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Freitag, 4. Dezember 2009

Kate, Horses and a videotape

What Kate Did:

Ja, jetzt bin ich mal wieder selbst am Drücker. Nach den ersten beiden sehr ordentlichen Gastbeiträgen von Elli, kümmer’ ich mich jetzt um das, was Kate getan hat. Allerdings hat Kate verdammt viel getan und dementsprechend sieht auch mein Notizheft aus: voll, voll, voll... . Da darf man keine Zeit verlieren. Die Episode beginnt aber nicht einmal mit Kate, sondern mit Jin. Wir wollen hier nicht ins Detail gehen, denn wie Hurley erkennen wir auch so: Ji-Yeon ist nun unterwegs. Jetzt hab ich es sogar geschafft das Kind nicht beim Namen zu nennen, indem ich das Kind beim Namen nenne. Wieso ist es aber von Bedeutung, dass in dieser Nacht höchstwahrscheinlich Ji-Yeon gezeugt wurde? Ganz einfach: Zeitgleich hebt Sayid Shannons Grab aus. Noch eindeutiger wurde der Gegensatz zwischen Leben und Tod nur in „Schade nicht“ aufgebaut.

Sawyer wird derweil von Jack umsorgt und nennt bei seiner Frage nach Kate das Kind zwar nicht beim Namen, aber das muss er auch nicht: „Where is she?“ („Wo ist sie?“) reicht. Jack weiß sofort, dass es um Kate geht, vermutlich weil er eine vergleichbare Frage auch täglich stellt. Also „Where’s Kate?“ Kate klettert mal wieder auf Bäumen rum und sammelt Obst – ich spare mir hier niveaulose Kalauer über Pferdeäpfel. Doch dann taucht Kate ihr Pferd auf. Wenn man es sich recht überlegt, ist das jetzt aber nichts so verwunderliches, oder? Hätte das Pferd nun vor ’ne Apotheke gekotzt oder aufm Flur gestanden, okay, das wäre zugegebenermaßen merkwürdig. Aber Fury steht nur so da und glotzt Löcher in die Luft (jetzt wissen wir auch, warum es sich mit Kate so gut versteht: sie haben das gleiche Hobby). Muss dieses Pferd denn eine übernatürliche Erscheinung sein? Wir wissen mittlerweile, dass es Pferde auf der Insel gibt: Die Feinde haben sie zur Fortbewegung genutzt. Zwischen Rindern, Kaninchen, Hunden, Hurley-Vögeln, schwergestörten Giraffen, Eisbären, Wildschweinen, Spinnen, Fröschen, Haien, Hühnern und dem berühmtberüchtigten Elefanten im Raum soll uns ein Pferd noch wundern? Man sollte zumindest in Betracht ziehen, dass die einzig übernatürliche Kraft, die hier am Werk ist, das Schicksal ist und nicht die Insel, Jacob, Smokey und/oder „Samuel“ (wobei die letzten beiden vermutlich eh’ ein- und derselbe sind). Natürlich will ich nichts ausschließen, aber man sollte die Möglichkeit, dass dieses Pferd einfach nur ein Pferd ist, genauso wenig ausschließen wie das Gegenteil.

Doch wieso das Pferd für Kate nun wichtig ist, erfährt der Zuschauer ja erst viel später. In der ersten Rückblende spielt Kate mal wieder mit dem Feuer(zeug). Da Wayne beim Betreten des Hauses, obwohl er sternhagelvoll ist (vermutlich ein Dauerzustand), bemerkt, dass es komisch riecht („What the hell is that smell?“), können wir wohl davon ausgehen, dass Kate bereits auf ihn gewartet hat. Alles ist vorbereitet: Das Haus müffelt nach Gas, Kate hat das Feuerzeug im Anschlag und die Versicherungspolice in der Tasche. Der Plan ist gefasst und wird auch ausgeführt. Keine Ahnung wie es euch geht, aber mir kommt da jemand anders in den Sinn, der auch erst nett zu seinem Vater war, nur damit der nicht erkennt, dass alles vorbereitet ist, um sich seiner zu entledigen. Da wurden auch Holzpuppe, Giftgaspatrone und Gasmaske sicher verstaut und dann zischte man mit Daddy noch ein Bierchen, ehe man ihn nach 28 Jahren der Erniedrigung über den Jordan (falls ihr euch da in eurer Religionsfreiheit tangiert fühlt, von mir aus auch über den: Nil, Styx, Ganga oder was weiß ich) schickte. Irgendwie scheint langsam jeder der Losties mit Ben eine Erfahrung, einen Schicksalsschlag zu teilen. Bei den meisten sind die Parallelen nicht so deutlich wie bei John, Kate oder Sawyer, aber sie sind da. Aber es ist ja nichts Neues, dass die Fäden bei Glubschauge und/oder Glatzkopf irgendwie immer zusammenlaufen.

Ein nettes Detail dieser Rückblende bedarf da schon viel größerer Beachtung. Als Kate Wayne ins Haus bringt fährt die Kamera kurz sehr dicht an einer Regalwand vorbei. Hauptsächlich stehen hier Familienfotos mit gestellten, glücklichen Erinnerungen. Aber hier steht auch eine sehr naturalistische Schnitzerei (oder für die Kunstliebhaber: eine hölzerne Skulptur mit einem sehr hohen Ikonizitätsgrad) eines Pferdes. Eines Pferdes? Da war doch was.....? Stimmt, da war ein schwarzes Pferd im Dschungel und später – Achtung Spoiler^^ – auf der Landstraße. Dieses Pferd endet wie Wayne und das Haus mit einer großen Explosion in Jacobs liebstem Element: dem Feuer.

Kate fährt danach zu ihrer Mutter (die genau wie der US-Marshal und Jacob erstaunliche Ähnlichkeit mit einem Charakter aus „Supernatural“ hat) und erstmals erkennen wir hier schon wie Diane gestrickt ist. Im Nachhinein will ich hier mal Winston Churchill zitieren: „Ich glaub wir haben das falsche Schwein geschlachtet!“ Denn sein wir mal ehrlich: Wie kann man sich der eigenen Tochter, die einem sogar noch helfen wollte, gegenüber so verhalten? Denken wir mal an Jins Vater, der vermutlich nicht einmal sein Vater ist und sagte, dass Jin immer sein Sohn bliebe und er ihn liebe, egal was er getan habe, dreht sich einem bei dieser Mutter doch mal wieder der Magen um. Eltern, die nicht zu ihren Kindern stehen, haben bei „Lost“ ja Tradition und Kates Eltern haben es zumindest in meine Top-5 der größten Rabeneltern (also jetzt mal nur leibliche Eltern) in der Geschichte von „Lost“ gebracht. Falls es wen interessiert: Lockes Eltern (vor allem Anthony) stehen natürlich unanfechtbar auf Platz 1, Roger Linus ist ein sehr klarer zweiter Platz, dicht gefolgt von Eloise Hawking auf Platz 3 (über Charles kann man wenig positives sagen, aber er liebt seine Kinder, wenn auch auf eine komische Weise) und den fünften Platz konnte der alte Paik sich sichern... wäre mal wieder ein Thema für ’ne neue Umfrage, fällt mir grade auf. Ach, die steht ja mittlerweile schon da... was ein Zufall. Da könnt ihr zwei Dinge dran sehen: ich sitze tatsächlich schon seit Tagen an dieser Review UND ich lese immer noch mal alles Kontrolle und besser so manches ein – so wie jetzt gerade.

Wir kehren nun aber gutgelaunt auf die Insel zurück. Jack bricht zur Beerdigung auf und Krankenschwester Kate (es ist deshalb übrigens auch ein Spin-Off mit dem Titel „Für alle Fälle Katherine“ geplant) bleibt bei Sawyer. Jack mahnt Kate noch: „Don’t forget the button!“ („Vergiss die Taste nicht!“). Als ob man die vergessen könnte, bei dem lautstarken Alarm, den sie jedes Mal schlägt, wenn mal wieder 104 Minuten um sind. Außer natürlich man würde Hals über Kopf aus der Station fliehen... . Faszinierend was dieser Jack so alles erahnen kann, oder? Aber seit wann interessiert er sich überhaupt für diesen ollen Knopf? Er glaubt doch angeblich nicht einmal dran. Zeitschleife ich hör dir trapsen.

Am Strand richtet Ana gerade einen Pfahl hin (frei nach Edmund Stoiber^^), als Eko zu ihr kommt, um mit ihr über das Begräbnis zu sprechen. Ana bleibt – Gott sei’s getrommelt und gepfiffen – weg, obgleich Eko ihr gut zuspricht: „I think most of them realize it was an accident, Ana.“ („Ich glaube die meisten von ihnen haben verstanden, dass es ein Unfall war, Ana.“) Mag sein – die meisten von uns haben aber auch verstanden, dass Ana eine schießwütige Irre ist. So versteht jeder irgendetwas, aber am Ende nicht wirklich viel. So versteh ich zum Beispiel nicht, dass Ana noch lebt, wenn ich daran denke, was mit Leuten passiert, von denen man glaubt, sie hätten einen Inhalator versteckt. Da scheint mir das Rechtssystem der Anderen doch irgendwie konsequenter und gerechter, obgleich der Chef auch bei denen ein Veto einlegen kann. Bei den Losties geschieht das aber eher stillschweigend.

