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Sonntag, 28. März 2010

„Quis custodiet custodes?“ - "Ab Aeterno"-Review

Ich muss gestehen, dass ich in weiten Teilen der Folge nur Spanisch verstanden habe. Aber zum Glück gibt’s ja Untertitel. „Ab Aeterno“ ist endlich mal eine Folge, die mehr Antworten birgt als neue Fragen. Außerdem gab es endlich mal wieder Flashbacks und die gleich zu drei Charakteren, die bislang allenfalls in Flashbacks von Jacob, Ben, Sayid oder Juliet auftauchten, selbst aber noch keine hatten: Ilana, Richard und „Samuel“/MiB. Klar, im Zentrum steht Richard und das sogar buchstäblich, denn seine überaus lange Rückblende wird von Ilanas und „Samuels“ eingerahmt.

Ilanas Rückblende und die Szene am Strand dienen aber vor allem als Einleitung für die Geschichte um Richard. Neue Fragen stellen sich hier nicht – es werden nur alte wieder aufgeworfen: Woher kennen sich Jacob und Ilana? Wer ist der sechste Kandidat? Und so weiter... .

Richard verlässt den Strand und will nun zu „Samuel“, weil er sich von dem Antworten erhofft und prompt sind wir in der Rückblende, denn alles andere, was in der Gegenwart passiert, macht erst Sinn analysiert zu werden, wenn wir Richards Rückblende unter die Lupe genommen haben.

Socorro, Teneriffa, Kanarische Insel, 1867: Ricardo ist auf dem Ritt nach Hause zu seiner kranken Frau, die ihm, als er zuhause ist und wieder aufbrechen will, um einen Arzt um Hilfe zu bitten, eine Kette mit einem Kreuz gibt, mit der er den Arzt bezahlen soll. Der Mediziner verweigert Ricardo die Hilfe, denn die Kette sei nichts wert und so reiche sein Geld auch mit ihr zusammen nicht für die Medizin. Wie Desmond am 22.9.2004 auf der Insel tötet auch Ricardo in einer Handgreiflichkeit seinen Gegner versehentlich, indem er ihn von sich wegstößt und jener eine tödliche Kopfverletzung erleidet. Das ist aber nicht die einzige Parallele zu Flashbacks anderer Charaktere. Richard tötet jemanden, um einen Menschen zu retten, der ihm am Herzen liegt. Viele Hauptcharaktere schadeten in ihrer Vergangenheit jemandem (oder etwas), um so Schaden von einem geliebten Menschen abzuhalten: Eko mordet, weil er so Yemi schützen kann. Ben verängstigt Danielle, um so sie und Alex zu retten. Sayid dreht einem Huhn den Hals um, damit sein Bruder es nicht machen musste. Im Glauben so ihrer Mutter zu helfen, jagt Kate deren Haus und Wayne in die Luft.

Im Fall von Isabella kommt jedoch jede Hilfe zu spät und so könnte man fast sagen: Ricardo landet umsonst im Gefängnis. Ich habe ja, als Richard dann im Knast war, jeden Moment damit gerechnet, dass Jacob um die Ecke kommt und ihm ein Angebot macht, dass er nicht ablehnen kann. Es stellt sich aber schon die Frage, warum Vater Suarez Ricardo die Absolution verweigert, denn das ist schon sehr ungewöhnlich – erstrecht, wenn der Beichtende kurz davor steht zu sterben und offen bereut. Aber es kommt ja immer anders und vor allem als man denkt: Das Lukas-Evangelium, welches Ricardo auf Englisch liest (eine Parallele zu Jin und Sun, die auch in die USA fliehen wollten – Sun lernte wie Ricardo Englisch), rettet ihm in gewisser Weise das Leben und er landet letztlich als Sklave im Besitz von Jonas Whitfield an Bord der Black Rock, für deren Kapitän Magnus Hanso Whitfield arbeitet. Muss ich jetzt erklären, wer Magnus Hanso ist? Ich glaub nicht, oder? Kleiner Tipp: er ist der Opa von Alvar Hanso^^. Wie Furya bin ich übrigens der Ansicht, dass wir Hanso aus gutem Grund nicht zu sehen bekamen. Ich denke, dass uns sein Gesicht bekannt vorgekommen wäre und es sich um jemanden handelt, der von großer Bedeutung für die Mythologie ist. Ich hatte ja schon mal Christian und Desmond in die Runde geworfen, denn mit Christian ist wohl wirklich noch irgendein Mysterium verknüpft und laut Daniel gelten für Desmond „die Regeln“ nicht, weshalb er noch ein „Loophole“ sein könnte. Ich musste aber auch an Charles Widmore denken, denn dessen genaue Herkunft ist unbekannt, er ist Brite, hatte Interesse an dem Logbuch des ersten Maats, hat geschäftliche Verbindungen zu Hanso Foundation und hat so seine Probleme mit Richard – könnte Jacob oder MiB ihn wiederbelebt haben?

Ganz interessant ist auch, dass der Offizier Jonas heißt... also ich hätte mit dem Vornamen zumindest so meine Probleme mit ausgedehnten Schiffsreisen. Man weiß ja nie, wo sich diese Wale so rumtrieben.

Mein persönlicher Kritikpunkt an diesem Teil von Richards Geschichte kennt ihr schon: Ich empfinde ihn als etwas konstruiert. Die Macher waren sich darüber bewusst, dass unter normalen Umständen ein Mann spanischer Abstammung/ ein Hispanier im 19. Jahrhundert nie als Sklave auf einem Schiff unter europäischer oder amerikanischer Flagge gelandet wäre (in den englischen Kolonien war die Sklaverei seit über 30 Jahren verboten, in den Staaten ab 1865). Viele Fans glaubten aber genau das oder wollten es gerne glauben. Also konstruieren Darlton eine Geschichte, in der es von komischen Zufällen nur so wimmelt und das obwohl Jacob nirgendwo eingreift. Nein, wir erfahren sogar, dass es Richard ist, der Jacob rät, aktiv zu werden und mehr zu tun, als nur Schiffe auf die Insel zu locken und dann abzuwarten, ob sich die Überlebenden die Köppe einschlagen – aber dazu später mehr. „Mehr“/„Meer“ ist aber ein gutes Stichwort:

Auf hoher See gerät die Black Rock des Nachts in einen ziemlich heftigen Sturm und neben Wasser regnet es jetzt auch Ungereimtheiten:

1. In „The Constant“ sagt der Auktionator, die Black Rock sei 1845 auf dem Weg nach Siam verschollen, doch jetzt stellt sich heraus: es war 1867 auf dem Weg in die Staaten.

