden. Wie Ben geht es John nicht um die Macht, sondern um die Anerkennung, das Gefühl etwas darzustellen. Ben erkennt jedoch durch John etwas, was dieser selbst nicht zu erkennen bereit ist, obwohl er es bereits am eigenen Leib erfahren hat: Wenn Menschen (oder auch Inseln und komische Entitäten) einem sagen, man wäre etwas besonderes, dann meistens nur, um Vertrauen aufzubauen, damit es leichter wird, einem das Messer in den Rücken zu rammen. Ben hat das erkannt: Solange John nicht da war, war er gut genug und wird dann entsorgt – entweder von Jacob selbst, der Insel oder „Samuel“.

Ben verbringt 35 Jahre mit warten. Ebenso droht auch John sein Leben zu verpassen. Helen möchte ihn davor bewahren, ihn von seinem Vater befreien. Sie verlangt von ihm, dass er ihr verspricht, auch wirklich zu bleiben, wenn er sagt, er bliebe. Ich kenn da noch einen Ort, an dem man bleiben muss, wenn man einmal da ist... sonst kommt man früher oder später zurück. Helen hat aber nicht die Macht John von Anthony Cooper zu befreien – John benötigt dazu die Hilfe anderer: Richard, Ben und James. Helen kann John nur helfen, indem sie ihm den Glauben an sich selbst zurückgibt und ihm zur Seite steht. „You don’t have to be alone!“ („Du musst das nicht alleine durchstehen!“ bzw. „Du musst nicht einsam sein!“)

Ehe wir nun in den Schwan zurückkehren und uns den interessantesten Handlungsfaden dieser Episode anschauen, noch ein paar Worte zu dem, was Michael, Jin und James widerfährt: Die Ironie im Aufeinandertreffen von Losties und Tailies ist offenkundig, denn beide halten die jeweils anderen für die Anderen. Als Ana in die Grube kommt und nicht nur behauptet, sie sei an Bord von Flug 815 gewesen, sondern habe sich außerdem die ganze Zeit alleine durch den Dschungel geschlagen, merkt man schon wie Sawyer seine Zweifel an der Geschichte kommen. Zu seinem Pech hört er aber nicht auf seine innere Stimme und so fragt Ana Sawyer erst aus, schlägt ihn anschließend nieder und nimmt ihm dann die Waffe ab, ehe sie nach oben entschwindet. Wie jemand, der so eine Nummer durchzieht, den Anderen ihre Täuschung und ihr Misstrauen gegenüber Eindringlingen vorhalten kann, ist mir rational nicht so ganz begreiflich, obwohl ich das Misstrauen der Tailies an und für sich verstehen kann.

Jetzt aber ab unter die Erde.. okay, die Grube ist so gesehen auch unter der Erde...öhm...ja... also zumindest gehen wir nun in den Schwan und dürfen uns nun zum dritten Mal angucken, wie Desmond John eine Knarre an den Kopf hält und dann den Lüftungsschacht abknallt. Außerdem fragt Jack zum dritten Mal dusseliges Zeug – darunter auch sein All-Time-Favorite: „Where’s Kate?“ Und wo ist Kate denn nu’? Die ist weiter im Lüftungsschacht rumgekrabbelt und in der Waffenkammer gelandet. Aus irgendeinem Grund kommt mir jetzt die Simpsons-Folge „Freund oder Feind“ in den Sinn... da hat der Schotte sich allerdings ausgezogen, eingeölt und ist dann selbst in den Lüftungsschacht...