Sayid hat zumindest Shannon verloren – die Insel gibt es, die Insel nimmt es. Jacob scheint ihn zum Einzelkämpfer bestimmt zu haben. Schließlich wissen wir, dass Jacob an Nadias Tod nicht gänzlich unbeteiligt sein wird und Shannon stirbt ebenso durch den Einfluss übernatürlicher Mächte (Flüstern, Walts Erscheinung). Überhaupt ist mir Jacobs Interesse an dem Knaben schleierhaft. Will er Sayid vom Saulus zum Paulus machen – so wie „Samuel“ Ben vom Paulus zum Saulus machte? Okay, würde es Jacob gelingen Sayid zum Pazifisten zu machen, würde ich die Wette mal als gewonnen ansehen. Aber eigentlich ist Sayid doch eher jemand, der in „Samuels“ Denkmuster passt: Gewalt als Mittel der Wahl. John, Jack, Kate, James, Hurley, Sun, Jin, Claire, Ben, Charlie, Boone... leuchten mir alle ein – aber Sayid? Sayid hat auch gute Eigenschaften, das steht völlig außer Frage, aber er ist doch wohl eher kontraproduktiv, wenn man beweisen will, dass der Mensch nicht von Natur aus destruktiv ist. Jack ist ein Arzt und Philanthrop, jemand, der Menschen helfen möchte. Obgleich er manchmal arrogant und fanatisch ist, ist er im Grunde ein guter Mensch. Kate mag eine Mörderin sein, doch wie wir in dieser Folge sehen und hören, hatte sie einen verdammt guten Grund. Selbst Edward Mars gesteht ein: „If that don't make a person want to kill somebody I don't know what does.“ („Wenn das einen Menschen nicht dazu bringt, einen anderen umbringen zu wollen, dann weiß ich nicht was dann.“) John und Ben sind gebrochene Menschen, die bei der Insel und Jacob Halt suchen und im Kampf für die Insel erst zu Mördern werden. James mag von seiner Rache getrieben sein, aber er wurde so gemacht – in Wahrheit ist er ein guter Mensch, dem schlimmes widerfahren ist. Charlie ist nur in Extremsituationen gewalttätig. Eigentlich ist er überaus heroisch, integer, selbstlos und aufrichtig. Über Hurley, Claire, Boone, Rose, Bernard und Co muss man gar kein Wort verlieren, dass Jacobs Interesse erklären würde. Aber irgendetwas wird es an Sayid schon geben, oder? Oder hat Jacob Nadias Tod nur herbeigeführt (oder zumindest zugelassen/ billigend in Kauf genommen), weil er wusste, dass Ben ihn braucht, um Jacobs Feinde auszuschalten, „Samuel“ zu schwächen?

Zumindest landet Shannon jetzt unter der Erde und auch wir gehen wieder unter die Erde, wo Kate nun erst mal etwas Musik (Patsy Kline – was sonst?) auflegt und dann Sawyer mit matschigem Obstsalat füttert. Okay, sie füttert ihn nicht wirklich, denn er liegt ja im Delirium, aber sie panscht halt mit den Mangos rum und brabbelt vor sich hin, erzählt ihm einen vom Pferd im Dschungel und meint dann, dass so was wohl passiere, wenn man nicht schläft. Da Sawyer aber nun mal nicht nicht schläft, sondern rammdösig in der Ecke liegt und vor sich hin murmelt, bekommt er von Kates Gefasel wohl nicht allzu viel mit. Der Glückliche! Bei dem, was dann kommt, musste ich lachen, obwohl es eigentlich nicht zum Lachen ist. Aber irgendwie hat mich Sawyer in dieser Szene sehr an den dieses zwischen den Zähnen hervorgepresste Brummen von Batman in den Christopher-Nolan-Batman-Filmen erinnert. Da versteht man auch kein Wort, aber es klingt schön bedrohlich und keiner käme darauf, dass Bruce Wayne Batman ist. Bruce Wayne ist Batman? Ja, ich weiß, keine alten Wunden aufreißen – da regt Homer Simpson sich nur wieder auf. Zumindest brummt Sawyer: „Why did you kill me?“ („Warum hast du mich getötet?“) Eine berechtigte Frage! Jedenfalls war sie es, als Locke, der nicht Locke war, Ben das fragte. Aber hier? Jetzt gibt’s zwei Möglichkeiten: Entweder James ist tatsächlich vom Geist von Wayne (nicht Bruce Wayne – der andere Wayne) besessen oder er redet im Fieber wirres Zeug. Mal kurz überlegen: Was ist wahrscheinlicher? Auf dieser Insel: Besessenheit. Ach, überhaupt! Leute, die im Fieberwahn fantasieren und komisches Zeug brabbeln – was ein Stuss! Auf dieser Insel ist es nie ein Pferd, sondern stets ein Zebra, wenn man Hufgetrappel hört... okay, schlechtes Beispiel^^.

Jack und John erreichen die Station, als Patsy Kline schon durch das lautstarke Dröhnen des Alarms übertönt wird. Übrigens faszinierend, dass Jack und John erst, als sie in der Station drin sind, ganz überrascht feststellen: „It's the alarm.“ („Es ist der Alarm.“) Das hört man ja im Schacht noch nicht ;-) ! Der Countdownzähler steht also bei 23 Sekunden und während Jack noch „Kate! Kate!“ („Kate! Kate!“ – es soll nie wieder ein Name in einer deutschen Übersetzung fehlen.) brüllt, erreicht John den Dom. John gibt also ein „4 8 15 16 22“ stellt fest, dass er sich vertippt hat und korrigiert in „23 42“. Ist das erwähnenswert? Ja, ist es. Was sind Zahlen? Zahlen sind logisch, unveränderbar, universell – die einzig absolute Wahrheit, denn eine 23 ist immer eine 23. Man mag sie anders nennen, anders schreiben, doch man kann ihren Wert nicht ändern. Es ist das zweite Mal, dass John beinahe eine dieser Zahlen falsch eingegeben hätte. Wenn Zahlen aber für etwas ganz und gar unveränderliches stehen, gewinnt dieser Tippfehler plötzlich Bedeutung. Überhaupt sollte man sich vielleicht gar nicht so sehr Gedanken über die einzelnen Zahlen machen, sondern mehr überlegen, worin die symbolische Bedeutung von Zahlen im Allgemeinen liegt. Dann kommt man zu dem Schluss: Zahlen und Mathematik sind die perfekte Ordnung, absolut logisch und rational, immer objektiv – ausgerechnet etwas, das so klar der Verstand-Fraktion zuzuordnen ist, prüft hier den Glauben der Losties. Und mehr noch: Betrachten wir mal wieder unsere beiden Spezialisten, dann würden die Zahlen doch eindeutig zu „Samuel“ gehören – geordnet, frei von Emotionen, logisch, perfekt, vollendet. Ich tendiere überhaupt immer mehr dazu, nicht „Samuel“ als die chaotische Kraft zu sehen, denn eigentlich ist der Tod, doch sehr viel ordentlicher als das Leben. Fortschritt ist chaotisch, wohingegen Ordnung zumeist auch Stillstand bedeutet. Jacob ist der Rebell, der chaotische Geist, der alles über den Haufen werfen will und nicht bereit ist zig Gegenbeweise zu akzeptieren. In der Mathematik reicht ein Gegenbeispiel, um klar zu machen, dass eine Rechenoperation nicht allgemeingültig ist. Doch zu beweisen, dass eine bestimmte Formel immer und überall anwendbar ist, ist sehr viel schwieriger. Aber das gilt nur in der Mathematik. Lösen wir uns von den nackten Zahlen, kann man nur Regelfälle oder Durchschnittswerte ermitteln, denn Ausnahmen von der Regel wird es immer geben. In Naturwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften und Religion gibt es keine Sicherheiten, nur Vermutungen, Theorien und Wahrscheinlichkeiten. Die Mathematik wird oft als Naturwissenschaft eingestuft, dabei ist sie doch viel eher eine Geisteswissenschaft, der Gegenpol zu Philosophie und Religion, die nie zu einem Ergebnis kommen können. Douglas Adams brachte es fertig Religion mit Logik und Philosophie mit Mathematik zu kombinieren und hat so die Unwegbarkeit dieses Unterfangens ziemlich offenkundig belegt.

In aller letzter Sekunde gibt John den Code ein und der Zähler springt von Null auf 108 zurück. John geht zu Jack, der Sawyer ins Bett zurückhievt. John ist einigermaßen irritiert und fragt Jack: „Where’s Kate?“ Nein, John, nicht du auch noch! Das ist Jacks Text und das reicht auch. Jetzt fängt der Glatzkopf auch noch damit an... ich krieg zuviel.

Okay, wo war ich? Ach, ja: Wo ist eigentlich Kate? Die ist im Dschungel und hat prompt Berufsklette Charlie am Rockzipfel hängen. Charlie macht Smalltalk und erklärt: „A few of them came.“ („Einige von ihnen kamen“) Da er wohl merkt, dass „them“ („sie“) nicht gerade präzise ist, ergänzt er „the new people“ („die neuen Leute“). Auch wenn ich jetzt nicht weiß, warum drei von vier Leuten „a few“ sind, finde ich es viel interessanter, dass Charlie uns hier unbewusst auf ein sprachliches Problem hinweist: Wer sind eigentlich „sie“? Wenn man von einer Gruppe von Menschen als „sie“/„ihnen“ spricht, heißt das zunächst einmal „nicht wir“/„keine von uns“. Die Tailies sprechen sowohl von den Losties als auch von den Anderen (ebenso ein problematisches Wort) als „Sie“. Charlie bezeichnet hier wiederum die Tailies selbst so. Es kommt aber auf den Blickwinkel an, denn je nach dem, zu welcher Gruppe man selbst gehört, sind immer die jeweils anderen „sie“, „die Anderen“ oder gar „die Feinde“. Als John Charles fragt, ob er mit „I was their leader“ („Ich war ihr Anführer“) die Anderen meint, erwidert Charles: „They're not ‘the Others’ to me. They're my people“ („Für mich sind sie nicht ‚die Anderen’. Es sind meine Leute.“) Damit trifft er den Nagel auf den Kopf. Genauso gut könnten doch Bens Leute auch von den Losties als „den Anderen“ sprechen, oder etwa nicht? Streng genommen hätten Jacobs Anhänger sogar viel eher einen Grund von anderen Menschen auf der Insel als „Andere“ oder „Feinde“ zu sprechen, schließlich waren sie zuerst da.

Nachdem Kate Charlie gefragt hat, ob er denn vielleicht Pferde auf der Insel gesehen hätte, geht es mal wieder in der Zeit zurück. Kate ist am Busbahnhof und will nach Tallahassee. Ob sie wohl den Mann von da besuchen will? Zum ersten Mal treffen Kate und Edward Mars nun aufeinander. Er rät ihr noch, nicht wegzulaufen, aber da Kate aus Prinzip stets wegläuft, ist das ein ziemlich dämlicher Rat – etwa so als würde man einem, der von ’ner Klippe springt, raten, mit dem Fallen aufzuhören.