2. Als Jacob und „Samuel“ die Ankunft der Black Rock beobachten ist es früh am Morgen und die See ist ruhig. Aus Jacobs Äußerungen kann man schließen, dass die Black Rock nicht das erste Schiff ist, das er zur Insel gelotst hat (die Szene mit Jacob und MiB muss vor Ankunft der Black Rock spielen, da die Statue noch intakt ist), weshalb man argumentieren könnte: Dann war es halt ein anderes Schiff, das wir in „The Incident“ gesehen haben. Bei genauerem Überlegen schmeckt mir die Idee aber auch nicht so recht, denn: Wo ist dann das Wrack dieses anderen Schiffes? Man müsste doch zumindest bei Ricardos Ankunft an der Statue noch irgendetwas von diesem Schiff sehen, das wohl kaum erst um die Insel rumfährt, ehe es anlandet oder zerschellt. Da das Schiff ähnlicher Bauart war wie die Black Rock kann es noch nicht so lange her sein, dass es auf die Insel kam.

3. Ein Tsunami ist eine relativ gleichmäßige Welle, die durch ein Seebeben oder abbrechende Landmassen (Klippenabbruch) verursacht wird. Ferner erreicht ein Tsunami erst in der Nähe von Festland, also im niedrigen Wasser der Küstenregionen, diese enormen Höhen, die wir aus Nachrichten und Katastrophenfilmen kennen. Hier sehen wir jedoch einen Sturm und der kann weder Wellen dieser Ausmaße erzeugen (laut Wikipedia: maximal 40m), die ein Schiff Kilometer landeinwärts schleudern, noch eine Statue vernichten – damit sind wir bei Punkt Nummer 4:

4. Die Statue geht als starres Objekt kaputt, weil ein Holzschiff dagegen geschleudert wird? Die Statue steht da seit Jahrtausenden und hat Wind und Wetter getrotzt. Sie ist aus massivem Gestein und ein Segelschiff, das gegen den Kopf geschleudert wird, würde daran zerschellen und nicht die ganze Statue (bis auf den Fuß) abreisen. Und schon gar nicht würde diese Monsterwelle die Statue vernichten, aber alles andere heil lassen. Sorry, Darlton, aber DAS kauf ich euch nicht ab.

Und ich weiß schon jetzt, dass einige von euch sagen werden: „Wie kann man sich in einer Serie, in der ganze Inseln durch Raum und Zeit reisen und Leute mit Toten kommunizieren, an so etwas stören?“ Ganz einfach: Das Rad, Jacob, Das Rauchmonster, der Schwan etc. – all das ist Teil der Mythologie, es passt sich glaubhaft und logisch in die Handlung ein. Andere werden meinen: „Solche Fehler passieren halt. Warst du es nicht, der ich letztens noch über Pingelköpfe, die überall nach Fehlern Ausschau halten, beschwert hat?“ Ja, der war ich und ich suche bei „Lost“ auch keine Fehler und finde Leute grauenvoll, die gezielt Fehler suchen. Aber das ist der springende Punkt.·.·.·. Den Fehler musste ich nicht suchen, denn er war so offenkundig da, dass er mich stört. Hier werden zwei der wichtigsten offenen Fragen zur Geschichte der Insel mit einer völlig hanebüchenen, unlogischen und unglaubwürdigen Erklärung aufgelöst. Sorry, Darlton, aber das war einfach albern und unter eurem Niveau! Das könnt ihr – wie wir alle wissen – tausendmal besser!

Also liegt die Black Rock nun im Dschungel – so kennen wir sie schließlich auch. Aus den Gesprächen an Deck, die Ricardo mithört, erschließt sich, dass Hanso bereits tot ist. Die vier gefangenen Sklaven rufen um Hilfe, doch als Jonas runterkommt, macht er kurzen Prozess und sticht drei von ihnen kaltblütig ab, weil er sich – wie er Ricardo erklärt – sicher ist, die Sklaven würden sich rächen, wenn er sie befreien würde. Ganz abgesehen davon hätten sie nicht die Ressourcen. In gewisser Weise denkt er daher wohl auch, dass er so allen Beteiligten einiges erspart, denn so gesehen ist es zumindest humaner, den Sklaven einen schnellen Tod zu bescheren als sie qualvoll verdursten zu lassen, was zu dieser Zeit wohl die meisten an Jonas’ Statt getan hätten. Jonas ist kein Unmensch – er ist einfach nur Realist. Ach, und er ist ziemlich bald darauf tot, denn ein alter Bekannter macht seine Aufwartung, ehe Jonas auch Ricardo „erlösen“ kann. Smokey killt alle bis auf einen: Ricardo, denn den scannt er nur auf die übliche Weise und verlässt ihn – vorerst!

Nachdem er sich als Mischung aus Tim Taylor und Houdini probiert und mit einem Wildschwein gerungen hat, erscheint Ricardo jemand, der eigentlich tot ist und obendrein nicht auf der Insel starb und dessen Leiche sich auch nicht auf ihr befindet: Isabella. Kommt euch das auch so bekannt vor – Stichwort: Emily Linus? Isabella redet Ricardo ein, er sei tot und in der Hölle und da draußen laufe der leibhaftige Teufel rum und sie habe ihm in die Augen gesehen und alles, was sie sah, war das Böse. Wer ist nun diese Erscheinung? Der Mann in Schwarz? Denkbar, wenn auch problematisch, denn diese Annahme hat doch den ein oder anderen Haken:

1. Bislang nahm er nur die Form von Menschen an, deren Leiche sich auf der Insel befand: Yemi, Alex, Locke und womöglich Christian. Alles andere wurde nie bestätigt (siehe unter 2)

2. Das Rauchmonster kann sich zwar aufteilen („Left behind“), doch das scheint nur solange zu gelten wie es keine menschliche Form annimmt (siehe Bens Treffen mit ihm in „Dead is Dead“, Lockes Erscheinen bei Ben in „Dr. Linus“ oder bei Sayid in „Sundown“), doch wir hören Smokey draußen wüten, während Isabella noch bei Ricardo ist. Okay, ich hör jetzt schon wieder Anis Ben Amor, der in einem künstlichen Husten versteckt „Preis des Lebens“ prustet... also gut: es scheint, als hätte MiB einmal mehrere Gestalten angenommen, doch auch hier fehlt der Beweis, dass es wirklich MiB ist und nicht eine Halluznation oder eine andere Entität war. Das Problem ist einfach: Bei Alex, John und dem Rauch in „Dead is Dead“ wissen wir, dass alle drei MiB waren und da scheint er als Rauch zwar Menschen aus der Vergangenheit projizieren zu können, doch wirklich ihre Gestalt annehmen und in diesen Handeln kann er nicht.