Zumindest findet Kate in der Waffenkammer etwas, das man da so gar nicht vermuten würde: Waffen. Schließlich nutzt man Waffenkammern auf dieser Insel viel lieber als Depot für in Madonnenstatuen versteckte Drogen oder als Behelfsknast für manipulative Hobbits. Bislang dachte ich aber auch Kate würde immer vorgeben nicht zu wissen, wie man eine Schusswaffe gebraucht, doch hier belehrt sie mich eines besseren: Sie weiß es wirklich nicht und benutzt das Ding daher als Knüppel. Sie schlägt Desmond nieder und der erschießt daraufhin den Computer und das obwohl es kein Windowsrechner war. Wobei ich glaube, hätten die im Schwan Windows als Betriebssystem, hätte Desmond am 22.9.2004 da wohl ein Pop-Up-Fenster mit folgender Nachricht vorgefunden:

Desmond und Jack haben definitiv schon mal eines gemeinsam: sie sind die totalen Pessimisten, weshalb Desmond kaum, dass er den Computer erschossen hat, meint: „We are all gonna die!“ („Wir werden alle draufgehen!“) Jacks wirklich ätzendes Benehmen in dieser Folge möchte ich später gesondert analysieren, denn entweder er verhält sich völlig unverständlich oder einfach wie ein Arsch. Kümmern wir uns erst einmal um die Schwan-Station selbst, den Orientierungsfilm und Desmond, ehe wir uns dann Locke und zum Schluss Jack vornehmen. Desmond lebt in dem Glauben, er würde jedes Mal, wenn er die Taste drückt, so die Welt retten bzw. ihren Untergang verhindern. Dieser „Auftrag“ wird auf der Insel sehr häufig vermittelt – immer geht es gleich um die ganze Welt, die gerettet werden muss. Das spricht doch wahrlich Bände über die Bedeutung der Insel. Sie ist das Spielbrett auf dem ein Konflikt ausgetragen wird, der um so vieles größer ist als alle, die daran teilhaben. Fällt die Insel, fällt die Menschheit.

Die ganze zweite Staffel über wird die Frage im Raum stehen, ob das, was im Schwan passiert, nur ein Experiment ist. Wir gingen vor drei Jahren aus der zweiten Staffel in dem Glauben heraus, dass der Schwan echt und die Perle das Experiment sei. Aber stimmt das? Kommt es nicht vielmehr darauf an, in welcher Relation wir das Ganze betrachten? Denn letztlich ist die ganze Insel doch ein einziges Experiment, ein Test, ein Spiel. Testet Jacob Ben nicht jeden Tag seines Lebens, ob er die Taste auch weiterhin drückt? Wenn Ben versucht, Jacob zu töten (er bringt es ja nicht zuende – das besorgt jemand anders), ist es doch nichts anderes, als würde Desmond aufhören, die Taste zu drücken. Man lässt es drauf ankommen, testet aus, ob wirklich alles endet, wenn man die Autorität über einem in Frage stellt. Funktioniert man einfach nur oder ist man ein freier Mensch, der selbst über sein Schicksal entscheidet? Ben tötet Menschen, weil man ihm sagt, dass es nötig wäre, um die Insel zu beschützen. Die Insel muss wiederum beschützt werden, weil sonst die gesamte Menschheit zu Grunde geht. Alle Menschen, die Jacob auf die Insel holt sind Laborratten und die Insel ist das Versuchslabor. Jacob und „Samuel“ sind wie zwei konkurrierende Wissenschaftler, die das Experiment zu ihren Gunsten manipulieren, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Wir kommen darauf nachher zwangsläufig noch ein paar mal zurück.

Desmond sagt Jack und John, sie sollten den Film ansehen, er stünde hinter „The Turn of the Screw“. Worum geht es denn in dieser Novelle von Henry James? Gut, dass wir in einer Zeit mit Wikipedia leben. „Das Durchdrehen der Schraube“ ist eine Geistergeschichte über Kontrollzwang, Halluzinationen und andere Wahnvorstellungen – es ist also alles andere als ein Zufall, dass die Filmrolle ausgerechnet hinter diesem Buch steht. Kleine Randnotiz: Falls einer von euch das Buch gelesen hat oder Lust hätte es zu lesen, würde ich mich sehr über einen Gastbeitrag freuen, der Inhalt und Bezug zu „Lost“ aufdröselt. Das gilt übrigens ganz allgemein für literarische Werke, die in „Lost“ vorkommen. Der Orientierungsfilm selbst ist, anders als die der anderen Stationen, keine Videokassette, sondern eine Filmrolle. Warum? Ganz einfach: Videokassetten nutzen Magnetaufzeichnung und die dann neben einem riesigen Magneten aufzubewahren ist etwa so, als wenn man einen Brand mit hochprozentigem Alkohol löscht: kontraproduktiv.