Jack trifft Charlie am Strand und fragt: „Have you seen Kate?“ („Hast du Kate gesehen?“) Na, immerhin variiert er jetzt mal. Charlie erzählt Jack von seiner letzten Begegnung mit Kate im Dschungel und Jack verschwindet ebenfalls im Dschungel. Schon wieder wechselt die Szene: Back to the Swan. Dort wird Jin gerade von seiner Handschelle befreit, während Michael die Feuerschutztüren entdeckt und unter die Lupe nimmt. Er spricht John darauf an, doch der hatte sie bislang wohl nicht einmal bemerkt. Allerdings sollte er in der Nähe dieser Dinger mal lieber auf sein Bein aufpassen, wenn ihr mich fragt... aber das tut ja keiner. Aber jetzt holen wir erst mal das Dharma-Popkorn raus und gucken einen Film.

Jack hat Kate derweil endlich gefunden. Es kommt zu einem kleinen Streit und Kate sagt Jack etwas, was ihm schon lange mal jemand hätte sagen sollen (in der Szene wird sie einem mal so richtig sympathisch): „Yeah, I'm sorry. I'm sorry that I am not as perfect as you! I'm sorry that I'm not as good!“ („Jep, es tut mir leid. Es tut mir leid, dass ich nicht so vollkommen bin wie du! Es tut mit leid, dass ich nicht so gut bin!“) Boah, das war ja mal so was von überfällig! Jetzt macht Jack aber gleich den nächsten Fehler und hält Kate gewaltsam fest und das kann Kate ja so gar nicht ab. Was tut sie? Sie geht in die Offensive, sie sorgt dafür, dass er sich wünscht nie geboren worden zu sein, sie...sei...sie...küsst ihn? Okay, die Frau ist irre. Gut zu wissen.

Locke, Eko und Michael gucken derweil einen Film. Als ich die drei da so sitzen sah, war ich ja echt froh, dass wir in keiner Sitcom sind, sonst hätten wir bestimmt mal wieder das Schwarze-im-Kino-Klischee über uns ergehen lassen müssen: „Mach nicht die Luke auf! Eye, geh da bloß nicht rein! Da ist ein Magnetfeld drin!“ Aber wenn sich die drei dann so über den Film unterhalten, fragt man sich doch, ob die wirklich noch über den Film reden. So fragt Michael etwa: „What about all the missing pieces?“ („Was ist mit den ganzen fehlenden Teilen?“) Woraufhin Locke meint, das wäre wohl nichts von Bedeutung. Meine Erfahrung mit fehlenden Teilen bei „Lost“ ist eine andere. So fehlten uns über Jahre folgende Teile: Jack bei seiner ersten eigenen OP, bei der einen Fehler macht und bis fünf zählt, um die Angst zu besiegen; die Hochzeit von Sun und Jin; die Ankunft der Black Rock; der Tod von Nadia; die Beerdigung von Sawyers Eltern und wie Locke den Sturz aus dem achten Stock überleben konnte.

Kate hat ihre Odyssey derweil zu Shannons Grab geführt. Hier laufen zwei Ebenen parallel ab, die ich beide getrennt untersuchen will. Beginnen wir mit dem, was getan wird: Sayid hängt eine Art Rosenkranz an das Kreuz über Shannons Grab. Hier zeigt sich eine der wenigen Eigenschaften, die mir an Sayid überaus sympathisch sind. Er selbst ist Moslem, praktiziert aber christliche Rieten, da er Shannons Religionszugehörigkeit ebenso achtet wie seinen eigenen Glauben. Überhaupt mahnt er sehr oft zu religiöser Toleranz, was ja im krassen Widerspruch zu dem Bild steht, das uns sonst in den Medien von Menschen aus dem arabischen Raum präsentiert wird (hier also auch ein dickes Lob an die Autoren). Gerade die richtige Form der Bestattung scheint für Sayid eine besondere Rolle zu spielen. Er protestiert so etwa, als Jack das Wrack und die Leichen verbrennen will. Außerdem hätte er nie an Bord von Flug 815 gesessen, wenn er sich nicht um Essams Bestattung hätte kümmern wollen. Letztlich unterstreichen diese und ähnliche Umstände Sayids symbolische Verbindung mit dem Tod.

Die Ebene dessen, was gesagt wird, beschäftigt sich vor allem damit, dass alle Charaktere sich mehr und mehr damit konfrontiert sehen, dass die Insel mehr ist als nur eine Insel. John war das von Anfang an klar und er stellte Jack gegenüber schon früh fest, dass die anderen es nur verleugnen würden, weil es sie ängstige, obwohl ihnen durchaus bewusst wäre, dass dieser Ort anders ist. Jeder der Losties wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Die Insel blickt in ihr Innerstes und zwingt sie dazu, sich ihren Dämonen zu stellen. Oft nehmen Entitäten der Insel sogar die Gestalt von Personen oder Wesen aus ihrer Vergangenheit an, um die Menschen auf der Insel zu konfrontieren. Doch gibt es dabei dann doch gewisse Unterschiede in Form und Intensität dieser Konfrontationen und Offenbarungen. Doch sollten wir zunächst einmal sehen, wie es mit Kate und ihrem Pferd endet, ehe wir einen Vergleich anstreben und Parallelen und Unterschiede bei den einzelnen Erscheinungen herausarbeiten. Doch bereits hier erwähnt Sayid eine jener Parallelen zwischen zwei Erscheinungen, wenn er Kates vermeintliche Einbildung eines Pferdes mit Walts Erscheinen im Dschungel vergleicht. Komisch auch, dass er diese Begebenheit wohl zum letzten Mal erwähnt hat, obgleich sie überaus bedeutend ist, bedenkt man, dass Walt tatsächlich entführt wurde und Michael noch in dieser Folge einen folgenschweren Fehler begehen wird. Apropos folgenschwere Fehler: zurück zu Kate und dem US-Marshal... .

Ich habe offengestanden keine Lust den Subtext des Dialoges zwischen Kate und Mars zu analysieren, weil er einfach so offensichtlich ist, dass man ihn schon gar nicht mehr als Subtext bezeichnen kann. Und ich denke auch es würde euch wohl ebenfalls eher langweilen. Einzig die Frage, wann ein Mord nachvollziehbar, vertretbar sein könnte, bleibt im Raum stehen und letztlich ist auch die Antwort auf diese Frage rasch gefunden: Nur wenn man so noch größeres Leid für sich oder andere abwenden kann. Obgleich ich persönlich es mit Gandhi halte: Es gibt Dinge für die ich bereit bin zu sterben, aber nichts, wofür ich bereit wäre zu töten.

Interessant finde ich aber die Parallelen zwischen dem Autounfall und dem Absturz von Oceanic 815: ein unerwartetes Ereignis, während Mars und Kate sich unterhalten, Mars wird ausgeknockt und Kate klaut ihm die Schlüssel, um sich der Handschellen zu entledigen (John macht so etwas mit einem Werkzeugkasten und Michael mit ’ner Axt). Am Ende ist Kate beide Male nach der Verhaftung wieder in Freiheit. Das Pferd hat Kate gerettet und es bleibt die Frage zurück: Welches Pferd ist auch wirklich ein Pferd, welches eine Erscheinung, eine Reinkarnation? Wann war es Schicksal und wann Zufall? Kann es hier und auf der Insel nicht der gleiche Grund gewesen sein? Hat die Insel Kate das Pferd geschickt, weil es bereits eines in ihrer Vergangenheit gab. War eines der Pferde Wayne? „Samuel“? Cerberus? Oder gar Jacob Höchstselbst? Oder waren die Pferde schlichtweg nur Pferde.

Im Schwan wird’s langsam richtig interessant. Denn dort schleppt Eko gerade eine Bibel an. Juhu! Bibelstunde! U-S-A! U-S-A! Okay, für uns wohl eher: B-R-D! B-R-D! Im Moment fragt Michael Locke aber noch, warum er den Code nicht jetzt (23 Minuten vor dem nächsten Alarm) eingeben würde, woraufhin Locke erklärt, die Tastatur würde erst vier Minuten vor Ablauf der Zeit freigegeben. Er demonstriert es auch, indem ein paar Tasten drückt – nichts passiert.