3. Als Isabella erscheint hat sie fast so etwas wie eine Aura um sich, was mich doch sehr an Lockes Äußerung über sein Erlebnis in „Walkabout“ oder den Jungen im Wald erinnert. Klar kann an dem Lichtkegel liegen, in dem sie steht, aber ihre Erscheinung hat dennoch etwas Transzendales an sich.

Doch Jacob würde ich gänzlich ausschließen:

1. Diese Art der Manipulation passt nicht zu ihm.

2. Bislang gibt es keinen Hinweis dafür, dass Jacob eine andere Gestalt annehmen könnte.

3. Er sagt Ricardo, er würde sich nicht einmischen.

4. Warum sollte er Ricardo erzählen er sei tot und in der Hölle, wenn er ihn später eindringlich vom Gegenteil überzeugt.

5. Jacob scheint doch überrascht, als Ricardo am Strand aufkreuzt.

Wer also ist dieses Wesen, das sich hier als Isabella ausgibt? Es muss einfach eine dritte Kraft auf der Insel geben, denn weder Emily noch Isabella oder der Junge im Wald lassen sich durch Smokey und/oder Jacob gänzlich erklären. Oder sagen wir so: Jede Erklärung würde viele Wenn’s und Aber’s enthalten und ich halte es hier einfach mal mit Ockhams Rasiermesser.

Als nächstes taucht „Samuel“ selbst bei Ricardo auf, festigt dessen Glauben, dass die Insel die Hölle und er tot sei, und befreit ihn mit den Worten: „It's good to see you out of those chains.“ Das erklär ich auch nicht weiter, denn jedem, der da keinen Aha-Effekt hatte, ist nicht mehr zu helfen.

Ricardo kommt nun also ins Gespräch mit dem Mann in Schwarz, der ihn dazu überredet, Jacob aufzusuchen und umzubringen. Die drei Gespräche – sowohl die zwischen Ricardo und MiB bzw. Jacob als auch das zwischen Jacob und MiB selbst – laufen für uns als Zuschauer auf drei Ebenen ab: Handlungsebene, Informationsebene und Subtextebene. Die Handlungsebene ist ziemlich offenkundig: sowohl MiB als auch Jacob versuchen Ricardo auf ihre Seite zu zeihen und den anderen als (vermeintlichen) Lügner zu entlarven. MiB möchte, dass Ricardo Jacob in dem Glauben, er sei der Teufel und habe Isabella verschleppt, tötet. Hierbei gibt er Ricardo den gleichen Rat, den Dogen Sayid gab, als der MiB töten sollte: Er dürfe ihn unter keinen Umständen sprechen lassen, sondern müsse ihn zuvor mit einem Messer töten. Merkwürdig, nicht wahr? Mit Ben hat Jacob gesprochen und dennoch hat der ihn getötet. Jacob wiederum streitet die Unterstellungen Ricardos ab und „tauft“ ihn etwas unsanft, um ihn davon zu überzeugen, dass er lebt. Danach klärt er ihn über den Stand der Dinge auf und bietet ihm einen Job an. Später treffen sich MiB und Jacob – hier findet letztlich nicht wirklich viel Handlung statt – die zwei machen einfach reinen Tisch miteinander.

Soweit die Handlungen – doch viel interessanter sind die anderen zwei Ebenen. Ich teile die Informationen, die wir erhalten, und die zugehörigen Analysen mal in Gruppen auf, um es etwas übersichtlicher zu gestalten:

Informationen über MiB:

1. Von ihm selbst: Er gibt zu, er sei der schwarze Rauch. Ferner gibt er auch Ricardo gegenüber vor, Jacob habe ihn betrogen, ihm seine Menschlichkeit und seinen Körper genommen. MiB will die Insel verlassen und braucht Ricardos Hilfe dabei.

2. Von Jacob: Jacob sagt, der Mann in Schwarz glaube, dass jeder Mensch korrumpierbar sei und es in seiner Natur liege, zu sündigen („That man who sent you to kill me believes that everyone is corruptable because it's in their very nature to sin.“) Dieser Information können wir vertrauen, denn es entspricht exakt dem, was MiB gegenüber Jacob selbst sagt („They come, they fight, they destroy, they corrupt – it always ends the same“). Letztlich widerspricht das der Annahme, dass MiB böse wäre, denn dann würde ihn das Böse an den Menschen nicht stören. Er hält die Menschen aber für unmoralisch, egoistisch und destruktiv. Wenn der Korken aus der Flasche gezogen würde, wäre das Böse entfesselt und MiB könnte beweisen, dass die Menschen alle korrumpierbar sind, wenn keiner von ihnen dem Bösen widerstehen könnte. Anders als Jacob greift er aktiv ein, wie Ricardo richtig feststellt, aber MiB kann das auch, denn er will ja nicht beweisen, dass die Menschen nie gut handeln, sondern nur, dass jeder von ihnen sündigt, wenn die Situation es erfordert und Ricardo ist da ein ideales Versuchsobjekt, denn er tat etwas, von dem er selbst MiB gegenüber sagt, dass er weiß, dass es falsch ist/war, um Isabella zu retten: er hat gemordet.

3. Als Subtext aus den Handlungen und Gesprächen der beiden miteinander: Er bittet stets, lässt die Wahl und gibt keine Anweisungen – passt eher zu Jacob, oder? Ebenso passen auch der Vorwurf „der Teufel“ habe ihm seinen Körper geraubt und der Deal mit Dogen, von dem der Sayid erzählte, eher zu „Samuel“ als zu Jacob. So unwahrscheinlich es auch ist, so würde ich mich ärgern, diese Hypothese nicht in den Raum gestellt zu haben: Hat MiB Jacobs Körper genommen und ihn in seinem eingeschlossen? Ich wüsste auch noch nicht wie sich das ins große Ganze einfügen sollte, aber der Verdacht liegt nahe.