Betrachten wir zunächst einmal die harten Daten und Fakten, die wir aus dem Film bekommen: Der Film ist auf das Jahr 1980 datiert – also drei ganze Jahre nach dem Vorfall. Außerdem wird der Schwan als dritte von sechs Stationen der Initiative aufgeführt und bereits hier wird’s problematisch, denn wir können uns nicht nur an allen zehn Fingern ausrechnen, dass es mehr als sechs Stationen gibt, sondern auch, dass der Schwan als eine der letzten Stationen errichtet wurde. Die Stationen 6 (Orchidee) und 4 (Flamme) existierten definitiv vor dem Schwan, ebenso wie Station 2 (Pfeil). Nur die fünfte Station (die Perle) wurde höchstwahrscheinlich nach dem Schwan errichtet. Jetzt könnte man ja argumentieren: Die haben nur sechs geplant und deshalb steht da „3 von 6“, obwohl es mehr Stationen gibt. Allerdings wurden auch Hydra, Stab, Spiegel, Laternenmast, Sturm und die Sicherheitsstation definitiv VOR dem Schwan gebaut. Hydra und Spiegel werden 1977 bereits erwähnt und die Sicherheitsstation sehen wir sogar nur im Jahre ’77. Sturm und Stab sind notwendige Versorgungsstationen, die ebenfalls bereits existiert haben müssen und der Laternenmast hat die Dharma überhaupt erst zur Insel geführt und müsste folglich die älteste Station und somit 1970 (laut dem Orientierungsfilm das Gründungsjahr der Dharma) oder 1971 (bereits 1972 kam Ben im Alter von acht Jahren auf die Insel) gebaut worden sein. Okay, jetzt kann man mutmaßen, dass nur Forschungsstationen gezählt würden und das wären dann immer noch: Schwan (Elektromagnetismus), Orchidee (Zeitreisen, Elektromagnetismus, Gewächshaus), Hydra (Zoologie), Perle (Psychologie), Pfeil (Verteidigung), Sturm (Meteorologie, Stromerzeugung, Giftgasspeicher) und Laternenmast (Wie finde ich die Insel?). Das sind aber immer noch sieben und die Kommunikationsstation „Die Flamme“ ist nicht dabei, hat aber dennoch eine Nummer. Selbst wenn man also den Sturm weglässt, weil er vielleicht nur als Versorgungsstation gewertet wurde, und den Laternenmast als externe Station nicht mitzählt, käme es vorne und hinten nicht hin, denn wenn die Flamme zählt, müsste der Spiegel auch zählen. Ganz abgesehen davon, dass wir nicht einmal wissen, ob denn die Station mit der Nummer 1 die Hydra ist?

