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Samstag, 31. Oktober 2009

Happy Halloween!

Lost Halloween Special

Heute ist es endlich soweit: Halloween. Und ich dachte mir warum nicht zur Abwechslung mal ein kleines Halloween-Special – zum einen weil ich mal etwas Zerstreuung von den Reviews brauchte und zum anderen weil ich sowieso schon seit Wochen überlege, was ich an Halloween, Weihnachten und Silvester für das Blog machen will. Auch wenn es eigentlich überflüssig zu sagen ist: Dieses kleine Special ist auch als Fan-Fiction absolut nicht ernst zu nehmen, ganz im Gegenteil: es ist viel mehr eine Parodie oder gar ein Pastiche und daher im klassischen „Lost“-Stil mit Rückblenden, Querverweisen, Enthüllungen und allem was sonst so dazu gehört gehalten. Deshalb werden zwangsläufig auch ernste Töne angeschlagen, aber der Humor sollte am Ende doch nicht zu kurz kommen. Also, viel Spaß:



Bens Halloween




„Findest du es nicht etwas merkwürdig ein solches Brauchtum plötzlich wiederzubeleben, Dad?“, fragte Alex und sah Ben aufmüpfig an, wie sie es immer tat, wenn sie ihren Vater aus der Reserve locken wollte. Ben war wie immer sichtlich unbeeindruckt. Er saß ihr gegenüber am Esstisch und sah für seine Antwort nicht einmal von dem Roman auf, in dem er las.

„Ich habe dir bereits erklärt, dass wir es vor allem wegen Zach und Emma machen“, erwiderte er. „Es ist schwer genug für sie. Als du jünger warst bis du auch noch mit Karl um die Häuser gezogen.“

„Ja, um alle siebzehn“, entgegnete Alex schnippisch. „Ich hatte echt ’ne tolle Kindheit und jede Menge Freunde!“

„Ich garantiere dir“, setzte Ben an, machte eine gezielte Kunstpause, in der er den Stephen-King-Roman beiseite legte und die Brille abnahm, „deine Kindheit war um ein vielfaches besser als meine. Wenn mein Vater... .“

„Glaub bloß nicht, du wärst ein Bilderbuchvater gewesen, Dad“, zischte Alex.

„Wenn mein Vater mir Zuneigung vermitteln wollte, hat er die Bierdosen ausgetrunken, ehe er damit nach mir geworfen hat“, fuhr Ben fort. „Mein Vater war ständig besoffen, hat mich geschlagen und mir die Schuld am Tod deiner Großmutter gegeben. Selbst als man mich nach dem Vorfall an der Schwanbaustelle schwer verwundet im Dschungel fand, hatte dein Großvater nichts besseres zu tun, als mich, kaum dass es mir wieder besser ging, wegen irgendwelcher gestohlenen Schlüssel grün und blau zu schlagen.“

„Das hast du mir nie erzählt“, sagte Alex.

„Warum auch?“, fragte Ben. „Er ist seit zwölf Jahren tot.“ Ben schwieg und sah gedankenverloren zum Fenster, durch das er vage eine Kürbislaterne vor Juliets Haus ausmachen konnte. Ben sagte nicht, dass Roger der einzige Mensch war, den er wohl auch ohne Befehl von Jacob oder Charles früher oder später umgebracht hätte. Alex zweifelte sowieso schon an ihm, warum sollte er ihr diesen Abgrund seiner Seele offenbaren.



31.12.1976:

„Du gehst also als Transe im Bademantel?“, fragte Roger und trank einen weiteren Schluck Bier. Bens Vater lag quer über der Couch und sah seinen Sohn mit einer Mischung aus Belustigung und Abscheu an.

„Das ist Norman Bates, Dad“, erwiderte Ben. „Bei den gegebenen Möglichkeiten muss man sich schon was einfallen lassen.“

„Immer noch besser als letztes Jahr“, sagte Roger und drehte sich gelangweilt dem Fernseher zu. Ben überlegte kurz, was er letztes Jahr getragen hatte, während er in der Küche nach einem großen Messer suchte. Dann fiel es ihm ein und er konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als ihm das Gesicht seines Vaters wieder einfiel, als er mit einem Eyeliner in der Hand erklärt hatte, er ginge als Richard Alpert. Annie hatte sich über diesen Einfall köstlich amüsiert. „Pass auf, dass Radzinsky dich nicht erschießt“, hatte sie gesagt. „’Er ist einer der Feinde! Erschießt ihn! Erschießt ihn!’ Ich glaub irgendwann erwischt der sich mit seiner Schrotflinte noch mal selbst, so schießwütig wie er ist.“

Roger war aufgestanden, um noch ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Ben hielt jetzt ein großes, glänzendes Fleischermesser in der Hand.

„Komm bloß nicht auf dumme Gedanken“, meinte Roger, als er das Messer in Bens Hand sah. „Nachher bringst du mir noch die ganze Initiative um... wobei das eigentlich ein Dienst an der Menschheit wäre, diese Pfeifen allesamt zu vergasen.“ Den letzten Satz sprach er schon in den Kühlschrank, in den er auf der Suche nach Bier so tief hineinkroch, dass Ben die Hoffnung hegte, er würde drin festfrieren.

Es klopfte an der Tür.



„Es hat geklopft, Dad.“

„Ich hab’s gehört, Alex“, antwortete Ben und sah noch immer aus dem Fenster, einen Arm auf dem Tisch abgestützt, die Hand am Kinn.

„Willst du nicht aufmachen?“, hakte Alex ungeduldig nach.