Okay... jetzt frag ich mich gerade, welche Freudsche Fehlleistung mich dazu gebracht hat „Eko gibt Walt den Film“ zu notieren? Ob das ein Zeichen einer höheren Macht ist? Oder werd’ ich nur langsam verrückt? Oh, mein Gott! Jetzt red’ ich schon wie Kate! Also schnell zurück zu Eko, der aufm Gang steht und von Walt...ähm Locke... Locke! Locke! Locke! Also Eko wird von Locke gegrüßt mit: „Hello again!“ du, isch möchte disch heut noch seh’n. Isch will dir gegenübersteh’n, viel zu lang war die Zeit...ja...ähm...ich schweife mal wieder ab – in voller Länge, gibt’s das hier. Wie Eko möchte ich am Anfang beginnen und erst mal fragen: „Where’s Kate?“ Nein, das war es nicht, sondern: Wer ist überhaupt dieser Joschija oder Josiah (im englischen Sprachraum geläufiger), von dem Eko John hier erzählt? Joschija war der Sohn Amons und wurde nach dem Tod seines Vaters im Alter von acht Jahren zum König von Juda (übrigens nicht zu verwechseln mit Judäa). Amon? Amon? Da war doch was! Ja, Amon ist der Name einer überaus bedeutenden und mächtigen altägyptischen Gottheit: dem Herrn der Winde und des Himmels. In der Tat sind die Ägypter in Bezug auf Joschija nicht unwichtig, doch bleiben wir noch mal bei seinem alten Herrn. Amons Regentschaft dauerte gerade mal zwei Jahre. Dann wurde er ermordet. Der Grund dafür dürfte wohl gewesen sein, dass er sich von JHWH (יהוה‎; auch: Jahwe, ist der hebräische Name Gottes und wird „Jachweh“ ausgesprochen – gelegentlich findet man auch YHWH; Lateinisch: Iehovah bzw. im Deutschen für gewöhnlich Jehova) abwandte und jenem Götzendienst, den sein Großvater noch versucht hatte abzuwehren, zuwandte. Obgleich Amons Mörder der Lynchjustiz des erbosten Volkes zum Opfer fielen, gilt sein Tod als gottgewollte Strafe für die Blasphemie. Danach kam also sein noch unmündiger Sohn Joschija auf den Thron. Die Geschichte, die Eko erzählt und die ich gleich noch auf Parallelen zu „Lost“ untersuchen möchte, soll sich relativ früh, im 18. Jahr von Joschijas Herrschaft, zugetragen haben. Aber kommen wir zuvor zu den Ägyptern, mit denen er sich zunächst noch gegen Babylon verbündet hatte und von deren Pharao Necho II. Joschija 609 v. Chr. in der Schlacht bei Megiddo getötet wurde. Joschija verfolgte eine Politik der Einigung Israels und war bemüht auch zugewanderte Stämme zu integrieren. Außerdem begann unter ihm wohl die genau Dokumentation, Sammlung und Redaktion biblischer Schriften. Auch dem letzten dürfte mittlerweile wohl aufgefallen sein, dass es sowohl zu Ben als auch zu Jacob einige Parallelen gibt. Nehmen wir mal an, dass Charles nicht nur verbannt wurde, weil er die Regeln der Insel brach, sondern auch weil er sich von Jacob abwandte und mit „Samuel“ verbündete, so würde Ben wie Joschija einem Ketzer auf den Thron folgen. Bedenkt man wie Charles gestrickt ist, passt er nicht wirklich in das von Jacob gesuchte Muster – in das seines Rivalen schon. Charles Bestreben die Insel um jeden Preis zu schützen, selbst wenn er jeden Menschen darauf töten müsste, teilt er mit „Samuel“. Da „Samuel“ die Menschen als unwürdig ansieht, wäre es nicht verwunderlich, wenn er sich einige von ihnen zu Nutze macht – sei es nun, um seine Befehle auszuführen oder auch um Jacob einen Gegenbeweis zu liefern. Ben aber ist Jacob und vor allem der Insel treu ergeben und versucht gute Menschen, die auf die Insel kommen, in die Gesellschaft seiner Leute einzugliedern, anstatt sie wie Charles töten zu lassen.

Nach Jacobs Tod wird der Glaube in ihn erschüttert sein und es dürfte schwer werden, seine Prinzipien aufrecht zu erhalten. Wie also den Tempel wieder aufbauen, wenn nicht mit einem „ancient book“, mit den Glaubenslehren Jacobs – vielleicht festgehalten auf dem Wandteppich? Könnte dieser Tempel, den es zu errichten gilt [Achtung winziger Staffel-6-Spoiler] womöglich das „Lighthouse“ sein [Spoiler-Ende]. Aufgehorcht habe ich allerdings, als Eko das Buch als „Book of Law“ bezeichnete, denn genau das stand auf dem Cover jenes antiken Buches, das Richard John zeigte, als er ihn im Alter von sechs Jahren besuchte. Hätte John dieses Buch auswählen müssen, da es seine Aufgabe ist, den Tempel Jacobs wieder zu errichten? Wenn John es nicht tut, fällt diese Aufgabe dann Ben zu? Der Rest ist wohl Geschichte.

Als Hurley in der nächsten Szene Jack gegenüber meint: „So, Rose's husband's white. Didn't see that one coming.“ („Also, Rose’ Mann ist weiß. Das hat man nicht kommen sehen“), werde ich das Gefühl nicht los, dass die Autoren hier dem Zuschauer durch Hurley eine Stimme geben und ihm gleichzeitig den Spiegel vorhalten, weil es eigentlich ziemlich rassistisch ist, davon auszugehen, dass eine Schwarze auch einen schwarzen Mann hätte. Gleichzeitig ist es ein Seitenhieb auf andere Fernsehserien, wo diesem Klischee für gewöhnlich entsprochen wird. Besonders geil finde ich es aber, dass Jack nicht mit nur einem Wort darauf eingeht – sehr souverän gelöst, liebes Autorenteam. Aber Hurley merkt auch an, dass Jack sich in seinem Verhalten Sawyer annähere. Das finde ich insofern ganz reizvoll, da wir gerade in den letzten beiden Staffeln viele Entwicklungen erlebt haben, in Folge dessen Charaktere den Platz eines anderen einnahmen – Jack wurde allerdings mehr wie Locke und James wie Jack... tja, und John wurde wie Ben.

Nachdem Kate Sun wieder als Krankenschwester abgelöst hat, folgt das nächste Flashback. Kate sucht ihren Vater auf. Letztlich hat diese Szene wohl nur den Zweck zu offenbaren, dass Wayne Janssen und nicht Sam Austen Kates leiblicher Vater ist und Sam als Charakter für die später aufgezeigte Verbindung zu Sayid zu etablieren. Obgleich mir Sam sehr viel sympathischer ist als jeder von Kates leiblichen Eltern, finde ich es schon etwas zynisch, wenn ein Berufssoldat seiner Tochter auf die Frage, warum er Wayne nicht getötet hätte, erwidert: „Because I don't have murder in my heart.“ („Weil ich nicht zu einem Mord fähig bin.“) Der Mann ist einfach feige: es selbst tun, konnte er nicht und seiner Tochter die Wahrheit sagen auch nicht. Wenn er wusste, was Kate tun würde, sobald sie die Wahrheit erfährt, hätte er es tun müssen, ehe sie es tut, um sie vor Schaden zu bewahren. Wieder bleibt also eine Frage im Raum stehen, die sich wie ein roter Faden durch diese Folge zieht: Why?/Warum?

Ein „Warum?“ löst Kate nun an Sawyers Krankenbett auf und es ist schon bemerkenswert, dass sie eine so grausige Tat beging, aus dem Glauben, der Angst heraus, sie könne aufgrund ihrer Abstammung nie gut sein. Als würde der Umstand, dass dieser saufende, frauenprügelnde Bastard ihr leiblicher Vater ist, sie zu einem anderen Menschen machen, weil so die Saat des Bösen in ihr ruht. Wie John oder Ben musste sie sich ihres diabolischen Vaters entledigen, sich von ihm befreien, um gut sein zu können. Schaffte Waynes Tod am Ende tatsächlich die Vorraussetzung, dass Kate im Spiel blieb, Jacob bereit war sich ihrer anzunehmen?

Dann erwacht Sawyer und will Kate nicht abkaufen, dass sie nicht gerettet wurden. Während John und Eko im Nebenraum den Film zusammenkleistern und mal wieder über Schicksal und Zufall philosophieren, bringt Kate James, der denkt, Kate wolle ihn au den Arm nehmen, was sie streng genommen ja auch tut^^, nach draußen. Als Sawyer im Freien ist sagt er nur vier Worte: „Son of a bitch!“ An Jacobs Stelle würde ich das jetzt persönlich nehmen.

Doch das, was nun passiert, untermauert die Parallelen zwischen Kates Pferd und Walts Erscheinung im Dschungel. Beide werden zunächst nur von einer Person gesehen: Shannon bzw. Kate. Beide begeben sich daraufhin auf eine merkwürdige Odyssey und am Ende sind sie mit dem Mann ihres Herzens allein, wenn die Erscheinung sich ein weiteres mal zeigt. Sowohl Walt als auch das Pferd werden auch von James bzw. Sayid gesehen, womit zumindest eines klar ist: weder Walt noch Fury sind eine Einbildung. Sie sind real. Nun ist es also an der Zeit, mal zu gucken, wie die Insel sich wem gegenüber wie offenbart:

Beginnen wir auch hier am Anfang und somit mit Benjamin Linus. Es ist nichts Neues, dass Ben besonders ist und die Mächte der Insel seit seiner Ankunft, um seine Seele kämpfen. In der nacht am Sonarzaun wird dies sehr deutlich. Ben sieht die Erscheinung seiner Mutter, die ihn zum Zaun führt. Ich halte es für extrem unwahrscheinlich, dass es sich hierbei um „Samuel“ handelt, denn der ist nach allem, was wir wissen, nur in der Lage die Gestalt von Leichen auf der Insel anzunehmen und Emily Linus dürfte bei Portland begraben liegen. Ferner scheint es auch für Richard später von Bedeutung zu sein, dass Bens Mutter nicht auf der Insel starb. Ich glaube aber, dass man „Samuel“ durchaus hören kann, denn am Sonarzaun sagt eine tiefe, dämonische Männerstimme: „Look at me“ („Sieh mich an“) Woraufhin Emily ihren Sohn beschwört, sie anzusehen. Die Stimme sagt daraufhin: „Ben, you are my prisoner and you are mine.“ („Ben, du bis mein Gefangener und du bist Mein.“) Kurz darauf hört man ein grollendes, sinisteres Lachen. Mir kommt es ganz so vor als hätten sich die hellen und dunklen Mächte der Insel von Anfang an um Ben gekloppt.

John wird ähnlich offensiv mit den Mächten der Insel konfrontiert und auch er wird höchstwahrscheinlich von beiden Seiten umworben. Das könnte sowohl bedeuten, dass John und Ben Wackelkandidaten sind, als auch, dass sie so besonders sind, dass beide Seiten sie für sich vereinnahmen wollen. Fakt ist: Sowohl Jacob als auch „Samuel“ sind bei der Verwirklichung ihrer Pläne auf Ben und John weit mehr angewiesen, als auf alle anderen Menschen. Für „Samuel“ bilden diese beiden sein Loophole und dienen somit wohl auch Jacob für seine Falle.