Chang, der sich hier aus einem uns bislang noch immer unbekannten Grund als Dr. Marvin Candle ausgibt, erwähnt auch den Vorfall und dass man die Station ursprünglich entwickelt hätte, um das elektromagnetische Feld zu erforschen. Laut Chang wäre es zum Vorfall gekommen, NACHDEM die Forschungen begonnen hätten. Wir wissen: der Bau am Schwan hatte nicht einmal richtig angefangen, als es zum Vorfall kam. Schon sind wir bei zwei echten Wissenschaftlern, die miteinander in Konkurrenz stehen: Stuart Radzinsky und Dr. Pierre Chang. Warum sollte Radzinsky, der Jahre in der Dharma tätig war und den Schwan entwickelte, am Orientierungsfilm rumschneiden müssen? Und für wen? Was hat Radzinsky damit bezweckt? Dass Chang und Radzinsky in den seltensten Fällen einer Meinung gewesen sein dürften, liegt wohl auf der Hand – der eine ein hitzköpfiger, paranoider Egozentriker, der andere ein ruhiger, bisweilen vielleicht etwas launischer, aber dennoch besonnener Philanthrop. Bis auf ihren enormen Intellekt und ihre Dickköpfigkeit haben die beiden so gut wie nichts gemein. Aber was passierte nach dem Vorfall, dass Radzinsky zwar Dienst im Schwan hatte, aber sonst kein Mitspracherecht mehr besaß. Ich denke hier gibt es noch einige große Lücken, die Staffel 6 füllen sollte, denn bislang ist kein nachvollziehbarer Grund zu erkennen, weshalb Radzinsky etwas davon gehabt hätte, wenn im Orientierungsfilm nicht mehr darauf hingewiesen würde, dass man den Computer nur zur Codeeingabe gebrauchen darf. Der Code selbst wiederum wird im Orientierungsfilm nicht einmal erwähnt. Der Zuschauer wird mit Informationen nur so bombardiert, aber den Code „4 8 15 16 23 42“ nennt man ihm nicht, obwohl das doch das wichtigste ist. Wobei sich da dann gleich die Frage anschließt, weshalb dieser Code überhaupt notwendig ist? Würde es nicht genügen, einfach einen Knopf zu drücken und gut ist? Das ist aber noch lange nicht die letzte Ungereimtheit rund um den Film.

So wird etwa das Foto von Alvar Hanso laut Lostpedia von der Hanso Foundation selbst auf 2003 datiert – 23 Jahre nachdem der Film entstanden sein soll. Wieso erfahren wir aber überhaupt davon? Wusste Chang, dass der Schwan länger existieren würde als die Dharma? Denn in keinem anderen Orientierungsfilm wird etwas über die Hintergründe der Initiative erklärt. Wobei auch diese Hintergründe eine Menge weiterer Fragen aufwerfen: Das Bild, was uns hier von der Dharma geschildert wird, hat mit dem, was wir auf der Insel sehen, nur wenig zu tun, denn von einer weltweit operierenden Gemeinschaft aus Forschern und Freidenkern ist wenig zu erkennen, wenn die Losties im Jahr 1977 landen. Die Lehren Burrhus Frederic Skinners wiederum treffen eher auf die Anderen zu als auf die Dharma. Zwar sind der Raum 23 und die Käfige der Hydra mit Skinners Forschungsergebnissen und Experimenten in Verbindung zu bringen, doch seine soziologischen Gedankengänge treffen auf die Dharma eher weniger zu, obgleich sowohl Dharma als auch Skinner auf dem Gebiet der Utopischen Sozialwissenschaften forschten. Doch eine „gerechte“ Gesellschaft, in der wie in Skinners Roman „Walden Two“ durch Manipulation Herrschaft ausgeübt wird, findet sich ganz klar bei den Anderen und nicht bei der Dharma. Das sind Bens Methoden, nicht die der DeGroots. Die Dharma ist eindeutig eine hierarchisch gegliederte Gesellschaft mit einer festen Aufgabenteilung, vergleichbar mit dem Gesellschaftssystem der Alten Ägypter.

Die anderen genannten Forschungsfelder lassen sich in den Stationen auf der Insel wiederfinden. Schwan und Orchidee beschäftigten sich beide mit Elektromagnetismus, die Perle mit Psychologie und Überwachung, die Hydra diente für Zoologische Forschung und Meteorologie kann man so ziemlich überall studieren, obgleich der Sturm hier eine naheliegende Möglichkeit wäre. Bliebe noch die Parapsychologie und die... sagen wir mal so: die ganze Insel ist eine einzige parapsychologische Forschungseinrichtung.