„Doch, doch“, murmelte Ben und setzte seine Brille wieder auf. „Aber sie sollen ja nicht denken, man würde auf sie warten. Würde da nicht der Reiz von Halloween verloren gehen?“

„Wie du meinst“, erwiderte Alex und stand auf. „Aber ich kratz die Eier morgen nicht von der Fensterscheibe!“

„Warum? Hast du was gegen kostenloses Spiegelei?“, rief Ben ihr hinterher, als sie in ihrem Zimmer verschwand, und ging zur Tür. Draußen standen Zach, Emma und Karl.

„Alex ist in ihrem Zimmer“, sagte er an Karl gewand und sah ihm misstrauisch hinterher, als er an Ben vorbei ins Haus ging. „Und nun zu euch beiden.“

Zach und Emma sahen zu Ben auf. Er bemerkte, dass sie offenbar eingeschüchtert waren, vielleicht sogar Angst vor ihm hatten. Er hockte sich hin. Emma hatte einen spitzen, schwarzen Hut auf dem Kopf und war mit dem grauen Pullover, der roten Krawatte und dem überhaupt so schulmädchenhaften Outfit unschwer als irgendeine Figur aus Harry Potter zu erkennen. Ben wusste, dass die Bücher bei Alex im Schrank standen, konnte sich aber seit Jahren nicht überwinden, eines der Bücher zu lesen. Er würde ja nicht einmal offen zugeben Stephen-King-Fan zu sein. Zach trug zerschlissene Kleidung und hatte sich einen buschigen, zerrupften Bart angeklebt.

„Ich höre?“, sagte Ben. Die Kinder schwiegen verschüchtert. „Also, wer Lord Volde-was-auch-immer bekämpft, wird doch wohl vor mir keine Angst haben.“

„Es heißt ‚Voldemort’, aber den Namen darf man nicht sagen“, verkündete Emma.

„Wieso das nicht?“, fragte Ben.

„Eine Schande, dass jemand, der Harry Potters Brille trägt, das nicht weiß“, stichelte Alex und quetschte sich mit Karl im Schlepptau an ihrem Vater, der augenblicklich kerzengerade stand, vorbei.

„Wo wollt ihr hin?“, fragte Ben missmutig.

„Zu Karl nachhause“, erwiderte Alex. „Du hast ja keinen DVD-Player.“

„Wie? Wo? Was? Wozu?“, stammelte Ben, während Alex ihm genervt eine DVD-Hülle vor die Nase hielt.

„Hat Tom von seiner letzten Festland-Tour mitgebracht“, erklärte Karl. „Genau das richtige für den Halloween-Abend, Mr. Linus.“

Ben nahm die DVD aus Alex Hand und wusste mit einem Blick auf die Altersempfehlung, dass es zwar nichts brächte mit seiner Tochter darüber einen Streit vom Zaun zu brechen, aber auch dass er ein ernstes Wörtchen mit Tom sprechen musste.

„’Saw’?“, stieß er dann aus. „Wie ‚Säge’ oder wie ‚Sehen’? Immer diese nichtssagenden Titel, die nur aus einem englischen Wort bestehen. Da weiß keiner, was einen erwartet. Und wer zur Hölle ist Michael Emerson?“

„Ich würde mal tippen ein Schauspieler, wenn der Name dahinten drauf steht“, erwiderte Alex und riss ihrem Vater die DVD aus der Hand. „Und da es da um einen Killer mit Fable für Psychospielchen geht, ist es auch nicht viel anders als ein Spieleabend mit dir, Dad.“

„Ich lach mich tot“, entgegnete Ben.

„Ich wünschte dem wär’ so“, meinte Alex und zog mit Karl von dannen.

Ben seufzte und wandte sich wieder den Kindern zu: „Also? Was kann ich für... .“ Er überlegte und riet dann ins Blaue: „Was kann ich für Hermine Gra... .“

„Ich bin Ginny“, protestierte Emma.

„Machen Sie sich nichts draus, das hat keiner erkannt“, sagte Zach. „Sie hat nichts gefunden, um die Haare rot zu färben. Tom meinte, bei ihrem Namen wäre Hermine auch passender gewesen.“

Ben dachte kurz nach und beschloss dann, nicht nachzuhaken. Stattdessen wandte er sich an Zach, der mit seinem angeklebten, buschigen Bart, den langen Haaren und der zerschlissenen Kleidung aussah wie irgendein x-beliebiger Hinterwäldler: „Also, wenn Ginny und du, kleiner Landstreicher... .“

„Ich bin kein Landstreicher“, stieß Zach empört aus.

„Sondern?“, fragte Ben.

„Ich bin Jacob.“

„Woher willst du wissen, dass Jacob so aussieht?“, wollte Ben wissen.

„Etwa nicht?“, hakte Zach nach. „Oder wissen Sie etwa nicht, wie Er aussieht?“

„Doch, doch natürlich“, log Ben. „Du hast ihn schon ganz gut getroffen. Er wohnt ja einsam im Wald.“

„Siehst du, hab ich’s doch gewusst“, sagte Zach zu seiner Schwester und streckte ihr die Zunge raus. „Und du dachtest Jacob sei ein rasierter Jesus-Verschnitt mit weißem Hemd und Flip-Flops!“

„Aber warum sollte der mächtigste Mann auf diesem ollen Eiland aussehen wie eine Mischung aus Hinterwäldler und Werwolf?“, erwiderte Emma hitzig.