Jack und Eko sehen auf der Insel verstorbene Menschen aus ihrer Vergangenheit, deren Leichen auf der Insel sind. Ich will jetzt nicht wieder Vermutungen darüber anstellen, ob Sammy da jetzt als Christian oder Yemi rumläuft. Mir geht einzig und allein darum, dass Eko und jack eigentlich sehr gegensätzlich sind und Eko durch Yemis Erscheinung nicht überzeugt werden musste, Jack durch Christian hingegen schon. Jack erkennt durch sein weißes Kaninchen die übernatürlichen Mächte der Insel und wie Kate will er das, was er sieht, nicht wahrhaben, glaubt verrückt zu werden. Allerdings ist Kates Pferd nichts, was zwangsläufig übernatürlich sein müsste, so wie das Flüstern oder lebende Tote. Deshalb zweifelt sie, während Shannon und Sawyer zum Beispiel mit gar nicht mal völlig unmöglichen, wenn auch unerklärlichen Dingen konfrontiert werden und dennoch nicht einen Moment glauben, verrückt zu sein.

Man kann hier wohl nur eines, als unumstößliche Tatsache festhalten: Wenn die Zeit dafür gekommen is, wird sich die Insel einem jedem auf eine andere Weise offenbaren. Apropos Offenbarungen: Wie geht’s eigentlich so mit dem Film voran?

Locke und Eko hören gerade wie Marvin Candle alias Pierre Chang davor warnt mit dem Computer etwas anderes zu machen, als die Zahlen einzugeben, da erscheint auf dem Computer „Hello?“ Obwohl die Tastatur eigentlich noch gesperrt sein müsste, kann Michael antworten und tappt so höchstwahrscheinlich in die Falle. Denn er ist es, der zuerst seine Identität preisgibt. Vermutlich saß Ben am anderen Ende und wusste nur zu gut, welche Tasten er bei Michael drücken musste, um ihn zu sich zu locken und ihn später mit einem geeigneten Druckmittel dazu zu bringen, auch Jack, Kate und James in jene Falle zu locken, die Ben sein Überleben sichern sollte.

Damit schließe ich auch nun für heute. Morgen kümmer’ ich mich um die Gastbeiträge und hoffentlich komme ich mit „Feuer + Wasser“ mal etwas flotter voran.

Montag, 16. November 2009

Alle lieben Hugo!

Everybody hates Hugo:

Da bin ich nun wieder mit der nächsten Review. Diesmal zu: „Alle hassen Hugo“. Besonders viel von großer Bedeutung konnte ich in dieser jedoch Folge nicht finden. Dafür gibt es aber bestimmte gesellschaftskritische Elemente, die sich durch die Episode ziehen und die ich versuchen möchte, zu benennen und zu analysieren.

Beginnen wir aber ausnahmsweise mal gleich mit dem wohl interessantesten Part: Jack und Sayid untersuchen den Schwan und stoßen dabei auf eine Betonversiegelung nach der nächsten. Hinter dem Beton erzeugt irgendetwas ein uns wohlbekanntes Brummen und ein starkes Magnetfeld. Rohre mit heißem Wasser führen von dem versiegelten Bereich weg. Sayid vergleicht die Vorsichtsmaßnahmen, die hier getroffen wurden, mit Chernobyl/Tschernobyl/Tschornobyl – sucht euch eine Schreibweise aus, theoretisch hätte ich auch noch die zwei anzubieten: Чорнобиль und Чернобыль. Und jetzt sein wir doch mal ehrlich: das passt einfach zu gut zu der Jughead-Aktion, um einen Reset ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Denn das Magnetfeld war immer da, das muss man nicht einbetonieren und man muss die Energie auch nicht schubweise freisetzen. Wäre es nur das Magnetfeld, hätte man den Schacht wieder zugeschüttet als es problematisch wurde und fertig. Auch die Rohre, die da unten verlegt wurden, erinnern doch irgendwie an die Kühlwasserleitungen eines AKWs.

Hurley erhält von Jack den Auftrag, die Vorräte zu sichten und Inventur zu machen. In einem Traum schlägt er sich aber erst einmal den Bauch voll. Wobei mir in der Szene der Gedanke durch den Kopf schoss: hat er sich nicht vor kurzem noch über Durchfall beklagt? Wenn man wochenlang nur von Fisch, Gemüse und Früchten gelebt hat und sich dann mit Eis, Schokoriegeln, Chips, Müsli und einem kalten Fertiggericht voll stopft, würde selbst der stärkste Verdauungsapparat ganz schön rebellieren. Etwas derart unvernünftiges unterstreicht wohl nur wieder Hurleys zwanghaftes Ernährungsverhalten. Mitten in die Fressorgie platzen dann Jin und ein Typ im Hühnerkostüm. Wer ist dieser Pakistani im Hühnerkostüm? Okay, er hat ihm den Lottoschein verkauft, doch dafür wird er kaum im Traum wohl nicht stehen. Ist er die Personifizierung von Hurleys Fresssucht? Oder viel eher eine Manifestation dessen, was Hurley nun fürchtet? Er vereint in sich Wohlstand (durch den Bezug zum Lottoschein) und Essen (durch das Mr.Cluck-Kostüm). Jin spricht hier ausnahmsweise mal Englisch, obgleich ja angeblich Hurley Koreanisch spricht. Jin mahnt Hurley, es werde sich alles verändern. Warum erscheint ausgerechnet Jin? Vermutlich weil er mit Hurley einmal fischen war und deshalb das Leben auf der Insel frei von allem Luxus und Wohlstand symbolisiert. Dieses spartanische, aber friedliche Zusammenleben, wird durch die nun begrenzt vorhandenen Luxusgüter gefährdet. Hurley erkennt das relativ rasch.

Wo aber genau liegt das Problem? Ganz einfach: Der Mensch kann eher damit leben nichts zu haben, wenn alle nichts haben, als damit zu leben etwas zu haben, wenn andere mehr haben. Der Mensch ist durch Konkurrenzdenken bestimmt. Auf der Insel besteht sowohl bei den Anderen als auch bei den Losties untereinander ein eher marxistisches Gesellschaftssystem. Die Anführer nehmen lediglich die Funktion von Administratoren (lat. “Verwalter“) und Moderatoren (lat. moderare = „mäßigen“, „steuern“, „lenken“) ein, haben aber keine darüber hinausgehenden Privilegien. Alle erhalten die selbe Versorgung und jeder hat seine Rolle innerhalb der Gruppe.

Jack versucht dies durch das Verteilen von Jobs auch noch weiterhin aufrecht zu erhalten, doch in dem Moment wo eine Fülle von – nichtsdestotrotz begrenzten – Gütern in die Gesellschaft kommt, entstehen Konkurrenzkampf und Neid. Aus gutem Grund mahnt Hurley Jack, keine Ausnahmen zu machen. Als Kate sich dann Shampoo holt, meint Rose zwar es sei „nur eine Flasche“ („just one bottle“), doch wie Hurley richtig anmerkt: Damit fängt es an. Denn in diesem Moment wird Kate bevorzugt und jeder, der jetzt zu Hurley käme, könnte sagen: „Wenn Kate Shampoo bekommt, dann verlange ich jetzt Schokoriegel!“ und dann kommt der nächste: „Shampoo ging ja noch an, aber wenn jetzt schon Schokoriegel verteilt werden, will ich auch Chips!“ bis irgendwann alle was haben und Kate kommt und meint, dass ihr Shampoo ja wohl weit weniger wert wäre als die Schokoriegel und damit geht das Spielchen von vorne los. Man kann es unmöglich allen Recht machen, alle gerecht behandeln. Das ist wohl auch der Grund, warum die Anderen so eine einfache Lebensweise vortäuschen und einige Auserwählte entführen: Sie könnten die Losties unmöglich alle mitversorgen, würden die aber erfahren, wie gut es den Anderen geht, würden sie neidisch werden und eine gewalttätige Eskalation wäre unvermeidbar. Also halten sie die Losties durch Einschüchterung und Betrug auf Abstand.

Charlie ist in dieser Folge fast so etwas wie die Personifizierung dieses Konkurrenzgedanken. So nimmt er etwa an, Hurley würde bezüglich der 156 Millionen Dollar lügen, und selbst bei der Lüge glaubt Charlie, ihn überbieten zu müssen (damit lügt er selbst übrigens auch vor dem Baby ;-) ) und behauptet 900 Trillionen US-Dollar zu besitzen (um Klugscheißerkommentaren vorzubeugen: Charlie kommt aus England und da entspricht die englische Vokabel „a trillion“ auch der deutschen „Trillion“, in den USA hingegen wäre „a trillion“ = „eine Billion“ im Deutschen; doch denke ich nicht, dass Charlie diese Barriere in der Zählweise bedacht hat und durchaus 900 Trillionen und nicht 900 Billionen meinte, wobei die Autoren selbst wohl wiederum 900 Billionen meinten – was für ein wirres Gerede). Als Charlie später mit Locke redet, sagt er nicht einfach: „Ich habe genauso ein Recht das zu erfahren, wie jeder auf dieser Insel!“. Nein, Charlie begründet es damit, dass er ja bei der A-Team-Mission dabei gewesen wäre, wenn er nicht so damit beschäftigt gewesen wäre, Rübenkopf zu retten. Gleichzeitig wirft er Hurley vor, er sei jetzt einer aus der Chefetage geworden: „You've become one of them!“ („Du bist einer von Ihnen geworden!“). Daran ist natürlich auch die Wortwahl interessant. „Einer von Ihnen“ und somit nicht länger „einer von Uns“ und gleichzeitig natürlich auch eine Analogie zu den Anderen, da Mitglieder der Anderen oft als welche „von Ihnen“ bezeichnet werden, obgleich „die Anderen“ selbst schon den Ausschluss impliziert. Anders als wer? In welcher Relation? Relation ist überhaupt das Zauberwort dieser Folge. Alles, was wir betrachten, ist vom Blickwinkel abhängig und davon womit ich etwas vergleiche.