Finanziert wird der ganze Mumpitz von Alvar Hanso. Aber wer ist eigentlich Alvar Hanso? Ja, ja, ich weiß: „ein dänischer Industrieller und Rüstungsmagnat“. Aber das ist ja längst nicht alles! Zunächst einmal ist er der Enkel von Magnus Hanso, dem Kapitän der Black Rock und der ist höchstwahrscheinlich verwandt mit Tovard Hanso, der das Hauptbuch der Black Rock versteigern ließ. Es wechselte in den Besitz von Charles Widmore, der wiederum Chef der Widmore Corporation ist, die unmittelbar mit der Hanso Foundation und Paik Heavy Industries zusammenarbeitet. Tja, und da kommt man doch erstmals ins Stocken. Zunächst einmal muss man eine Frage in den Raum werfen: Wie konnte Charles Widmore in weniger als 12 Jahren vom Anführer der Buschmenschen zu einem der einflussreichsten und wohlhabendsten Geschäftsmänner der Welt werden? Diese Lücke in Charles Biographie wird von Staffel 6 zu füllen sein. Wer weiß, am Ende schloss er einen Faustischen Pakt mit „Samuel“? Zuzutrauen wäre es ihm. Oder aber Charles hatte dieses Vermögen schon vorher? Denn dann hätte er wie Darth Sidious bei „Star Wars“ auf beiden Seiten die Fäden in der Hand gehalten. Sowohl in der Dharma als auch bei den Feinden hätte er in der Chefetage gesessen oder zumindest großen Einfluss auf sie gehabt.

Welche Rolle spielt aber Alvar Hanso selbst. Es ist gewiss kein Zufall, dass die Beziehung seiner Familie zur Insel bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Ferner soll Alvar Hanso 112 Jahre alt sein, sieht aber nicht wirklich so aus. Kommt einem doch irgendwie bekannt vor... Nicht viel ist über Alvar Hansos Leben sonst noch bekannt. Man könnte meinen das es nicht zusammenpasst Rüstungsmagnat und Philanthrop zu sein, doch hier stimmt es wohl, da Hansos Waffenexporte währen des zweiten Weltkrieges an Widerstandbewegungen gegen die Nazis gingen und er im Kalten Krieg für Nato und UNO defensive Waffensysteme konstruierte. Man kann nur hoffen, dass Staffel 6 diese mysteriöse Figur noch einmal aufgreift, denn sonst wären Inhalt der Lost Experience und des Orientierungsfilmes ziemlich zusammenhangslos und einfach in den Äther gebrabbelt.

Nachdem Locke, Jack und wir nun einiges über die Dharma wissen und somit alle Klarheiten restlos beseitigt sind, kommt Chang/Candle/Wickmund/Halowax/Miles’ Daddy nun endlich zum Wesentlichen. Eigentlich sollte jedes Zweierteam 540 Tage in der Station sein – Des, Kelvin und Radzinsky waren definitiv länger da. Warum kamen Essenslieferungen, aber keine Ablösung? Was ist passiert? Okay, Charles Widmore ist passiert, schon klar, aber irgendwer von der Dharma ist ja noch da draußen und schickt mit Rosinenbombern Carepakete. Nur wer?

Ähnliche Fragen stellt Jack auch Desmond, währen sich Locke den Film ein zweites Mal ansieht. Er fragt nach der Initiative, Essenlieferungen und dem Absturz – Desmond gibt entweder zu verstehen, die Antwort nicht zu kennen, oder er weicht der Frage aus. Darauf, dass er Jack wiedererkannt hat, geht er auch nicht mehr ein. Vermutlich ist er sich zu diesem Zeitpunkt nicht einmal sicher von wann und wo er Jack kennt. Als Desmond den vermeintlich reparierten Computer wieder anstartet, fliegt ihm der Kasten um die Ohren. Obgleich er noch 49 Minuten übrig hätte, das Teil zu reparieren, flieht er. „It’s over!“ („Es ist gelaufen!“). Der gibt aber schnell auf! Jack folgt Desmond, der in Richtung Elizabeth unterwegs ist, und lässt John im Schwan zurück. Warum verlässt Desmond die Station so rasch? Zum einen natürlich aus Angst. Er will soweit von der Insel weg sein wie möglich, wenn sie hopsgeht. Aber er sieht auch eine Chance endlich aus der Verpflichtung, die Taste zu drücken, rauszukommen, denn wenn Sayid den Computer repariert bekommt, haben die Losties ein Interesse daran bewiesen, die Taste selbst weiter zu drücken. Wenn Desmond dann nicht mehr anwesend ist, ist er aus dem Schneider.