„Warum denn nicht?“, fauchte Zach. „Wahrhaft große Männer können sich das leisten!“

„Euch muss schon klar sein, dass es ohne Halloween-Parole keine Süßigkeiten gibt“, warf Ben ein. „Also? Ich höre?“



„Wenn ich noch einen Apollo-Schokoriegel bekomme, benutz ich das Messer doch noch“, sagte Ben mit einem Blick in die Tasche. Er und Annie waren jetzt etwa 42 Minuten unterwegs und an den acht Häusern, die sie bislang besucht hatten, hatten sie fast nur Schokoriegel der Apollo-Candy-Company bekommen.

„Lass das bloß nicht LaFleur hören“, tadelte ihn Annie.

„Wenn man vom Teufel spricht“, sagte Ben und deutete auf eine hochgewachsene Gestalt im Vampirkostüm, die auf sie zukam.

„Es könnte sein, dass dieser ‚Teufel’ dir früher oder später das Blut aussaugt, Harry Potter“, sagte James und öffnete den Mund, damit man die angeklebten Vampirzähne sehen konnte.

„Das ist Norman Bates“, stöhnte Ben und dachte: Wer um alles in der Welt ist ‚Harry Potter’?

„Wieso überrascht mich das nicht?“, erwiderte James.

„Was überrascht Sie nicht, Mr. LaFleur?“, wollte Annie wissen.

„Dass unser kleiner Mr. Spock sich als durchgeknallter Psycho-Killer verkleidet“, antwortete James, woraufhin Ben genervt die Augen verdrehte. „Er hat so was verschlagenes.“

„Glauben Sie also, dass ich Karriere als Trickbetrüger oder Dharma-Sicherheitschef mache?“, konterte Ben. „Denn andere Berufe, bei denen man verschlagen sein muss, fallen mir nicht ein!“

„Man muss ja nicht von Berufswegen verschlagen sein, Sméagol“, meinte James. „Ganz abgesehen davon könntest du auch Politiker werden oder Jurist. Oder aber du lernst was normales und verarscht die Leute dann in deiner Freizeit.“

„Bringen Sie ihn nicht auf dumme Gedanken“, warnte Annie. „Am Ende setzt er das noch in die Tat um.“

„Schwer auf dieser Insel“ erwiderte Ben. „Das schlimmste was ich machen könnte, ohne dass Mr. LaFleur es mitbekommt, wäre meinem Vater die Generalschlüssel zu klauen!“

„James!“, rief Juliet von weitem und kam dann näher. „Was machst du denn hier? Ich warte schon vier Minuten auf dich. Oh, Hallo, Ben! Annie!“

„Guten Abend, Miss Burke“, trällerten die beiden müde, als würden sie ihre Lehrerin in der Schule begrüßen.

„James, kommst du?“



„Richard!“

Er erkannte die Stimme und blieb abrupt stehen und drehte sich um, obwohl er eigentlich wichtigeres zu tun hatte.

„Was ist, Juliet?“, fragte Richard und trat an Juliets Haus heran.

„Hast du einen Moment Zeit?“ , erwiderte Juliet und machte klar, dass Richard unmöglich mit „Nein“ antworten konnte, weshalb er auch bis vors Haus kam und „Na, klar“ sagte.

„Lange nicht gesehen“, meinte Juliet. „Du hast dich gar nicht verändert.“

„Den Witz hat Ben schon vor 23 Jahren das erste Mal gemacht“, entgegnete Richard und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

„Du warst also bei meiner Schwester?“, wollte Juliet wissen und sah Richard eindringlich an.

„Ja“, bestätigte dieser und steckte einen Zettel in die Hosentasche, den er zuvor in der Hand versteckt hatte.

„Und sie ist wirklich gesund?“, hakte Juliet weiter nach.

„Ja, Jacob hat sie geheilt“, erklärte Richard.

„Wäre es möglich, dass auch von Ihm persönlich zu hören?“, fragte Juliet.

„Du weißt ganz genau, dass das nicht geht“, erwiderte Richard und sah zu Boden.

„Du kommst gerade von Ihm, nicht wahr?“, vermutete Juliet und fügte, als Richard leicht nickte, hinzu: „Neue Anweisungen für Ben?“

„Das wirst du Ben fragen müssen“, wich Richard aus.

„Warum ist er so besessen davon?“, fragte Juliet. „Von mir? Von dieser ganzen Geschichte mit Schwangerschaftskompliaktionen? Warum heilt Jacob sie nicht selbst, wenn es ihm so wichtig ist?“

„Jacob will dich nicht deswegen hier behalten“, gestand Richard. „Jacob hat dich erwählt, damit du einen ganz bestimmten Menschen rettest. Das mit den Babys ist mehr Bens ganz persönliche Besessenheit.“

„Aber wieso?“, stieß Juliet aus.

„Wegen seiner Tochter, natürlich“, erwiderte Richard.

„Wieso? Ist Alex schwanger?“, fragte Juliet ein wenig belustigt.

„Nein“, dementierte Richard und konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. „Das war vor Alex. Vor etwa 16 Jahren starb das erste mal eine Frau auf dieser Insel am Ende der Schwangerschaft. Das war vier Wochen nach Karls Geburt und etwa acht bevor Ben sich Alex’ annahm.“

„Wer war sie?“, fragte Juliet.

„Ihr Name war Annie“, erklärte Richard.



„Was für ein Problem hat der mit mir?“, beschwerte sich Ben. „Der guckt mich immer an, als würde er erwarten, dass ich ihn in einen Bärenkäfig sperre und mit ’nem Stock verprügel’!“

„Das bildest du dir ein“, versuchte Annie Ben zu besänftigen. „LaFleur verdächtig prinzipiell jeden. Außer Juliet und vielleicht noch Miles traut er keinem über den Weg. Sag mir mal lieber, ob wir als nächstes zu Chang, Lewis oder Goodspeed gehen?“

„Ich weiß nicht. Ich schätze mal, dass Dr. Chang und Horace bei der Feier sind, oder?“, sagte Ben.