Doch neben dem Überfluss werden auch andere gesellschaftliche Elemente, die viel mit Wahrnehmung zu tun haben, zu Leitmotiven dieser Folge. So findet Kate es etwa positiv „wieder“ einen Job zu haben, wobei ich mich frage: Seit wann ist vor der Polizei flüchten (außerhalb von Italien) ein Job? John zeigt gegenüber Hurley in Bezug auf die Jobs mal wieder, dass er auch super zum Insel-Diktator taugt, da er Hurley verweigert, seinen Job zu kündigen und ihn so in die Ecke drängt, was letztlich auch zu dieser depperten Aktion mit Dr. Arzts Lieblingsspielzeug führt. Das letzte mal brachte Hurley Überfluss überhaupt erst in die Situation kündigen zu können, wobei er nach dem Diebstahl von acht Mr. Clucks Hühnerbeinchen wohl eh’ bald entlassen worden wäre. Hierin spiegelt sich auch das soziale Gefälle zwischen Chef und Untergebenem wieder. John baut dieses Gefälle gegenüber Hurley künstlich auf, obwohl Hurley, für den John – ohne es zu wissen – jahrelang in einem unliebsamen Job tätig war, den er gegenüber Hurley auch als Argument anführt, in keinem Abhängigkeitsverhältnis zu John steht wie ein Angestellter zu seinem Chef. Auf der Insel sind alle voneinander abhängig, keiner ist in der Position über die anderen zu bestimmen, wenn die ihn nicht selbst in diese Position erheben, wie es bei Jack der Fall ist. Somit demonstriert die Folge auch sehr gut, dass die Habgier des Menschen ein Motor ist, aus dem selten Gutes erwächst. Auf der anderen Seite zeigt die Serie als Ganzes aber auch, dass der Mensch theoretisch zu einer harmonischen Gesellschaftsform fähig wäre, wenn die Umstände die richtigen sind.

John und Hurley sind aber nicht nur über ihre Verpflichtungen geteilter Meinung: Während John der Ansicht ist, dass Veränderung etwas positives ist, fürchtet Hurley jegliche Form der Veränderung, denn das Ergebnis könnte schlechter sein als der Status quo. Letztlich haben beide Unrecht. Solch pauschale Aussagen sind an und für sich gequirlter Mist. Es ist doch davon abhängig von was zu was eine Veränderung vonstatten geht. Nehmen wir als Beispiel mal die letzte Bundestagswahl. Viele jammerten über die große Koalition und wollten, dass sich was ändern. Die meisten sind nach der Wahl wohl auch der Ansicht gewesen, dass es eine Veränderung zum Positiven war, weil sie sonst nicht so gewählt hätten. Ich persönlich war nie ein Freund der Großen Koalition, hab ihr aber schon am Wahlabend nachgetrauert. Veränderungen sind wohl nie nur gut oder nur schlecht ODER noch etwas profaner formuliert: Des einen Freud ist des anderen Leid.

Dass Hurley auch schon vor seinem Lottogewinn kein Fan von Veränderungen war, sieht man gut in der Szene mit seiner Mutter, die ihm vorhält: „You have to change your life, Hugo.“ („Du hast dein Leben zu ändern, Hugo.“) Wobei ich mich in der Szene vor allem jedes Mal frage: Seit wann hat Jesus ein Telefon? Steht der auch im Telefonbuch? Also wenn einer die Nummer von JC hat, gebt bitte bescheid. Gibt so einiges, was ich den gerne mal fragen würde.

Tja, was gibt es zu der Storyline um Hurley sonst noch zu sagen? Vielleicht nur, dass es verwunderlich ist, dass Hurley keine Apollo-Candy-Company-Schokoriegel kennt? Oder müssen wir uns noch mit der Strandparty auseinander setzen, mit der Hurley es schafft, alle einen Abend lang zufrieden zu machen, so dass keiner mehr darüber nachdenkt, wer jetzt wovon wie viel bekommen hat? Ja, das wäre wohl erwähnenswert, wenn ich es nicht damit schon längst erwähnt hätte. Dann wären da noch die Szene im Plattenladen, wo sich Hurley und Johnny über „Suck Shaft“ lustig machen und die Story um die Erdnussbutter. Alles kleine Nebenhandlungen deren Bedeutung oder tieferer Sinn wohl jedem ersichtlich sein dürfte. Also streich ich jetzt mal eben einige meiner Notizen durch, weil sie eigentlich nichts enthalten, was von großer Bedeutung wäre... Record-Player, Charlie verfolgt John, Cluck You!, Button, „Always stay the same“... Normalerweise nutze ich immer alles, was ich notiert habe, aber irgendwie hab ich diesmal bei einigen Sachen wohl nicht nachgedacht, ehe ich sie notiert habe.

So, was bleibt über? Oh, ja: die Grube. Da hat man doch schon beim aller ersten Gucken ein starkes Déjà-Vu gehabt: Michael brüllt mal wieder in der Gegend rum und wir alle wissen, was er brüllt, oder? Kleiner Tipp: Er ruft nicht „Where’s Kate?“ Außerdem hackt Ana-Lucia mal wieder auf Sawyer rum und holt dann Michael und Jin aus der Grube. Wieso die Tailies nun mit Jin sprechen wollen, sei mal dahingestellt^^. Als Sawyer auch aus der Grube kommt, beweist Ana prompt mal wieder, was für ein unausstehliches Miststück sie ist. Ich weiß, dass einige sie mögen, aber für mich ist sie einfach nur herrisch, hysterisch und gewalttätig. Besonders in dieser Szene wird das wieder überdeutlich. Mit welcher Berechtigung meint sie anderen Befehle erteilen zu dürfen? Womit wir wieder bei der Machtfrage wären. Die elf Tailies, die von den Anderen verschleppt wurden, können eigentlich nur froh sein.

Die Tailies und die Rafties („Oh, ein neuer Spitzname!“) marschieren in Richtung Pfeil und da sagt Sawyer im Spaß etwas recht wegweisendes: „What are you going to do – beam us up?“ („Was machst du jetzt – uns hoch beamen?“). Wenn ich da so an eine andere Dharma-Station denke, finde ich das irgendwie lustig. Der Pfeil selbst ist komplett leer geräumt. In dieser recht großen, länglichen Station stehen nur noch ein paar Kisten und Tailies in der Ecke rum. Außerdem gibt es einen ersten Verweis auf die „Dezimierung“ der Tailies. Unter den wenigen Verbleibenden ist auch Bernard, der die Rafties nach Rose fragt, die noch in dieser Folge bekräftigte, zu wissen, dass ihr Mann noch am Leben sei. Deshalb sehen wir sie auch einen Schokoriegel verstecken, nachdem Bernard am anderen Ende der Insel nach ihr gefragt hat.

Außerdem wird von Claire in dieser Episode die angespülte Flaschenpost gefunden, die sie und Shannon zu Sun bringen. Dadurch wird die aufgebaute Parallele zwischen Sun und Rose bzw. Jin und Bernard noch mal unterstrichen. Sun vergräbt, während die anderen ihr Festessen genießen, die Flaschenpost und einen recht sprunghaften Ehering im Sand.

Und weil Jin und Sun so ein schöner Schluss sind und mir die Brücke zur nächsten Folge immens erleichtern, mach ich hier mal Schluss für heute. Wir lesen uns ;-)

Freitag, 16. Oktober 2009

"I'm good at putting bits and pieces together"

Tag 24 – 15.10.2009:

Drei Tage Mini-Urlaub sind nun um. Hätte schon eher wieder geschrieben, aber nachdem ich endlich den Computergegner beim PC-Schach besiegt hatte, ist hier alles in die Luft geflogen. An diesem kleinen Scherz ist in einem Punkt, was Wahres dran: ich komm mir langsam echt vor wie ein Dharma-Mitglied (okay, seit dem ARG vom letzten Jahr bin ich auch eines^^), allerdings nicht aus der Flamme, sondern aus der Perle. Schließlich sitze ich auch Tag für Tag vor einem Fernseher und schreibe Notizheftchen voll – das Internet ist meine Rohrpost. Zum Glück wird das hier aber wenigstens gelesen.

Wie habe ich meinen Lost-Urlaub also wirklich verbracht? Ich habe was wegen meiner blöden Bank geregelt, hab’ mir mal wieder eine Erkältung eingefangen, habe einige Staffel-5-Folgen für neue Fan-Videos von VHS auf DVD gezogen (der Festplattenrecorder steht bei mir, doch FOX empfangen wir nur über den Kasten im Wohnzimmer) und ich habe ein paar DVDs, die ich mir bei (Achtung! Schleichwerbung) amazon bestellt hatte, geguckt. Bei „X-men Origins: Wolverine“ hab ich zwischenzeitlich gedacht: Bist du jetzt doch wieder bei „Lost“? Die zwei Pappnasen da kennst du doch, aber Keamy hat ganz schön zugenommen! Bei „Ausländer raus! Schlingensiefs Container“ (ist schon etwas älter, hab ich aber jetzt erst bestellt und geguckt) dachte ich aber nachher auch an „Lost“. Warum? Zur kurzen Erläuterung: Dieser BigBrother-like Container war eine Kunstinstallation von Christoph Schlingensief im Jahr 2000 in Wien. Die FPÖ war als erste rechtsextremistische Partei in Europa seit dem zweiten Weltkrieg neu in eine Regierungskoalition gewählt worden. Anstatt zu demonstrieren, baute Schlingensief im Rahmen der Wiener Festwochen einen Container mit FPÖ-Fahnen und einem großen Schild „Ausländer raus“ neben die Oper und ließ darin wie bei „BigBrother“ Asylbewerber (die auch in der Realität oft derart untergebracht sind) wohnen. Über Telefon und Internet konnten die Österreicher dann Asylbewerber aus Container und Land rauswählen. Was hat das jetzt mit „Lost“ zu tun? Die Strategie! Anstatt zu sagen: „Die FPÖ ist rechtsextremistisch!“ (das wäre verpufft), spielt er öffentlich deren Ansichten vor und das eigentliche Experiment findet dann davor statt: Wie wird reagiert? Wer durchschaut, dass es nur Show ist? Wo hört die Inszenierung auf und beginnt die Realität? Letztlich brachte mich das – abgesehen von der politischen Brisanz und künstlerischen Genialität – wieder zu der Frage: Was ist bei „Lost“ Schein und was Sein? Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass „Samuel“/Man in Black der Böse ist und Jacob der Gute. Aber es wurde auch drei Staffeln alles so dargestellt als seien die Anderen und Ben die Bösen, doch die arbeiten ja für Jacob und zwar nach bestem Wissen und Gewissen. Oder gibt Jacob am Ende absichtlich fragwürdige Befehle und wartet darauf, dass irgendjemand – also Ben – irgendwann mal sagt: „Mir reicht’s!“ denn wenn dem so wäre, hätte „Samuel“ Jacob wirklich einen Gefallen getan, als er Ben noch zusätzlich aufstachelte und dazu brachte, ihn zu töten. Bei einem übernatürlichen Wesen wie Jacob, kann man wohl davon ausgehen, dass der Tod zwar den Einfluss auf die Welt der Lebenden unterbindet, aber nicht das Ende für Jacob bedeutet und er den Tod daher nicht fürchten musste – schon gar nicht, wenn er sein Ziel dadurch erreicht. Ist der Man in Black am Ende der linke Demonstrant, der vor dem Container steht und sich über die Fremdenfeindlichkeit der Installation beschwert, ohne zu merken, dass er damit selbst zur Installation wird und obendrein das anprangert, was den Spiegel vorhalten will. In der Bibel ist schließlich auch der Teufel ein Teil von Gottes Plan und wird als Antagonist unfreiwillig zum Instrument. Könnte das nicht auch auf „Samuel“ zutreffen? Ist das, was er für sein Schlupfloch hielt, in Wahrheit Jacobs Schlupfloch, um ihn zu widerlegen? Denn wenn Ben Jacob stürzt, weil er ihn gezwungen hat, all diese grauenvollen Dinge zu tun, bewiest Jacob dann damit nicht, dass die Menschen im Grunde doch gut sind? Wenn Jacob Böses verlangt, damit einer der Anderen sich dem widersetzt, weil er es nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren kann, hat Jacob damit doch bewiesen, dass die Menschen nicht nur kämpfen, zerstören und vernichten!