Nachdem Jack John im Schwan alleine zurückgelassen hat, tickt der total aus. Wieder zeigt sich John Ungeduld und Wut. Den Test der Insel, mit dieser Situation besonnen umzugehen, besteht John nicht. Er wird wütend, klagt die Insel an: „Why is this happening like this? What do you want? What do you... What am I supposed to do?!“ („Warum passiert das so? Was erwartest du ? Was willst... Was bin ich bestimmt zu tun?“) Hier zeigt sich mal wieder auf was für wackeligen Füßen Johns Glaube doch steht. Hatte er Charlie nicht einmal gesagt, dass die Insel ihn leiden ließe, damit er stark wird? Johns Überzeugung beginnt sofort zu bröckeln, sobald er vor einer Aufgabe steht, die von ihm verlangt, sich selbst etwas einfallen zu lassen. Vergleichen wir John nun mit Ben, müssen wir doch sagen: Bens Glauben ist weitaus gefestigter. Er hinterfragt zwar, was die Insel ihm aufträgt, aber geht dennoch gefestigt seinen Weg. John ist fanatisch, so fanatisch, dass er glaubt, er selbst müsse nicht selbst aktiv werden. Ben hingegen hat als einzige Maßgabe die Insel zu schützen, ob sie ihm nun hilft oder nicht. Selbst als sie sich komplett von ihm abwendet, ist er nicht bereit sie zu verraten. Mehr noch: er hilft, Jacob zu ermorden, weil er glaubt, dass es der Wille der Insel ist. Ben ist in seinem Glauben unerschütterlich ohne dabei seinen Verstand auszuschalten und fanatisch zu werden. John hingegen kommt sofort ins Wanken, wenn jemand oder etwas an seinem Glauben kratzt bzw. sich die Dinge anders entwickeln, als er angenommen, geglaubt hat. John ist so voll von Zweifeln, dass es ihm schwer fällt zu glauben, obwohl er es möchte – „It has never been ‚easy’!“ („Es war niemals ‚leicht’!“). Er präsentiert seinen Glauben, kehrt ihn nach außen und versteckt so seine Zweifel, vor sich selbst, vor der Insel und vor allem vor Jack. Und damit sind wir nun auch endlich bei Jack angekommen:

In dieser Folge gibt es wieder eine Menge Hinweise darauf, dass Jack mehr weiß und daher auch etwas anderes meint, als wir und auch John, Des und Kate daraus lesen. Seine Aussagen gehen über das hinaus, was offenkundig ist. Zunächst verhält sich Jack nur herrisch, unausstehlich: „Don’t tell me what to do!“ („Sag mir nicht, was ich tun soll!“) Doch wieso ist er so erpicht darauf, dass John und Des aufhören, die Taste zu drücken, den Zähler auf Null laufen lassen. Jacks Verhalten beginnt merkwürdig zu werden, als er und John den Film ansehen. Obgleich Jack sagt, dass er nichts von alledem glaubt, ist er weitaus nervöser als John. Den Film guckt er nur widerwillig, ein zweites Mal will er ihn nicht sehen. Warum? Wäre es denkbar, dass er den Film schon kannte? Wenn Jack in einer Zeitschleife festhängt und weiß, was es mit dem Schwan auf sich hat, will er Desmond und John vielleicht wirklich davon überzeugen, den Zähler auf Null laufen zu lassen, um so die Zeitschleife zu unterbrechen: denn der Schwan ist der Dreh- und Angelpunkt von Jacks Schicksal. Was hat Jack zu verlieren, wenn John die Taste drückt? Warum ist es ihm so wichtig John von seinem Weg abzubringen? Aber auch Desmond will er vom Gegenteil überzeugen. Doch vielleicht ist das Spiel, von dem Jack spricht, gar nicht die Taste, sondern die Insel selbst. Jack agiert hier wie „Samuel“ als eine Art Verführer, jemand, der die beiden Gläubigen von ihrem Pfad abbringen will.