„Also gehen wir zu den Lewis’“, beschloss Annie daraufhin.

„Aber ich klettre nicht in den Wandschrank“, erwiderte Ben und eilte Annie hinterher, die ihre Hand schon fast an der Tür hatte.

Jeanette Lewis öffnete ihnen die Tür.

„Ach, ihr zwei seid’s“, sagte Jeanette.

„Wen haben Sie denn erwartet, Mrs. Lewis?“, fragte Ben.

„Eigentlich hatte Amelia vor auf Charlotte aufzupassen, aber sie kommt wohl nicht“, erklärte Jeanette und sah sich draußen um, als wolle sie sich vergewissern, dass Amelia Rom nicht hinter irgendeinem Busch wartete. „David und ich wollten eigentlich noch zu der Feier.“ Ben dachte nur: Sag es nicht, Annie, sag es nicht! Aber natürlich sagte sie es: „Wir könnten Charlotte ja mitnehmen und wenn wir unsere Runde beendet haben, noch etwas auf sie aufpassen.



„Und weiter?“, bohrte Juliet. „Was war an Annie so besonders? Außer das sie die erste war? Oder... warte, Moment... soll, dass heißen... .“

„Ja“, bestätigte Richard. „Das erste Kind, was auf dieser Insel tot geboren wurde, war Bens Tochter. Die drei Personen, die Ben am meisten bedeuteten, starben alle durch Komplikationen am Ende der Schwangerschaft: seine Mutter Emily, Annie und seine Tochter Juliet.“

„Juliet?“, fragte Juliet ungläubig.

„Er wollte sie nach der Frau benennen, die ihm das Leben gerettet hatte“, erklärte Richard. „Ein Bild von ihr hängt noch immer in Bens Wohnzimmer. Als er zwölf war, wurde Ben angeschossen und ehe man ihn zu mir brachte, hat sie ihn behandelt, am Leben gehalten.“

„Von so etwas redet er ausgesprochen selten“, stellte Juliet fest. „Aber es erklärt einiges.“

„Du magst ihn nicht sonderlich, wie?“, fragte Richard.

„Wen?“

„Ben – du kannst ihn nicht leiden“, stellte Richard fest. „Tröste dich: die wenigsten tun das. Doch wir alle akzeptieren, dass Jacob ihn auserwählt hat und dass unser Überleben maßgeblich von seinem abhängig ist.“

„Aber kennst du die Kriterien nach denen Jacob ihn auserwählt hat?“, fragte Juliet.

„Ich stelle Jacob nicht in Frage, Juliet, das steht mir nicht zu“, wich Richard aus. „Niemandem steht das zu, nicht einmal Ben. Jacob hat einen Plan und er weiß, was er tut. Er ist überaus weitsichtig und niemand steht ohne Grund auf der Liste, auch du nicht.“



Es war schon nach Mitternacht, als Ben heimging. Einige Erwachsene waren noch auf der Party. Ben hatte die letzten vier Stunden mit Annie und Charlotte verbracht, bis Charlottes Eltern heim gekommen waren.

„Nettes Kostüm“, rief ihm ein Mann zu, der auf der Schaukel am Spielplatz saß. „War der Abend ertragreich?“

Ben trat näher. Der Mann war groß und schlank, doch von seinem Gesicht war kaum etwas zu erkennen – nicht so sehr weil es so dunkel war, sondern vor allem, weil das Kostüm des Fremden nur zwei schmale Schlitze für Augen und Mund frei ließ. Doch obwohl Ben nicht einmal erahnen konnte, wer der Mann war, kam er ihm merkwürdig vertraut vor, als kenne er ihn schon sein ganzes Leben.

„Es geht“, murmelte Ben und setzte sich neben den Mann auf die zweite Schaukel. „Ihr Mumienkostüm ist aber auch nicht schlecht, Sir.“

„Mumie?“, stieß der Mann empört aus. „Ich bin Osiris, der altägyptische Gott der... .“ Er sah in Bens misstrauisches Gesicht, die zweifelnden Augen. „Okay... es ist ’ne Mumie“, stöhnte der Mann und gab sich geschlagen. „Ich weiß, ist sicher nicht so ausgefallen wie Norman Bates, aber dafür aufwendiger.“

„Sie sind der erste, der das erkannt hat“, sagt Ben triumphierend und wollte dann wissen: „Haben Sie Ihr Kostüm selbst gemacht?“

„Aber selbstverständlich“, entgegnete der Mann. „Ich bin in diesen Bereichen einigermaßen begabt. In meiner Freizeit webe und knüpfe ich sogar Teppiche.“

„Tja, wenn Sie das Kostüm entworfen haben, können Sie wohl auch entscheiden, was es darstellt“, meinte Ben nun.

„Sehr richtig“, sagte Bens Gegenüber. „Ich mag dich, Benjamin. Du bist ein cleverer Bursche und wirst sicher einmal Großes leisten. Ich muss dann mal wieder. Die Pflicht ruft“ Er stand auf und dann hielt er Ben einen Schokoriegel hin.

„Danke“, sagte Ben, klang dabei aber überaus betrübt.