Zurück zu dem, was wir über MiB aus dem Subtext erfahren: Er will die Insel verlassen und zwar um jeden Preis, selbst wenn er dafür Jacob und alle Kandidaten töten muss – das Problem: er selbst kann nicht Hand an sie legen. Warum aber hält Jacob ihn fest? Es scheint weniger so zu sein, dass der Mann in Schwarz gehen will, um die Menschen zu korrumpieren und ihnen zu schaden. Er klingt mehr wie jemand, der das alles einfach leid ist. Er hat schlichtweg keinen Bock mehr, Babysitter für die Insel zu spielen. So langsam glaub ich deshalb auch, dass MiB die Insel beschützen soll und Jacob wiederum aufpasst, dass er genau dieser Aufgabe auch nachkommt: „Quis autem custodiat ipsos custodes?“ (Juvenal) = „Wer aber soll die Bewacher selbst bewachen?“ Auch bekannt als: „Quis custodiet custodes?“ oder Englisch: „Who watches the Watchmen?“

Eine andere Möglichkeit wäre noch, dass MiB tatsächlich die Inkanation alles Bösen ist und sein Zuhause nur erreichen kann, wenn er zuvor die Flasche öffnet oder den Korken in ihr versenkt.

Informationen über Jacob:

1. Von MiB: MiB behauptet von Jacob, er sei der Teufel und habe ihn, also MiB, ausgetrickst, ihm Körper und Menschlichkeit genommen und hielte ihn hier in der Hölle fest. Auch gibt er vor, gesehen zu haben, wie Jacob Isabella verschleppte. Als Ricardo nach seinem Treffen mit Jacob zu „Samuel“ zurückkehrt, gesteht dieser Ricardo zu, Jacob könne sehr überzeugend sein („I understand. He can be very ... convincing.“).

2. Von Jacob selbst: Jacob stellt sich Ricardo mit seinem Namen vor. Er erklärt Ricardo die Insel (s.u.) am Beispiel einer Weinflasche (s.u.) und offenbart, dass er Menschen – so wie auch Ricardo und die Crew der Black Rock – auf die Insel hole, um zu beweisen, dass MiB falsch liege. Will er das beweisen, kann er nicht eingreifen, denn Sinn und Zweck des Unterfangens ist es ja, die Menschen an einen Ort zu bringen, wo sie ohne jegliche gesellschaftliche und rechtliche Normen und Vorgaben neu beginnen können. Auf der Insel ist man einzig und allein dem eigenen Gewissen verpflichtet und so zeigt sich, wie die Menschen wirklich sind. Sobald Jacob ihnen sagen würde, was sie zu tun und zu lassen haben, wäre wieder eine höhere Macht/Autorität da, die alles regelt. Jacob stupst die Menschen zwar mal an, um sie auf die Insel zu bringen, aber dort angekommen, sehen die Menschen ihn – mit Ausnahme von Richard – nicht wieder. Hat er deshalb zugelassen, dass „Samuel“ ihn tötet, weil er erkannt hat, dass er nur gewinnen kann, wenn er gar nichts mehr beeinflusst und die Menschen aus eigenem Antrieb den Versuchungen „Samuels“ widerstehen? Jacob nimmt eine Funktion wie Gott ein: Er ist da, lässt den Menschen aber den freien Willen. Er sagt niemandem, was er zu tun oder zu lassen hat. Dann wäre MiB der Satan (im talmudischen und nicht im christlichen Sinne), denn er verführt die Menschen, will belegen, dass sie böse sind.

3. Als Subtext aus den Handlungen und Gesprächen der beiden miteinander: Jacob ist da, damit MiB nicht gehen kann. Anscheinend verhindert er damit aber auch, dass der Korken aus der Flasche fliegt, also dass das Böse entfesselt wird. Wie schon gesagt: „Quis custodiet custodes?“ Jacob scheint, keinen direkten Einfluss auf den Korken auszuüben, sondern lediglich indirekt über die Kontrolle über „Samuel“ den Wein am Entfleuchen zu hindern. Außerdem erfahren wir über Jacob durch sein Handeln, dass er, wäre er nicht Inselhüter geworden, auch eine Karriere als Kickboxer hätte anstreben können.

Informationen über die Insel:

1. Von MiB: Die Insel selbst ist – laut MiB – die Hölle und somit ein Gefängnis. Der Teufel (Jacob) ist der Gefängniswärter, der MiB nun hier festhält. Aussagen wie „alle sind tot“ und „die Insel ist die Hölle“ haben wir schon allzu oft gehört – nur komisch, dass wir sie nun ausgerechnet von Ricardo zu hören bekommen, was wohl beweist, wie erschüttert sein Glauben in Jacob ist.

2. Von Jacob: Laut Jacob ist die Insel selbst nicht die Hölle, sondern der Hölle nur sehr nahe, da sie die letzte Bastion vor der Welt des Chaos ist. Der Vergleich mit dem Wein brachte mich aber wieder auf einen Gedanken zurück, den ich vor langer Zeit schon hatte: Die Alten Ägypter gingen ja davon aus, dass vor allem anderen das chaotische Gewässer Nun, der Urozean, existierte, der dann von Atum an den Rand aller Existenz verdrängt wurde, als er die Welt schuf. Diese Schöpfung beginnt mit einer Insel: dem Urhügel, der sich als Erstes aus den Tiefen des Nun erhob. Und jetzt denkt mal an den Tempel zurück: Über dem Heilquell steht in Hieroglyphen „das urzeitliche Wasser des Nun“ und dieses Wasser verfärbt sich nach Jacobs Tod, wird trübe. Hat der Korken mit Jacobs Tod ein Leck und das Chaos des Nun beginnt hinauszuströmen? Dann wäre da noch das Relief unter dem Tempel mit dem Rauchmonster und Anubis. Meine Theorie wäre daher nun folgende: Die Insel ist der Urhügel, der sich aus Nun erhob bzw. von Atum erhoben wurde. Hier befindet sich der Eingang zurück in die Welt des Chaos, in die Unterwelt, Hölle, Duat, Thartaros, Nun – nennt es wie ihr wollt – und deshalb muss der Hügel bewacht werden. Die Frage ist nur, ob Jacob nun selbst Anubis ist oder dessen Nachfolger (wer sagt uns, dass vor Jacob nicht schon andere diesen Job hatten, wenn auch er ersetzt werden kann). Oder ist das Monster Anubis und Jacob ist Atum/Ra, der in verpflichtete, zu wachen?

3. Als Subtext aus... na, ihr wisst schon: Auch wenn Jacob es nie so direkt ausspricht, so scheint die Insel doch, eine Art Testgelände oder Spielfeld zu sein.