Jack lässt John alleine („We do nothing!“) und folgt Desmond, der, als Jack ihn einholt, denkt, er sei ihm wegen dem Code gefolgt. Mit einer unverständlichen Wut und Überzeugung brüllt Jack: „Nothing is going to happen!“ („Nichts wird passieren“) Doch sehr viel faszinierender ist noch der bedeutungsschwangere Ausbruch: „Why are you running? You don't even know what you're running from!“ („Warum läufst du davon? Du weißt doch nicht einmal wovor du davon läufst!“) Die Art und Weise wie er das sagt, klingt fast wie: „Ich weiß es, du aber nicht! Ich weiß es, weil ich die Bombe gezündet habe, wegen der es zu dem Vorfall kam! Ich weiß es, weil ich schon miterlebt habe, was passiert, wenn der Zähler auf Null springt! Und weißt du was? Ich will, dass es passiert, damit all das endlich ein Ende hat!“

Desmonds Fragen weicht er aus, entgegnet ständig: „It doesn’t matter“ („Es spielt keine Rolle“). Doch Desmond trifft zielsicher nicht nur Jacks Achillesferse, sondern auch das, was sie beide gemein haben. Sie beide haben die Frau, die sie geliebt haben, verloren, ehe sie auf der Insel strandeten. Das schlimmste daran ist: Sie beide sind selbst schuld daran! Desmond verlässt Jack, der weinend zusammensackt, mit den Worten: „See ya in a another life, yeah?“

Sayid hat derweil den Computer repariert und John tippt den Code ein: 4 8 15 16 23 32. „It’s not 32, it’s 42!“ („Es ist nicht die 32, es ist die 42!“), sagt Jack, als er den Schwan erreicht, kurz bevor John die Taste drücken kann. Jack ist sich sicher. Hat der sich die Zahlen aber schnell gemerkt, obwohl er sie gar nicht wissen wollte... faszinierend!

Aber der Rest dieser Szene ist dann schon fast etwas gruselig, so viel Subtext fließt da mit ein. Jack ist völlig verzweifelt, hat Tränen in den Augen. Hier geht es nicht mehr nur um den Knopf. Wenn Jack weiß was passiert, dann ist er so fertig, weil er nicht die Kraft hatte, es passieren zu lassen. Er will nicht noch einmal nachgeben, den Kreislauf nicht auch noch selbst im Spiel halten. Doch wenn er nicht weiß, was passiert, wenn es wirklich eine Frage des Glaubens ist, dann ist er über seinen eigenen Zweifel erbost. Und John? John geht es auch nicht nur um die Taste, es geht darum, Jacks Glauben zu prüfen. John will herausfinden, ob Jack in der Lage ist zu glauben. Dabei hat Jack schon längst bewiesen, dass er das Zeug zum Fanatiker hat, allerdings in der entgegengesetzten Richtung. Dann fällt der alles entscheidende Satz, die Frage, die die Beziehung zwischen John und Jack auf den Punkt bringt: „Why do you find it so hard to believe?“ („Warum fällt es dir so schwer, daran zu glauben?“) Was antwortet Jack? „Why do you find it so easy?“ („Warum fällt es dir so leicht?“) Wenn Jack in einer Zeitschleife steckt, könnte er hier versucht haben, John zu retten. Letztlich ist es nämlich genau dieser fanatische Glaube, der John tötet und somit auch zu Jacobs Tod führt. Es geht schon längst nicht mehr um die Taste, es geht um Autorität und Glaube, aber auch darum, wer bereits ist zu zweifeln. John erwidert Jack: „It's never been ‘easy’!“ („Es war niemals ‚leicht’!“) John legt Jack seine Zweifel offen und bittet ihn um Hilfe. Er will, dass Jack mitzieht, weil er jemanden sucht, der bereit ist, mit ihm zu glauben: „I can't do this alone, Jack. I don't want to. It's a leap of faith, Jack.“ („Ich kann das nicht alleine tun, Jack. I will es nicht. Es ist eine Frage des Glaubens, Jack.“)