„Hey, Kopf hoch“, sagte der Mann und drückte Bens Kinn mit der linken Hand sanft nach oben. „Ich weiß, dass du dich einsam fühlst, doch manche Menschen sind nun einmal zum Leiden gemacht, deshalb gewinnen die Red Sox auch nie der Series. Doch wenn ein Mensch aus diesem Leid gestärkt hervor geht, kann er über sich selbst hinauswachsen.“



Richard klopfte an Bens Tür. Nach einer Weile wurde sie geöffnet.

„Neue Anweisungen von Jacob“, eröffnete Richard und gab Ben den Zettel, den er zuvor vor Juliet hatte verbergen wollen. Ben nahm den Zettel in die Hand und las ihn aufmerksam.

„Warum will Jacob, dass wir einen Zehnjährigen entführen, dessen Vater hier auf der Insel ist?“, wollte Ben wissen. „Wohl ist mir dabei nicht.“

„Ich bin nur der Bote, Ben“, erwiderte Richard.

„Ja, ich weiß“, sagte Ben. „Ich kümmere mich gleich morgen drum. Gute Nacht und... Happy Halloween!“

Samstag, 10. Oktober 2009

Was lange währt wird endlich... was auch immer^^

Tag 17 & 18 – 8.10.2009 und 9.10.2009:

Heute gibt es nun endlich mal zwei Reviews zum Preis von einer, weil die Folgen so nahtlos ineinander übergehen, dass mir ein zusammenhängender Text ganz sinnvoll erscheint. Das war die gute Nachricht. Die schlechte ist: Sonderlich viel, was nicht schon tausend mal hin- und hergewälzt wurde, habe ich nicht wirklich gefunden. Besonders bei „Special“ (die Folge mit der geilsten deutschen Titelübersetzung überhaupt: „Eisbär“ – kauft euch mal ein Wörterbuch, ihr Pfeifen!) hab ich zu meiner eigenen Überraschung ausgesprochen wenig notiert, was auch daran liegen könnte, dass ich der Folge zugegebenermaßen nicht sehr aufmerksam gefolgt bin. Nichtsdestotrotz steigen wir mit „Special“/„Eisbär“ ein:

Die Episode dreht sich, wie zumindest der Originaltitel andeutet, um das kleine Wunderkind Walt. Er ist aber nicht das erste „Wunderkind“, das auf diese Insel kommt und Probleme mit seinem Vater hat. „He's been through more than most people in their entire lifetimes. Maybe you haven't spent enough time with him to see it, but he's different.“ („Er hat mehr durchgemacht als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben. Vielleicht hast du es noch nicht realisiert, weil du nicht genug Zeit mit ihm verbringen konntest, aber er ist anders.“) Hätte man das nicht genauso gut über Ben sagen können? Würde das nicht Bens und Jacobs Interesse an Walt erklären: er ähnelt Ben in vielen Punkten – willensstark, intelligent, rebellisch, introvertiert. Beide haben ihre Mutter verloren, kommen mit ihren strengen Vätern nicht aus (okay, man kann Michael nicht mit Roger gleichsetzen, denn der war einfach ein niederträchtiger Bastard), sind als Kinder auf die Insel gekommen und suchen sich dort andere Vaterfiguren – Jacob bzw. John. Unter Umständen wurde Walt unter anderem auch entführt, um Michael zu testen. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Ben sich in Walt wiedererkennt, bis Juliet ihm das mit den Vögeln zeigt (Mobisode „Room 23“), denn da scheint auch Ben geschockt. Erkennt er hier in Walt ein Potential zum Bösen und ist daher vielleicht auch ganz froh, wenn er ihn wieder los wird? Wird er sich vielleicht gedacht haben: „Also, ich hab ja schon einiges fertig gebracht, aber als 10jähriger hab ich keine Vögel gekillt!“ (anders als gewisse Iraker...)

Da aber auch immer wieder Zweifel an Michaels Vaterschaft auftauchen und Jacob sowohl Walt als auch Ben – und wohl auch Aaron – haben will, wäre es da nicht denkbar, dass sie alle drei seine Söhne sind? Der biblische Jakob ist ein Patriarch. Wäre doch möglich, dass unser Jacob in jeder Generation einen Sohn zeugt, der später zum Anführer wird bzw. vielleicht auch mehrere Söhne, die er dann testet und Walt hat diese Tests nicht bestanden. Ben sagt später einmal: „...but we got more than we bargained for when Walt joined us, so I suppose this is what's best.“ („...aber wir bekamen mehr als das, womit wir gerechnet haben, als Walt uns beitrat, daher vermute ich: es ist das Beste so!“ – klingt etwas anders als die Deutsch Synchro, nicht wahr? ;-) ). Auf was sind sie gestoßen, womit sie nicht gerechnet haben? Für diese und ähnliche Überlegungen werden wir wohl noch genug Zeit haben, wenn Walt erst einmal entführt wurde... klingt ein bisschen zynisch, ich weiß.

Zu Beginn der Folge sucht Michael seinen Sohn mal wieder und findet ihn bei Locke und Boone bei Messerwurfübungen. Oh, apropos: Liebe Kinder, bitte nicht zu Hause nachmachen! Jagdmesser sind keine Spielzeuge! Interessanterweise ist auch hier mal wieder Vincent anwesend – wie so oft, wenn merkwürdige Dinge passieren. Am Ende kommt noch raus, dass Vincent auch eine Gestalt von sonst wem ist – der Schatten in der Hütte sah für mich immer schon aus wie ein Werwolf bzw. Werköter^^. Michael ist mal wieder sauer auf Locke und „seinen Jungen“. Wir sehen: der alte Glatzkopf schart fleißig seine Jünger um sich: Charlie, Boone, Walt! Dennoch respektiert er Michaels Wunsch und verteidigt Michael sogar gegenüber Walt. Es wundert schon, dass Locke auch positiv über Väter im Allgemeinen spricht, wenn man bedenkt, was er mit seinem erlebt hat.