4. Aus Ricardos eigenen Erlebnissen und Erkenntnissen: Ricardo hat dem Mann in Schwarz wohl nie gänzlich geglaubt, sonst hätte er bei Jacob nicht solche Angst gehabt, sterben zu können. Aber ihm ist auch klar, dass die Insel ein ungewöhnlicher Ort ist und hier Dinge jenseits der Vorstellungskraft geschehen. Er steht nur vor dem selben Dilemma wie wir auch: Wem glaube ich? Um es mit den Worten von Volker Pispers zu sagen: „Die können nicht beide Recht haben. Aber sie können beide Unrecht haben – das ist es, was mich dann wiederum beruhigt!“

Sonstiges:

1. Der Stein: Unser guter alter Inside-Joke. So ganz hat noch keiner kapiert, was das sollte – vermutlich nicht einmal Jacob und „Samuel“ selbst^^ Nein, natürlich wissen die, was das zu bedeuten hat und vielleicht stehen diese Steine ja nicht nur für Jacob oder „Samuel“ als Individuen. Der weiße Stein könnte einfach für Jacobs Position stehen. Unklar sind in diesem Zusammenhang auch immer noch die Herkunft von Adam und Eva und die Bedeutung der Steine bei den beiden. Zumindest symbolisiert der weiße Stein wohl Jacob (oder zumindest seine Position) und der schwarze MiB. Als Ricardo MiB den weißen Stein gibt, soll ihn das wohl an irgendetwas erinnern. Aber was? Ganz ehrlich: ich habe keine Ahnung.

2. Der Wein: Muss ich jemandem die symbolische Bedeutung von Wein erklären? Sagen wir mal so: auf Hochzeiten ist Jacob mit seiner Wein-Story der absolute Bringer ;-). Nur erinnert der Wein in dieser alten Flasche mich wie schon gesagt auch an den Heilquell im Tempel. Unklar ist, woher MiB die symbolische Bedeutung des Weins kennt, wenn er die Flasche am Ende der Folge zerschmettert.

3. Die Gabe: Jacob lügt Ricardo scheinbar nicht an, doch wirkt es etwas verwunderlich, dass er angeblich nicht im Stande ist, ihm Isabella zurückzugeben, denn bei Dogens Sohn und Locke schien das ja geklappt zu haben. Auch kann er ihm keine Absolution erteilen, was daran liegen könnte, dass Ricardo – wie Jacob kurz zuvor andeutet – auf der Insel frei von Sünde ist und einen Neuanfang geschenkt bekommt. Auf der Insel wird man automatisch eine Tabula Rasa. Letztlich deutet aber vieles daraufhin, dass Jacob Ricardo diese Wünsche gar nicht erfüllen will, sondern er auf den dritten Wunsch wartet, mit dem er Ricardo an sich bindet – das nenn’ ich Ben’sche Verhandlungsstrategie.

4. Schicksal gegen freier Wille: Sowohl Jacob als auch „Samuel“ weisen immer wieder auf die Wahlmöglichkeiten hin. Es ist also ganz offenkundig von entscheidender Bedeutung, dass sie zwar lenken und manipulieren, jedoch niemanden zu etwas zwingen dürfen.

5. Einmischung und Nichteinmischung: Hier kommt wieder das Gott-Satan-Motiv sehr klar zum Vorschein. Gott agiert über Boten (Engel) und Satan greift selbst ins Geschehen ein, um die Menschen zu prüfen, was er teilweise sogar in Gottes Auftrag tut. Jacob hat auch seine Boten/Engel: Ben agiert wie Michael – er ist Jacobs oberster Vollstrecker und führt jeden Auftrag gewissenhaft aus, ohne ihn zu hinterfragen. Richard (und später Hurley) nimmt im weitesten Sinne die Rolle Gabriels ein und fungiert als Gottes Mittler zwischen ihm und den Menschen oder anderen Engeln/Boten. Ilanas Aufgabe ist es zu beschützen, was sie mit Raphael vergleichbar macht. MiB wiederum ist der gefallene Engel, welcher sich von Gott/Jacob betrogen fühlt und ihm beweisen will, dass die Menschen schlecht sind.

6. Magic Box: Die fiel mir gerade wieder ein, denn irgendwie sind Jacob und MiB ja genau das, was Ben mit seiner „Magic Box“ beschreibt: Man wünscht sich etwas und es wird wahr.

So, ich denke bezüglich der Flashbacks war es das im Wesentlichen. Bliebe noch Richards Wanderschaft zu jenem Lagerplatz, wo er einst Isabellas Kette, die MiB ihm zurück gab, vergraben hat. Er will das Angebot, das er bereits zweimal ausschlug, nun doch annehmen. Doch vor MiB erscheint Hurley auf der Bildfläche. Der hat sich schon am Strand mit jemandem auf Spanisch unterhalten. Jack nahm an, es wäre Jacob, doch wie wir nun erfahren war es – Surprise! Surprise!: Isabella. Wo ich gerade den Anfang des Transcripts noch mal lese: Irgendwie komisch, dass ausgerechnet Jack meint, Richard habe den Verstand verloren... wer im Glashaus sitzt...ihr wisst schon.

Zumindest sagt Hurley Ricardo alles, was Isabella so sagt und fungiert dabei als Dolmetscher für uns und Medium für Isabella und Richard zugleich. Doch dann erklärt Hurley, sollte Richard keinen Weg finden, den Mann in Schwarz aufzuhalten, werden alle zur Hölle fahren.

Und mit dieser herrlich morbiden Vorstellung verabschiede ich mich für diese Woche erst mal. Schönen Sonntag! Jenen unter euch, für die das zutrifft, wünsche ich ferner schöne Osterferien!

Namaste!

Dienstag, 9. Februar 2010

Ille qui nos omnes servabit

Puh, das war knapp, aber ich hab's geschafft:


LA X – Review, dritter Teil von VIER

Ich erinnere mich daran einmal scherzhaft geäußert zu haben, dass man „What lies in the shadow of the Statue?“ durchaus auch mit „Was lügt im Schatten der Statue?“ übersetzen könnte und der einzige, der im Schatten der Statue lebt, liegt und lügt ja Benjamin Linus wäre. Derzeit ist Ben aber tatsächlich ein sehr wahrscheinlicher Kandidat für die Antwort auf diese Frage, denn im Schatten der Statue halten sich derzeit nur fünf Männer auf, die überhaupt nur ansatzweise in Frage kämen: Jacob, John Locke, Richard Alpert, Benjamin Linus und ein Typ, der aussieht wie John Locke, aber nicht John Locke ist – ich nenne ihn aus Gewohnheit mal weiter „Samuel“, da wir seinen wahren Namen immer noch nicht kennen.