Bevor ich aber dann nun zu der aktuellen Folge „Verfluchte Zahlen“ /„Numbers“ (nicht zu verwechseln mit „Numb3rs“ – das ist eine unabhängige Serie) übergehe, will ich den politisch und soziologisch interessierten unter euch diesen Film sehr ans Herz legen. Man lernt daraus viel über die Menschen, auch wenn man glaubt, das meiste schon zu wissen. Jetzt aber zu Hurley und den Zahlen

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Die Review wird dieses Mal hauptsächlich aus vielen gesammelten Einzelheiten bestehen, denn es gibt in der Folge viel, das mir auffällt, aber wenig, das mir einfällt. Beginnen wir mal bei den Zahlen selbst. Zunächst einmal wurden sie in dieser Folge besonders oft versteckt: Hurley gewinnt den Jackpot nach 16 Wochen ohne Gewinner, Tito (als er vor laufenden Kameras stirbt, hat Tricia Tanaka Hurley übrigens gerade eine Frage gestellt) wurde vor 4 Jahren den Schrittmacher eingesetzt, beim Brand in der Turnschuhfabrik starben 8 Menschen, Leonard spielt „4 gewinnt“, Sam Toomey brachte sich 4 Jahre, bevor Hurley bei seiner Frau war, um und vor 16 Jahren hörten er und Leonard den Funkspruch und so weiter und so fort. Hurleys Fragen an Rousseau beschäftigen uns auch heute noch: Woher kommen die Zahlen? Woher haben sie ihre Macht? Okay, in „The Lost Experience“ war davon die Rede, es seien numerische Werte aus einer Weltuntergangsgleichung von Enzo Valenzetti. Aber kann das alles sein? Überhaupt: Wir haben verdammt lange nichts mehr von Alvar Hanso gehört – wäre derzeit übrigens einer meiner drei Kandidaten für den Ökonom (neben Francis Heatherton und „Samuel“ – fortschritts- und technologiefeindlich, Feind von Ben und Jacob etc.). Lange dachten wir ja, es bestünde ein Zusammenhang zwischen der Bedeutung der Zahlen und ihrer Verwendung im Schwan. Doch scheint es eher zufällig zu sein, dass sie an der Luke auftauchen: Sie sind eine Art Seriennummer. Warum sollte man dann nicht, als der Schwan gebaut war und man den Computer installierte, die Kennnummer der Station als Code verwendet haben? Denn wenn der Funkturm gar nicht von der Dharma gebaut und genutzt wurde, wie Rousseaus Berichte nahe legen, wäre es doch denkbar, dass die Verwendung durch die Dharma ebenso „zufällig“ wie jeder andere Gebrauch der zahlen ist und ihr eigentliches Geheimnis, ihre eigentliche Macht mit der Dharma-Initiative wenn überhaupt nur ganz entfernt zu tun haben. Wir können doch eigentlich davon ausgehen, dass die großen Mysterien (Zahlen, Jacob, „Samuel“, Christian, Rauchmonster, die Insel selbst, das Rad etc.) alle auf eine gemeinsame Lösung hinauslaufen. „But the numbers – did you ever find out anything about them? Do you know where they got their power?“ („Aber die Zahlen – hast du je irgendetwas über sie herausgefunden? Weißt du, woher sie ihre Macht haben?“). Ja, woher haben sie ihre Macht? Ich hab mal etwas recherchiert und mal geguckt, was welche Zahlen so alles bedeuten können bzw. wo sie in Mythologie, Aberglaube und Religion auftauchen. Die 4 hat in fast allen Kulturen besondere Bedeutung. Zunächst einmal steht sie für die vier Himmelsrichtungen (bei den Ägyptern somit auch für die Seiten des Benben-Steins), bei den Griechen aber auch für die vier Elemente (Feuer, Wasser, Erde, Luft) und in China ist sie eine Unglückszahl, weil die Wörter für „vier“ und „Tod“ im Chinesischen fast gleich klingen. Jeder, der von Chemie etwas Ahnung hat, weiß, dass ein Atom zwar maximal acht Außenelektronen hat, aber eine gleichmäßige Anordnung von Bindungen ein Tetraeder ist, also der einzige gleichmäßige, dreidimensionale Körper mit genau vier Ecken und vier Seiten. Die 8 ist noch symbolträchtiger. Bei den Griechen symbolisiert sie die materielle Welt und Gerechtigkeit, ist aber auch die Zahl des Gottes Kronos, des Beherrschers der Zeit (zumindest in den Überlieferungen, in denen er mit Chronos gleichgesetzt wird), welcher aus Angst gestürzt zu werden seine Kinder verschlang. In den monotheistischen Religionen ist die Acht die Zahl des (glücklichen) Neuanfangs. Ferner wurden acht Menschen durch Noahs Arche gerettet – nebenbei: wisst ihr noch wie viele Menschen die Searcher am Ende von Staffel 4 aufgelesen hat? Ihr ahnt es sicher: Acht – Jack, Kate, Sayid, Hurley, Sin, Aaron, Frank und Desmond. Bei der 15 finde ich zugegebenermaßen nichts interessantes, was über mathematische Besonderheiten hinausginge. Es gibt aber zumindest 16 christliche Propheten – ist ja auch was wert. Aber jetzt kommen wir zur 23. Um keine Zahl ranken sich so viele Verschwörungstheorien und Mysterien. Sie enthält die drei kleinsten Primzahlen: 2; 3 und 5 (2+3=5). Und was haben eigentlich die Illuminaten mit der 23 zu tun? Mehr als man denkt. zumindest gilt die 23 als ihre Zahl. Die 42 letztlich bildet in der ägyptischem Mythologie die Anzahl der Richter beim Totengericht. Und natürlich ist 42 die Antwort auf die letzte Frage.

Die Zahlen haben also vielleicht auch mythologischen Ursprung und leiteten Danielle Rousseau und ihr Team zur Insel und vielleicht auch andere. Man sendet ja nicht permanent sechs Zahlen von einem Funkturm aus ohne dafür einen Grund zu haben. Warum könnte der Grund für diesen Funkspruch also nicht genau das sein: Menschen zur Insel lotsen. Und wenn das der Zweck der zahlen ist und die Anderen den Funkturm nicht (mehr) nutzen, sondern sich eine Leitsignals im Spiegel bedienen, gibt es nur drei Möglichkeiten: Die Anderen nutzten den Funkturm und bestückten ihn als Leitsignal mit den Zahlen, bis sie den Spiegel unter ihre Kontrolle gebracht haben. Das würde allerdings voraussetzen, dass Charles – wie Ben – seine Leute auch auf Missionen außerhalb der Insel schickte oder sie von irgendwo rekrutierte. Die zweite Möglichkeit: Jacob selbst hat den Funkturm installiert. Wir wissen, dass er zyklisch immer wieder Menschen auf die Insel holt: die Black Rock, die Losties und vermutlich auch die Dharma. Doch wäre das Senden dieser Nachricht eine ziemlich wahllose Angelegenheit und nicht gerade sinnvoll, wenn man gezielt nach guten Menschen sucht, die nicht alles in Schutt und Asche legen. Damit wären wir bei Möglichkeit Nummer drei: Möchte man bewiesen, dass Jacob falsch liegt und die Menschen schlecht sind, gibt es drei Möglichkeiten: entweder wartet man, bis Jacob es von alleine drangibt, man bringt ihn um, ehe er Erfolg hat, oder man tritt den Gegenbeweis an. Da das alles nicht so leicht ist, müsste man mehrgleisig fahren, um so schnell wie möglich zu gewinnen.

Gehen wir nun aber mal weiter zu den Auswirkungen, die die Zahlen auf Hurley hatten: sein Großvater stirbt, auf der Beerdigung wird der Priester vom Blitz erschlagen, die Freundin seines Bruders brennt mit einer Kellnerin durch, die neue Villa fängt an zu brennen, seine Mutter knickt sich den fuß um, er wird mit einem Drogenboss verwechselt, in seiner Turnschuhfabrik bricht ebenfalls ein Feuer aus und im Bürogebäude seines Anlageberaters springt einer ausm Fenster. Was mir aufgefallen ist, ist hier vor allem die Musikuntermalung: leicht skurril, beschwingt, als wollte das Orchester sagen: „Und schon wieder einer!“ Diese Unglücksfälle werden zynisch und morbide inszeniert und überhaupt wird die ganze Folge von tiefschwarzem Humor durchzogen.