Michael will zumindest runter von der Insel, weil er nicht zulassen möchte, dass sein Sohn dort aufwächst, und beginnt mit dem Floßbau: „No, man, this us taking control of our destiny.“ („Nein, Mann, wir nehmen unser Schicksal selbst in die Hand.“) Gegenüber Locke wird Michael immer paranoider. Aber das ist wohl nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass er zehn Jahre lang darum kämpfen musste, Zeit mit seinem Sohn verbringen zu dürfen. Michael hat einfach Angst, dass Locke ihm Walt genauso wegnimmt wie einst Susan. Wo wir gerade bei Susan Lloyd sind: Was für ein eiskalt berechnendes Miststück! Es geht mir nicht in den Schädel, wie ein Mensch so egoistisch und falsch sein kann. Das Schärfste war ja, als sie Michael vorhält, er würde nur um Walt kämpfen, weil er ihn bei sich haben will und nicht weil es das beste für Walt wäre. Pack dir mal an die eigene Nase, du dumme Gans! Die lügt und hintergeht, wenn sie nur den Mund aufmacht und tut dabei als könnte sie kein Wässerchen trüben. Dabei sorgt sie dafür, dass Michael immer klein bei gibt. Die Folge: Als er dann doch vor Gericht zieht, wird ihm alles negativ ausgelegt – die bezahlte Krankenhausrechnung, dass er nicht eher tätig wurde usw.. Betrug und Verrat ziehen sich wiedereinmal wie ein roter Faden durch diese Folge.

Aber auch ein anderes Thema, das in der nächsten Folge im Mittelpunkt steht, spielt hier eine Rolle: Die Verantwortung, die man hat, wenn man für jemanden sorgen will/muss. Brian entzieht sich dieser Verantwortung und schiebt Walt zu Michael ab. Der muss nun auf der Insel lernen, Vater zu sein. Viele Charaktere bei „Lost“ fühlen sich für andere verantwortlich oder wollen gar für sie verantwortlich sein und für sie sorgen: Boone glaubt, auf Shannon aufpassen zu müssen; John und Jack fühlen sich für all ihre Leute verantwortlich und werden es so auch; Charlie will Claire beschützen, die ihrerseits später für Aaron sorgen muss, womit Claire wiederum etwas mit Michael gemein hat: beide sind tatsächlich für jemanden verantwortlich. Sowohl Michael als auch Claire werden von der Insel in ihre Elternrolle gezwungen. Anders verhält es sich wiederum bei Ben oder Kate, die sich bewusst dafür entscheiden, für Alex bzw. Aaron zu sorgen. Damit wären wir auch beim Thema Adoption angelangt: Alex wurde von Ben adoptiert; Susan überredet Michael dazu, dass Brian, der wiederum selbst dazu gedrängt wurde, Walt adoptieren kann; Aaron sollte bereits vor dem Flug Adoptiveltern übergeben werden und landet am Ende bei Kate; John durchwanderte sogar mehrere Pflegefamilien; James wuchs vermutlich ebenfalls bei Adoptiveltern oder Verwandten auf und so weiter und so fort... . Die Liste ist lang.

Kommen wir nun zu dem immer wieder diskutierten Thema: Walt und der Comic. Ich weiß, was ihr jetzt denkt: „Kommt jetzt wieder die Story mit dem manifestierten Bruder von Knut?“ Nein, zumindest noch nicht. Walt nutzt den Comic als Zerstreuung und als er sagt, ihm würden die Bilder gefallen, beginnt Michael, auf ihn einzugehen. Die beiden haben endlich einen Berührungspunkt gefunden und umso tragischer ist es doch, dass Susan Walt die Karten von Michael vorenthalten hat. Doch als Walt sich wieder sperrt und signalisiert, dass er seinerseits nicht bereit ist, auf seinen Vater einzugehen, nimmt Michael den Comic und wirft ihn ins Feuer. Schon komisch, was in dieser Serie so alles ins Feuer geworfen wird: Comics, harte Drogen, teppichknüpfende Pseudogötter, die gerne Schokoriegel, Lunchboxen, Gitarrenkoffer und Kugelschreiber verschenken. Man verbrennt Hütten, zündet VW-Busse an und bringt ganze Schiffe, Häuser, U-Boote, Luken, Zelte und sogar Naturkundelehrer zum explodieren. Feuer ist ein allgegenwärtiges Element bei „Lost“ und wird vor allem von einer Gruppe vorwiegend genutzt: Jacobs Gefolge. Die Anderen bevorzugen Fackeln und Petroleumlampen statt Taschenlampen und greifen das Strandlager mit Brandpfeilen an. Jacob selbst stirbt (vermutlich) im Feuer und doch lebt er ständig in dessen Schein unter der Statue. In der Hütte wird Bens Laterne umgestoßen und auch hier entbricht ein Feuer. Feuer hat in der Mythologie oft nicht nur zerstörenden Charakter. Feuer ist Leben, Fortschritt. Jacob bringt die Menschen zur Insel, wie Prometheus ihnen einst das Feuer brachte und beide wurden von ihresgleichen dafür verachtet und bestraft. „Samuel“ kritisiert den destruktiven Charakter der Menschen und Jacob erwidert: „Es endet nur einmal. Alles, was bis dahin passiert ist nur Fortschritt!“ Die Geschichte hat uns gelehrt, dass der Fortschritt stets auch mit Opfern einhergeht: Ob man nun Dampfmaschinen baut und so die Industrialisierung einläutet oder Atome spaltet. Ich glaube auch nicht, dass Jacob – wie Ben einst behauptete – Technologie hasst. Wenn dem so wäre, würde er kaum Taxi fahren und Automaten benutzen. „Samuel“ hingegen verachtet den Fortschritt höchstwahrscheinlich – „Samuel“ ist Zeus und Jacob ist Prometheus, der den Göttern das Feuer stahl, um es den Menschen zu geben. Weitere mythologische Aspekte des Feuers würden den Bezug zu Jacob nur bestärken: spirituelle Reinigung, Wiedergeburt und Leben, Abwehr gegen Dämonen, Wegweiser und Lichtspender.