Für Jacob gilt derzeit wahrlich „Asche zu Asche“, denn er ist binnen vier Minuten restlos verbrannt. Hat was von Jedi-Bestattungen, aber auch von der Bestattung von Colleen. Es dürfte wohl einige gute Gründe geben, weshalb die Anderen die Leichen ihrer Toten verbrennen: 1. Bislang scheint „Samuel“ nur Formen von Menschen annehmen zu können, deren Leichname intakt sind und sich auf der Insel befinden. 2. Unter Umständen glauben die Anderen, dass nur so der Weg ins Jenseits sicher ist. Das widerspricht allerdings krass den ägyptischen Totenriten, bei denen der Leichnam als Haus der Seele für die Ewigkeit halten musste. Also, Jacob ist derzeit einigermaßen tot und daher kein sehr wahrscheinlicher Kandidat für den, „der uns alle retten wird“. Obgleich man festhalten sollte: sein Tod könnte ihn mächtiger gemacht haben. Noch etwas, das einen irgendwie an Good Old Ben Kenobi erinnert (mein zweitliebster Ben^^). Jacobs physische Form scheint sich ja wahrlich, restlos in Wohlgefallen aufgelöst zu haben.

Bleiben noch vier Kandidaten. John hat ein ganz ähnliches Handicap wie Jacob: er ist tot und da Jacob auch tot ist, könnte das mit der erneuten Wiederauferstehung (wie nach dem Sturz) problematisch werden. Nichtsdestotrotz schließe ich John nicht gänzlich aus, denn ich denke: er wird noch wichtig werden, auf die ein oder andere Weise.

„Samuel“ wird wohl kaum der sein, der alle rettet, denn im Moment scheint es so, als sei er jener, vor dem man alle retten müsste, was natürlich ein Mindfuck sein könnte.

Also bleiben bei Lichte betrachtet nur: Ben und Ricardus. Ben befindet sich noch unter der Statue und da er ja – wie wir alle wissen – der Adrian Veidt (für alle, die „Watchmen“ nicht gelesen haben: der intelligenteste/klügste Mann der Welt) von „Lost“ ist, ist ihm schon längst aufgefallen, was uns ein knappes Jahr lang beschäftigt hat: Wieso hat Jacob nichts unternommen, um Ben daran zu hindern, ihn zu töten? „Samuels“ Antwort ist wenig zufriedenstellend und entspricht wohl vor allem dem, was er sich selbst einredet, da die Alternative, ihm durchaus Angst machen sollte. Ob „Samuel“ aber seinen größten Fehler schon begriffen hat, ist überaus zweifelhaft: er hat sich den einzigen Menschen zum Feind gemacht, der intelligent und willensstark genug ist, um ihm ernsthaft gefährlich zu werden. Er und Jacob haben mit Ben ein Monster erschaffen, dass sie nicht mehr kontrollieren können. Jacob dürfte eingeplant haben, dass sich seine Schöpfung gegen ihn wendet und es ihm ergeht wie dem „modernen Prometheus“ (ui, eine Review mit mehrdeutigem Subtext... auch mal was neues). Vielleicht ging es Jacob bei Ben mitunter ja sogar darum, dass Ben von „Samuel“ benutzt wird, dies erkennt und Rache nimmt, denn derzeit ist er der einzige, dem ich zutrauen würde „Samuels“ Achillesferse zu finden und auszunutzen. Ein Teil dieser Achillesferse ist es auf jeden Fall, dass er Ben unterschätzt. Ich glaub Ben lässt „Samuel“ ganz bewusst in dem Glauben, er würde auf seiner Seite stehen, denn so beginnt „Samuel“ sich im Verlauf der Episode immer mehr zu verraten. Er vertraut sich Ben an und Ben saugt die Informationen auf wie ein Schwamm und irgendwann wird er sie gegen „Samuel“ verwenden.

„Samuel“ schickt Ben, Richard holen (unter Jacob war das mal andersrum). Der befindet sich derweil in einem hitzigen Streit mit Ilana, die gekommen ist, um Jacob zu retten. Ich würde mal meinen: Die einzigen Bodyguards, die ihren Job je schlechter gemacht haben, waren die von John F. Kennedy. Allerdings wage ich doch stark zu bezweifeln, dass Jacob überhaupt gerettet werden wollte. Nur hätte es den Anschein gehabt, als ob er seinen Tod selbst mitgeplant hätte, wäre „Samuel“ ihm kaum in die Falle gegangen, von der wir ja noch immer annehmen können, dass es sie gibt.

Ilana sagt Richard, dass Jacob sie und ihre Männer eingeladen hätte. Richard erwidert hitzig: „Asking me what's in the shadow of the damn statue doesn't mean you're in charge.“ („Mich zu fragen, was im Schatten der Scheiß-Statue liegt, macht dich nicht zum Chef!“) – „Then who is?“ („Wer ist es dann?“), will Ilana wissen und die Antwort kommt prompt, denn genau in dem Moment taucht Ben auf und ruft: „Richard!?“ Die offensichtliche Deutung wäre, dass Richard nun „in charge“ ist, denn das ist es schließlich, was Ben sagt. Andererseits taucht Ben genau in dem Moment auf, in dem Ilana fragt. Es gibt als letztlich zwei Möglichkeiten den Subtext dieser Szene zu lesen.

Ben sagt Richard und Ilana natürlich nicht die Wahrheit über Jacobs „Zustand“, wobei „Well, of course Jacob's all right.“ („Na schön, natürlich geht es Jacob gut!“) womöglich sogar den Tatsachen entspricht, denn so gesehen, geht es Jacob ja durchaus gut – er macht beim Gespräch mit Hurley doch einen recht munteren Eindruck ;-).

Richard zerrt Ben, als der wiederholt daraufhin weist, dass John ihn sprechen wolle, zu Johns Leiche und Ben ist sichtlich erschrocken – weit mehr als er John auf der Insel quicklebendig an seinem Krankenbett sah.