Doch betrachtet man die Folgen des Fluches fern der Insel genauer fallen noch einige interessante Details auf. Ich war wohl nicht der einzige, der sich beim Brand der Villa und den dichten Rauchschwaden, die aus dem Fenster stiegen, an das Monster erinnert fühlte. Wäre an und für sich nur eine belanglose Assoziation, wenn sie mich nicht auf einen Gedanken gebracht hätte: Es ist ja noch nicht lange her, dass ich mich mit dem Motiv des Feuers beschäftigt habe, das auch in dieser Folge sehr präsent ist. Wenn das Feuer also Jacob symbolisiert bzw. mit ihm in Zusammenhang steht, könnte der Rauch als das tote Produkt eines Brandes uns endlich einen Hinweis darauf geben, warum das Monster als schwarzer Rauch erscheint und nicht etwa als brennender Dornbusch, Feuerwalze, Lichtwesen oder komischer Wasserschlauch. Qualm ist nichtsweiter als Asche, die von der heißen Luft mitgenommen wird – ein Aerosol, ein Stoffgemisch aus Feststoff (Kohlenstoff/Asche) und Gas (Luft, Sauerstoff, Stickstoff, CO2.... was auch immer). Feuer, Asche, schwarzer Rauch – alle drei tauchen (oft unabhängig) als Leitmotive immer wieder auf. Feuer und Rauch sind nahezu untrennbar verbunden, denn bei jedem Brand entsehen irgendwelche neuen Stoffe – meist Abgase/Qualm. Und doch sind sie gegensätzlich, denn während das Feuer wärmt und für uns lebenswichtig ist (ohne Feuer, Luft, Erde und Wasser ist komplexes Leben einfach nicht möglich), ist Rauch immer kalt und todbringend.

Wiederum sehr amüsant ist der Dialog zwischen Hurley und seinem Vermögensberater Ken. Da wäre zunächst einmal ein wiederkehrender Dialog, der so ähnlich in „Fährtensucher“ vorkam: Boone: „A box company?“ – Locke: „They made boxes“. Im Vergleich dazu „Verfluchte Zahlen“: Hurley: „A box company?“ – Ken: „Mmmh, they make boxes...“. Und nein, das werde ich nicht übersetzen – man kann es auch übertreiben. Wirklich gelacht habe ich aber bei: „What, you don't believe in jinxes? You know, curses?“ – „I'm an accountant, I believe in numbers.“ („Was, Sie glauben nicht an Unglücksbringer? Sie wissen schon, Flüche?“ – „Ich bin Buchhalter, ich glaube an Zahlen.“) In diesem fall wohl ein und dasselbe, meint ihr nicht?^^

Kommen wir zu weiteren bemerkenswerten Sätzen. Leonard sagt „You opened the box.“ („Du hast die Büchse/Kiste geöffnet!“) Zum einen ist dies wohl eine Anspielung auf die Büchse der Pandora, die alles Unheil, aber auch die Hoffnung in sich barg. Diese Büchse gab Zeus der Schwägerin des Prometheus, nachdem dieser das Feuer gestohlen hatte, und wies sie an die Büchse niemals zu öffnen. Von Neugierde überkommen tat sie es doch und alles Schlechte entwich der Büchse: Krankheit, Unheil und Tod, denn bis die Büchse geöffnet ward, waren die Menschen wie die Götter unsterblich. Als Pandora die Büchse ein weiteres mal öffnete entwich auch die Hoffnung. Da ich letztens Jacob mit Prometheus verglich, würde sich hier ein weiterer mythologischer Bezug anbieten. Der Fluch der Zahlen als Strafe für Jacobs Versuch den Menschen zu helfen, würde ebenfalls für „Samuel“ als Urheber der Zahlen sprechen. Des weiteren wird in der Sage Ungeduld und Neugierde bestraft. Natürlich verbirgt sich hier aber auch eine ganz andere Botschaft, die nicht unbedeutend für das Spiel zwischen Jacob und seinem Widersacher ist: Ohne leid, sind weder Hoffnung, noch wahres Glück möglich. Wie will man das Gute würdigen, wenn man das Schlechte nicht kennt? Gut und Böse, Ordnung und Chaos, Hell und Dunkel, Maat und Isfet, Jacob und „Samuel“, Schwarz und Weiß, Ben und Charles, Gefühl und Verstand, Glaube und Wissenschaft – all diese Gegensatzpaare erlangen erst in Kenntnis des jeweils anderen Bedeutung und können auch nur aneinander gemessen werden.

Ferner stellt die Wortwahl Leonards sowohl einen Bezug zur „Magic Box“ als auch zu der „box company“ her. Leider ist das im Deutschen gänzlich verloren gegangen, da er in der deutschen Fassung „Büchse“ sagt, aber Ben von einer „Kiste“ spricht und von einer „Verpackungsfabrik“ die Rede ist. Bin ich eigentlich der einzige, der bei Verpackungsfabrik immer an die Simpsons-Folge mit dem Schulausflug in die Kartonagenfabrik denken muss? Leonard erwähnt außerdem Sam Toomey, woraufhin Hurley dessen Frau aufsucht. Deren Begrüßung ist schon wieder goldwert: „If this weren't the middle of nowhere, I'd say you were lost.“ Von Martha Toomey erfahren wir einiges über den angeblichen Fluch der Zahlen und wie es Sam damit erging – alles nichts neues. Einzig die Tatsache, dass Sam selbst sich nur durch Suizid aus dem Fluch befreien konnte, ist in Hinblick auf Hurley ganz interessant und wir werden uns das auch noch mal ansehen. Was aber viel wichtiger ist, ist das, was Martha über den Ursprung der Zahlen erzählt, wo und wie Sam und Lenny sie gehört haben. Sie waren in der U.S. Navy im Südpazifik stationiert. Bei jedem, bei dem das Glöckchen jetzt nicht Sturm läutet, sollte mal wer die Lebenszeichen überprüfen. Marthas Informationen sind nur Hörensagen. Wir haben keinen Beleg dafür, dass die 16 Jahre stimmen, noch dafür, dass Sam und Lenny die Zahlen zufällig hörten. Waren sie aber wirklich im Südpazifik als Nachrichtenoffiziere der U.S. Navy stationiert, ist es wohl nicht zu viel gewagt einen Zusammenhang mit den Truppen zu vermuten, die 1954 auf der Insel waren, um Wasserstoffbomben zu testen. Das Militär der Vereinigten Staaten weiß offenkundig von der Existenz der Insel und womöglich sogar wie man da hin kommt.

Alles weitere im Gespräch zwischen Hurley und Martha läuft eigentlich nur wieder auf das alte Glaube-Gagen-Verstand-Spielchen hinaus – im Vergleich zu der restlichen Folge etwa so spannend wie die 108te Wiederholung von „Deutschlands dümmste Bildstörungen“.

Also auf zur Gegenwartshandlung, back to the Island!!! Hier fällt nun ziemlich deutlich auf, dass der Fluch der Zahlen auch seine Vorteile hat – wie Jacob schon nahe legte: Was wäre, wenn Hurley nicht verflucht, sondern gesegnet wäre? Hurley ist nämlich praktisch unverwundbar. Er übersteht mit Leichtigkeit Rousseaus Falle, wird nicht erwischt, als Danielle auf ihn und Charlie schießt, und überquert trotz seines Gewichts (bevor sich einer beschwert: bin selbst übergewichtig, ich darf das^^) die Hängebrücke, die bei Charlie – wie sollte es auch anders sein – zu Bruch geht. Apropos Hängebrücke: Wer hat die eigentlich gebaut? Ich weiß, das erörtern Jack und Sayid auch, aber die Meinung von den zweien interessiert mich schon lange nicht mehr – allein schon wieder diese Vorwürfe und Unterstellungen als Hurley mit den Karten und Notizen weg ist. Die Brücke ist ziemlich provisorisch aus ein paar krummen Brettern und Seil in MacGyver-Manier zusammengeschustert und wirkt daher nicht wie etwas, was die Anderen bauen würden. Danielle hingegen nutzt alles, was sie auf der Insel findet, um sich daraus ein behelfsmäßiges Equipment zu basteln. So baut sie sogar ein „Securitysystem“ (man denke an ihre Bemerkung über das Monster) für ihr falsches Lager, damit dieses in die Luft fliegt, wenn sich jemand nähert. Überall stellt sie Fallen auf oder tarnt Fallen mit falschen Fallen. Das mit dem verlassenen und vermimten Lager ist nicht nur ein Trick, den auch die Losties später beim Angriff der Anderen auf ihr eigenes Lager nutzen, sondern auch ohne Explosion eine gern genutzte Strategie in „Lost“: man gaukelt dem Gegner vor, sein Ziel erreicht zu haben und noch ehe er Verdacht schöpft, ist er schon in die Falle getappt.

Und wo wir gerade bei Fallen sind. Als Claire mit John an der Wiege baut, denkt sie zunächst, sie würden eine Falle basteln. So Unrecht hat sie damit nicht einmal. Die Falle ist jedoch nicht für die Tiere, sondern für Claire selbst. John gewinnt sie für sich und hat damit schon vier Anhänger um sich gescharrt.

Bevor ich nun zum Ende kommen, muss ich aber noch einmal die Lost-Macher für diese geniale letzte Einstellung mit den Zahlen an der Luke loben. Das war damals, als ich diese Folge das erste Mal sah, wirklich eine von den Stellen, wo man richtig Gänsehaut bekam.

Wenn ich jetzt mal so auf die fertige Review zurückblicke (Wortspiel für all jene, die des Englischen mächtig sind), stelle ich fest, dass meine eingangs geäußerte Annahme es würde in einer Aneinanderreihung von einzelnen Fakten enden, selten so daneben lag. Wenn ich im Mai feststelle, dass ich bei der Einschätzung von „Lost“ ähnlich treffsicher war, wie bei der meiner eigenen Reviews, mache ich folgendes: Ich kauf mir ein schönes, langes Kabel, buche ein Hotelzimmer und warte dann da auf Ben... oder ich besorg mir ’ne Schrothflinte. Wobei Ben macht nachher noch sauber, während die Schrothflinte eine Riesen-Sauerei macht, denn wie sagte schon Dieter Nuhr: „Hirn ist Hirn und klebt!“ Aber wo nix is...^^