Zurück zu „Special“: Walt haut später erneut von seinem Vater ab und Vincent bemerkt irgendetwas im Dschungel und sucht das Weite. Man könnte mutmaßen, er sei vor dem Eisbär geflohen, aber wir reden hier ja von Vincent und dieser Hund macht nichts ohne Hintergedanken. Später findet Walt sich dann tatsächlich Auge in Auge mit dem Eisbär und sucht dort Schutz, wo man auch vor dem Monster am besten Schutz sucht: Die Wurzeln von Banyan-Feigen. Ich denke nicht, dass Walt irgendetwas manifestiert hat oder hätte manifestieren können. Ich glaube viel eher, dass er dazu in der Lage ist, Tiere anzulocken, wenn er wütend ist und an sie denkt: das war bei den Vögeln bei Raum 23 so, das war bei dem Kuckuck in Australien so und auch hier ist es nicht anders.

Da ich nun gerade bei dem Bronzekuckuck bin, erst etwas zu dem und dann zu den anderen Rückblenden. Schon komisch, dass Walt ausgerechnet einen Kuckuck wählt oder? Ein Vogel, der seine Eier in fremde Nester legt und die Eltern ausnimmt, während er die anderen Küken aus dem Nest schubst. Ich denke: Da könnt ihr euch selbst einen Reim drauf machen ;-).

Was ich in den Rückblenden dieser Episode sonst noch ganz interessant fand, war Michaels Unfall, der frappierende Ähnlichkeit mit Nadias Tod hat. Abgelenkt, das Auto kommt und es knallt.

Kommen wir zu Claire und schlagen somit auch direkt die Brücke zu „Heimkehr“. Charlie hat Claires Tagebuch und liest daraus vor: „I had that weird dream again, the one with the Black Rock I can't get away from. I try to leave it but it won't let me." („Ich hatte wieder diesen merkwürdigen Traum – den mit der Black Rock/ dem Schwarzen Felsen, von der/dem ich nicht entfliehen kann. Ich versuche zu entkommen, aber es lässt mich nicht!“) Warum hat sie diesen Traum? Ich stelle jetzt mal wieder eine gewagte Theorie auf: Claire war an Bord der Black Rock. „You'll find me in the next life, if not in this one.“ Ist ein häufig auftauchender Satz in „Lost“ und Claire kann von der Black Rock eigentlich nur aus einem früheren Leben wissen. Ebenso wie auch John das Rauchmonster malte ohne je zuvor auf der Insel gewesen zu sein. Die Black Rock war ein Sklavenschiff – „I try to leave it but it won't let me.“ Warum sonst sollte man uns die Geschichte um die Black Rock so lange vorenthalten, wenn an Bord nicht irgendetwas passiert wäre, was die Lösung beinhaltet. Bringt Jacob vielleicht sogar wieder und wieder die selben Menschen zur Insel?