Ben kehrt gefolgt von Bram und Co unter die Statue zurück. „Samuel“ sagt Bram und seinen Leuten, sie wären doch nun, da Jacob tot ist, frei. Es gäbe nichts mehr für sie zu tun. Daraufhin kommt es zum Kampf zwischen „Samuel“ und Jacobs Bodyguards. Bram kann Smokey durch einen Aschekreis erst noch zurückhalten, doch gelingt es Smokey den Bannkreis zu beschädigen und auch Bram zu töten. Man sagt, der Teufel könne nur über Ecken eindringen – ein Kreis hat keine. Es kann aber kaum an der Kreisform liegen, denn im Tempel wird die Asche nicht in Kreisen ausgelegt, sondern vor den Toren zum Tempel verstreut. Allerdings ist der Tempel bzw. dessen Mauer recht groß... könnte die Mauer zusammen mit der Asche vor den Toren am Ende einen Kreis bilden? Bram könnte den Kreis aber auch gewählt haben, weil es die „einfachste“ Fläche ist, die man auf die Schnelle um sich streuen kann – vermutlich hätte es ein Parallelogramm auch getan.

Bemerkenswert ist auch Smokeys Farbe. Während das Rauchmonster in den ersten drei Staffeln pechschwarz war, wirkte es erstmals in „The Shape of Things to Come“ heller und irgendwie „fluffiger“ – ein Trend, der sich in Staffel 5 fortsetzte. „Samuel“ wirkt in seiner Rauchform nun annähernd weiß. Könnte das bedeuten, dass ich zwar bezüglich der Existenz von zwei Monstern richtig lag, aber nicht „Samuel“ das schwarze und Jacob das weiße ist, sondern umgekehrt? Klar, man würde Jacob eher weiß und „Samuel“ eher schwarz zuordnen wollen, aber: das richtig schwarze Monster tötete definitiv nur Eko, nachdem dieser keine Reue gezeigt hatte. Schwarz ist außerdem die Farbe von Anubis, den wir auf dem Relief in „Dead is Dead“ vor dem Monster sehen. Weiß kann wiederum auch „negative“ Aspekte haben – in einigen Ländern ist Weiß die Farbe des Todes und nicht Schwarz. Die Anderen tragen bei Trauerfeiern ebenfalls weiße Hemden, wie das von Jacob... alles sehrverwirrend.

Zumindest sind Ben und „Samuel“ nun wieder allein unter der Statue und sprechen sich jetzt mal richtig aus... was letztlich bedeutet, dass Ben „Samuel“ reden lässt, während der den klassischen Film-Schurken-Fehler begeht und Teile seines Planes offen legt und auch andere Geheimnisse mitteilt.

Nehmen wir den Dialog mal Satz für Satz auseinander:

„What are you?“ – „I’m not a What, Ben, I’m a Who!“ („Was bist du?“ – „Ich bin kein Was, Ben, sondern ein Wer!“) Schon das erste Missverständnis, würde ich meinen, denn Bens Frage war durchaus richtig: Was ist dieses Wesen? Wer Er im wesentlichen ist, ist Ben, wie seine nächste Äußerung noch mal untermauert, eindeutig bewusst. Ich könnte mir aber denken, dass „Samuel“ Ben falsch verstehen möchte, so lässt er bereits hier eine Schwäche durchblicken, die er im nächsten Satz untermauert: „You’re the monster.“ – „Let's not resort to name-calling.“ („Du bist das Monster.“ – „Lass uns nicht wieder mit Beschimpfungen anfangen.“) Es gefällt „Samuel“ also ganz und gar nicht als „das Monster“ gesehen zu werden. Ben hat also schon einen Schwachpunkt gefunden, den er sich obendrein mit ihm teilt: sie beide hassen es, wie die Menschen sie sehen – als Monstren, die sie nicht sind, nie sein wollten. Ben spricht als nächstes etwas aus, was ihn beinah verrät, doch die Feststellung, der Vorwurf hängt sowieso schon unausgesprochen im Raum: „You used me! You couldn't kill him yourself, so you made me do it.“ („Du hast mich benutzt! Du konntest ihn nicht selbst töten, also hast du mich dazu gebracht, es zu tun.“) Ben spricht offenkundig von Jacob und klagt „Samuel“ an, lässt durchblicken, dass Ben begriffen hat, dass „Samuel“ ihn ebenso ausgenutzt hat wie Jacob – nur mit dem Unterschied, dass „Samuel“ Jacobs Verhalten gegenüber Ben als Vorwand für Ben wählte, Jacob zu töten. Wenn sich da mal einer nicht selbst sein Grab geschaufelt hat. Ben hat ja recht: er ist „Samuels“ Loophole und „Samuel“ hat Ben eiskalt benutzt, ihn die Drecksarbeit machen lassen, wie Jacob zuvor. Doch wirklich interessant wird’s erst jetzt:

„I didn't make you do anything. You should know, he was very confused when you killed him.“ („Ich habe dich zu rein gar nichts gebracht. Du solltest wissen, dass er sehr verwirrt war, als du ihn getötet hast.“) Ups, „Samuel“, ich hoffe mal das war Absicht. Egal, ob „Samuel“ klar war, dass Ben von Jacob sprach oder nicht, jetzt hat er sich verplappert, denn wie er gleich sagt, redet er von John und nicht von Jacob. Doch was sollte Ben auf den Gedanken bringen, “Samuel“ habe ihn dazu gebracht John zu töten? Hat „Samuels“ schlechtes Gewissen ihn hier verraten, weil er in Wahrheit tatsächlich Ben dazu gebracht hat, John zu töten? Es würde ja nur allzu perfekt ins Muster passen. Schließlich hat vor allem „Samuel“ von Johns Tod profitiert und Ben selbst leidet – wie diese Szene wiedereinmal überdeutlich zeigt – sehr unter seiner Tat. Wer oder was könnte Ben außer „Samuel“ zu dem Mord an John bewegt haben? Von wem, wenn nicht von „Samuel“, hätte Ben sonst wissen sollen, dass John sterben musste, damit sie zurückkehren konnten?

Ben geht aber zunächst noch davon aus, es wäre von Jacob die Rede und erwidert: „I seriously doubt that Jacob was ever confused.“ („Ich bezweifle ernsthaft, dass Jacob jemals verwirrt war.“) Dem kann man letztlich nur zustimmen und somit wirkt es noch zweifelhafter, dass Jacob nicht alles genauso geplant haben sollte. „Samuel“ macht nun gegenüber Ben den gleichen Fehler wie gegenüber Jacob: Hybris. Er wiegt sich selbst in Sicherheit, hält sich für überlegen und läuft seinem Gegner so ins offene Messer. Genau wie gegenüber Jacob gibt er Dinge preis, die er lieber für sich behalten hätte, weil er sich einbildet, seinen Gegenüber so einschüchtern zu können:

„I'm not talking about Jacob. I'm talking about John Locke. Do you wanna know what he was thinking while you, choked the life outta him, Benjamin? What the last thought that ran through his head was? ‘I don't understand’. Isn't that just the saddest thing you ever heard? But it's fitting in a way, because when John first came to the Island, he was a very sad man. A victim, shouting at the world for being told what he couldn't do, even though they were right. He was weak, and pathetic, and irreparably broken. But, despite all that, there was something admirable about him. He was the only one of them that didn't wanna leave. The only one, who realized how pitiful the life he'd left behind actually was.“ („Ich rede nicht von Jacob. Ich rede von John Locke. Willst du wissen, was er dachte, während du das Leben aus ihm raus gewürgt hast, Benjamin? Was der letzte Gedanke war, der ihm durch den Kopf schoss? ‚Ich verstehe das nicht’. Ist das nicht das Traurigste, was man je gehört hat? Aber es passt ja irgendwie ins Bild, denn, als John erstmals auf diese Insel kam, war er ein überaus trauriger Mann. Ein Opfer, das die Welt anklagt für das, von dem man ihm sagte, er könne es nicht tun, selbst wenn sie recht hatten. Er war schwach, erbärmlich und irreparabel gebrochen. Aber, abgesehen davon, gab es auch etwas bewundernswertes an ihm. Er war der einzige unter ihnen, der nicht gehen wollte; der einzige, der erkannt hatte, wie leidvoll das Leben war, das er zurückgelassen hatte.“) Bis af die letzten zwei Sätze trifft das wohl auch auf Ben – und vielleicht sogar auf „Samuel“ selbst – zu. Es zeigt sich, dass „Samuel“ für John trotz allem einige Sympathien hegte, ihn aber gleichzeitig für seine Schwächen und sein Selbstmitleid verachtete. Er versucht, Ben ein schlechtes Gewissen zu machen, was aber nicht so recht gelingen will – vermutlich, weil er schon längst eines hat. Zumindest wird überdeutlich, wieso „Samuel“ gerade John ausgewählt hat: weil er schwach war, erbärmlich, frustriert vom Leben. Ben geht ebenso wenig auf „Samuels“ Ausführungen ein wie jener zuvor auf Bens Fragen und sagt daher:

„What do you want?“ („Was willst du?“) Ah, das ist wohl die große Preisfrage. Wollen Sie einen Telefonjoker oder das Publikum befragen?

„Well that's the great irony here, Ben, because, I want the one thing that John Locke didn't: I want to go home.“ („Ja, das ist die große Ironie hier, Ben, denn ich will die eine Sache, die John Locke nicht wollte: ich will nach Hause gehen.“) Soso, der feine Herr, will also nach hause gehen. Unterscheidet ihn das wirklich von John? John hielt die Insel doch irgendwo für sein Zuhause – „Samuel“ hat John wohl nicht so gut verstanden wie er sich einbildet. Vermutlich hat Jacob ihn also daran gehindert nach hause zu gehen, ihn auf der Insel festgehalten oder ihn von einem bestimmten Ort auf der Insel ferngehalten. Es wurde oft gemutmaßt, sein Zuhause wäre der Tempel selbst. Ich denke offengestanden viel eher, dass sein Zuhause durch den Tempel erreicht werden kann und es sich um einen Ort der spirituellen, jenseitigen Welt handelt und die Insel bzw. der Tempel eine Art Portal zwischen Diesseits und Jenseits bildet, aber gleichzeitig auch „Samuels“ Gefängnis war und Jacob sein Wächter. Oder aber Jacob und „Samuel“ wurden mit der Aufgabe betraut, die Insel zu bewachen und „Samuel“ ist es leid. Ich äußerte an anderer Stelle ja bereits, dass mich die beiden etwas an die zwei Engel erinnern, die am Tor des Garten Eden Wache halten, bis die Menschen wieder zurückdürfen. Der Baum des Lebens könnte ja auch durchaus metaphorisch für den Jungbrunnen/Heilquell im Tempel stehen.

Bemerkenswert finde ich auch, dass in der ganzen Doppelfolge (in dem Gespräch zwischen Ben und „Samuel“ wird das besonders deutlich) wie auch schon in der Eröffnungssequenz von „The Incident“ beharrlich vermieden wird, uns „Samuels“ wahren Namen zu offenbaren. Dafür kann es so gesehen nur einen logischen Grund geben: dieser Name würde uns etwas verraten – entweder weil er in der Serie schon fiel oder aber weil er mythologischen Ursprungs ist und uns eine signifikante Information über die wahre Natur „Samuels“ geben würde.

Kommen wir nun zur letzten Szene an der Statue: „Samuel“ zeigt sich wieder am Strand und alle nehmen die Gewehre hoch, doch Richard befielt ihnen, nicht zu schießen. Dann tritt „Samuel“ vor Richard und sagt ihm: „Hello Richard. It's good to see you out of those chains.“ („Hallo, Richard. Tut gut, dich außerhalb dieser Ketten zu sehen.“) Ich habe das zunächst vor allem bildlich verstanden, da ich Richard (einfach aufgrund seiner ethnischen Herkunft) nicht als Sklaven an Bord der Black Rock sehe und außerdem das Gefühl habe, dass Richard schon lange vor der Black Rock auf der Insel war. Es könnte also einfach bedeuten, dass „Samuel“ Richard dazu gratuliert von Jacobs Knechtschaft befreit worden zu sein. Richards Reaktion lässt jedoch einen anderen Schluss zu, da er „Samuel“ nun erkennt und man wohl annehmen kann, dass die beiden sich schon verdammt lange kennen und Richard damals in Ketten lag. Mich beschleicht mittlerweile das Gefühl, dass Jacob, „Samuel“, Richard und auch Dogen den Beginn ihrer Geschichte teilen. Richard und „Samuel“ haben auf jeden Fall eine gemeinsame Vergangenheit.

Zur Feier des Tages haut „Samuel“ Richard mit Spocks Würgegriff (ich weiß der geht anders... und man muss ihn weiter oben ansetzen... „Ja, genau!“) K.O. Danach verkündet er, er sei mit allen sehr unzufrieden. Meint er die Anderen oder vielleicht doch eher die gesamte Menschheit? Mit etwas Glück erfahren wir die Antwort in wenigen Stunden. Deshalb wünsche ich euch schon mal richtig viel Spaß bei dem, was Kate so tut, und sage bis dahin:

NAMASTE!