Locke und Boone suchen jedenfalls mal wieder nach etwas und finden das, wonach sie aufgehört hatten zu suchen: Claire. Es ist schon bemerkenswert, dass Vincent selbst dann Menschen irgendwohin führen kann, wenn er gar nicht da ist. Und plötzlich sind wir auch schon in der nächsten Episode: „Heimkehr“/“Homecoming“ und Claire ist mal wieder Homecoming-Queen (Achtung! Insider für „Heroes“-Fans^^). Sie kann sich an nichts erinnern, was im Stab passiert ist und wird auch darüber im Dunkeln gelassen, dass Ethan droht jeden Tag einen der Überlebenden zu töten. Als Scott am nächsten Morgen tot am Strand liegt, scheint der Fall klar. Aber er ist er es? Haben wir irgendeinen Beleg dafür, dass Ethan Scott tatsächlich getötet hat? Das einzige, was dafür spricht, ist Ethans Drohung, die er aus der Verzweiflung heraus äußert, dass er Claire und vor allem ihr Baby eigentlich retten möchte. Für die Losties gilt eh’ schon: „Ethan is the bad guy!“ („Ethan ist der Böse!“) Doch wie hätte er sich den Losties unbemerkt vom Meer aus nähern können? Möglichkeit eins: Er hat das Motorboot genommen – unwahrscheinlich, weil das eigentlich zu laut ist, um nicht gehört zu werden, wenn die Losties ohnehin schon in Alarmbereitschaft sind. Möglichkeit zwei: Galaga – die ist zwar lautlos, käme aber an den seichten Strand kaum nahe genug heran. Außerdem kann ein U-Boot unmöglich alleine bedient werden. Wir müssen aber davon ausgehen, dass Ethan ohne Rückendeckung operierte, denn seine Verzweiflung rührt auch von dem Druck, den Ben ihm macht. Möglichkeit drei: er ist geschwommen oder hat ein Kanu benutzt. Scheint mir noch am wahrscheinlichsten, dürfte aber zeitlich eng geworden sein. Etwas anderes macht Ethan als Täter aber viel unwahrscheinlicher: „His neck was broken, his arms, all the bones in his fingers.“ („Sein Genick ist gebrochen, seine Arme, jeder einzelne Knochen in seinen Fingern!“) Wie soll ein einzelner Mensch das fertig bringen, ohne dabei bemerkt zu werden? Der von Hurley in den Raum geworfene Unfall ist natürlich noch viel unwahrscheinlicher. Aber kennen wir nicht jemand oder vielmehr etwas, das sich theoretisch fast lautlos bewegen könnte und Knochen zerschmettert und bricht wie Zahnstocher? Alles ist so darauf ausgelegt, in den Anderen die Bösen zu sehen, dass man sich doch fragen muss: kommt nicht ein anderer Täter in Frage? Bislang hat sich jede feindselige Handlung der Anderen aus anderen Notwendigkeiten heraus als nachvollziehbar, wenn nicht gar vertretbar, herausgestellt. Doch der Mord an einem völlig unbeteiligten, unschuldigen Mann passt in keinster Weise in ihr Muster. Die Anderen ziehen Täuschung, Einschüchterung und Manipulation dem offenen Einsatz von Gewalt immer vor und in dieser ersten Staffel wird uns mehr als einmal suggeriert, die Anderen hätten versucht einen Losties zu töten oder ihn gar tatsächlich umgebracht, ohne dass dafür irgendein Beweis erbracht würde. Der einzige Mord eines Anderen an einem der Überlebenden, der aus kalter Berechnung heraus begangen wurde, war der Mord Goodwins an Nathan. Natürlich ist es gut möglich, dass Ethan getan hat, was man ihm anlastet und vielleicht wurde er auch genau deswegen von Ben fallen gelassen und erhielt keine Rückendeckung. Doch ich denke: es gibt begründete Zweifel daran, zumal man dem Zuschauer suggerieren wollte die Anderen seien „die Bösen“. Die Handlung um Claires Entführung hat sich mittlerweile Großteils als Mindfuck herausgestellt. Deshalb sollte man am Rest auch seine Zweifel haben.

Nachdem Scott tot ist, will Jack nun doch die Waffen nutzen. Vorher hatte er noch ein verdammt gutes Argument dagegen: „I am not putting guns in untrained hands.“ („Ich werde keine Waffen in ungeübte Hände legen!“) Welche ungeübten Hände? Johns? Sayids? Sawyers? Kates? Oder seine eigenen? Jack ist nämlich der einzige, der eine Waffe kriegt, ohne damit umgehen zu können! Claire erfährt als einzige von nichts und wird in der Gruppe zur Aussätzigen, bis Shannon sie einweiht. Aber eine junge Frau, die wie Sayid es nennt „very pregnant“ („sehr schwanger“) ist, muss man natürlich mit Samthandschuhen anfassen. Für mich bleibt da nur eine Frage offen: „Sayid! Wie kann man...also eigentlich ja Frau... wie kann Frau ‚sehr schwanger’ sein?“

Claire meldet sich also freiwillig als Köder und wir wissen alle wie das ausgeht. Aber auch hier muss man ein wenig auf die Details achten, denn die werfen einige Fragen auf: Jack geht alleine auf Ethan los. Warum ist Jack Ethan plötzlich so haushoch überlegen? Bei ihrem letzten Faustkampf hat Ethan den Waldboden mit Jack aufgewischt. Brüllt Sayid deswegen ständig „We want him alive?“ („Wir wollen ihn lebend?““), weil er nicht aus der Übung kommen möchte? Und wieso gehen sie dieses Risiko ein, wenn John schon zu Beginn der Folge mutmaßte „What if Ethan isn’t alone?“ („Was wenn Ethan nicht alleine ist?“).

Gucken wir uns jetzt noch mal die Rückblende an. Wiedereinmal geht es um gezielte Manipulation und Betrug. Doch Charlie hat Probleme eine Aktion durchzuziehen, die so niederträchtig ist, dass man sie allenfalls Anthony Cooper zugetraut hätte. Für mich ist die interessanteste Figur in der Rückblende allerdings Lucys Vater, Francis Heatherton, der Charlie nicht nur einen Ausweg zeigt, sondern ihm – ohne es zu wissen – ins Gewissen redet: „Well, I was married, Lucy was on the way. Her mom, god rest her soul, wanted me to keep trying, but I was wanting to be more practical, responsible, I guess. You know, a man has to provide, take care of his family. A man has to think about the future.“ („Nun, ich war verheiratet, Lucy war unterwegs. Ihre Mutter, Gott schütze sie, wollte, dass ich am ball bleibe, aber ich wollte etwas praktischeres, verantwortungsvolles machen, denke ich. Weißt du, ein Mann hat sich einzubringen, für seine Familie zu sorgen. Ein Mann muss an die Zukunft denken.“) Außerdem dachte ich: Könnte Francis Heatherton nicht unser Ökonom sein? Er ist wertkonservativ und altmodisch, Europäer, vermögend und vor allem: bislang nur einmal aufgetaucht. Denn Charles Widmore oder Paik hinter dem Ökonomen zu vermuten, halte ich doch für etwas billig. Wie gesagt: Nur so eine Eingebung^^

Der letzte Satz aller Rückblenden dieser Folge sollte auch noch Erwähnung finden: „You'll never take care of anyone!“ („Du wirst niemals für irgendwen sorgen!“) Danach sehen wir Losties – vor allem Paare – die einander im Arm halten oder sonst irgendwie ihre Sorge umeinander bekunden. Die Szene schließt mit Claire, die in Charlies beisein einschläft.