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Montag, 26. Oktober 2009

Okay, check this out. This is track 2. It's called...Sorry. It's called "Monster Eats the Pilot".

Tag 32 – 23.10.2009:

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe schon aus der ersten Szene eines gelernt: Evangeline Lilly sieht mit blonden Haaren einfach dämlich aus, auch dann wenn sie sich Joan Hart nennt und auf Marion Crane macht. Okay, jetzt wissen die meisten unter 42jährigen nicht, wer Marion Crane ist. 1960 gab es diesen schönen Film „Psycho“ der für mich, bis „Lost“ kam, noch immer der Inbegriff von Spannung war. Die komplette Eröffnungssequenz ist eine Hommage an diesen Klassiker. Gerade die Musik gibt dem Ganzen eine gewisse Hitchcock-Note und, um das noch mal zu unterstreichen, heißt dieses Musikstück auf dem Soundtrack auch „Kate’s Motel“ – in Anlehnung an Bates’ Motel in „Psycho“. Kate bekommt im Motel dann diesen ominösen Brief ausgehändigt, von dem wir bis heute nicht wissen, wer ihn geschrieben hat und es gibt da wohl nur drei Möglichkeiten: Cassidy, Jacob (also Anonym) oder ein uns unbekannter Charakter. Denn Diane wollte Kate nicht sehen, als sie im Krankenhaus war und Tom war von Kates Kommen zu überrascht, um davon zu wissen, dass Kate über die Erkrankung ihrer Mutter in Kenntnis gesetzt wurde.

Mit Diane haben wir also mal wieder jemanden mit Krebs. Falls ihr die Liste nicht mehr parat habt: Benjamin Linus (Tumor an der Wirbelsäule, operiert), Rose Nadler (nicht näher benannt, aber eigentlich als unheilbar angesehen, bis sie auf die Insel kommt), James’ Onkel (Gehirntumor, ist daran gestorben), Rachel Carlson (vermutlich Eierstock- oder Gebärmutterhalskrebs, angeblich von Jacob selbst geheilt) und jetzt halt Diane Janssen.

Aber – ihr habt es teilweise wohl schon gelesen – mich hat eine ganz andere Szene in dieser Folge begeistert: Tom und Kate graben die Zeitkapsel aus. Jetzt wäre natürlich schon das Projekt an und für sich einer Analyse wert und die kommt auch noch, aber mich fesselte vor allem die Kapsel selbst. Einem inneren Impuls folgend hielt ich die Szene an, als man die Lunchbox, die den beiden als Zeitkapsel gedient hatte, gut sehen konnte. Danach lief ich zum PC und legte die auf DVD kopierte Aufnahme von „Der Vorfall“ ein. Und siehe da: meine Spürnase mag zwar ständig zusitzen und nasensprayabhängig sein, aber in Sachen „Lost“ versagt sie nur selten. Es ist eindeutig die selbe Kiste, die Jacob Kate „geschenkt“ hat. Ich war bestimmt nicht der einzige, der sich gefragt hat: Wieso taucht er in Kates Leben ausgerechnet da auf? Bei allen anderen waren es Schlüsselmomente des Lebens. Jacks erste eigene OP: er hat seine Angst besiegt mit einem Trick von seinem Vater, den er später Kate erzählen wird. Jacob gibt ihm einen Rat und einen Schokoriegel. James schrieb jenen Brief, der ihn auf die Insel brachte, mit Jacobs Stift. Jin und Sun werden von Jacob auf ihrer Hochzeit besucht, Ilana im Krankenhaus, Hurley, ehe er auf die Insel zurückkehrt. Sayid trifft auf Jacob im schlimmsten Moment seines Lebens. Aber Kate? Eine gestohlene Lunchbox? War dieser Moment wichtig, weil Kate hier das erste mal das Gesetz brach und mit einem blauen Auge davon kam? Vielleicht auch das. Aber die Box selber ist wohl viel wichtiger. Wie bei Jack, James und Hurley wechselt hier ein Gegenstand den Besitzer, ohne dass er Jacob wirklich lange gehört hätte. Diese Lunchbox festigt die Freundschaft zwischen Tom und Kate: sie bauen die Zeitkapsel und graben sie Jahre später wieder aus. Was ist in der Zeitkapsel? Ein Baseball, ein Baseballcap, viel anderer Kleinkram und... das Flugzeug, Toms Flugzeug, „the one thing in the whole world that Kate does care about“ („...das einzige auf der ganzen Welt, das Kate etwas bedeutet“). Dieses kleine Flugzeug zieht sich wie ein roter Faden durch die Folge. Natürlich ist es ein Flugzeug. Die Autoren hätten auch ein Auto nehmen können, doch die stürzen eher selten auf Inseln ab und können deshalb nicht so gut in den Sand gelegt werden, wenn man mehrdeutige und obendrein melodramatische Einstellungen drehen will. Aber überhaupt eine Zeitkapsel zu basteln, hat schon etwas symbolträchtiges. Eigentlich sind solche Kapseln nicht dazu gedacht, dass man sie selbst wieder ausgräbt, vielmehr sollen sie ein Zeugnis der eigenen Existenz für spätere Generationen sein – „Wir sind Kate und Tom und haben einmal hier gelebt!“. Aber Kate und Tom graben sie selbst wieder aus, blicken auf ihre Vergangenheit zurück und stellen fest: „Funny how things turn out, huh?“ („Komisch wie sich alles entwickelt hat, hä?“). Irgendwie ist aber doch vieles in „Lost“ wie diese Zeitkapsel: ein Zeugnis der Vergangenheit, auf das man hinab blickt und denkt: „Kaum zu glauben, dass alles mal so angefangen hat.“

Im Wagen küsst Kate Tom und entschuldigt sich dafür – wie später auch bei Jack, nachdem sie ihn im Dschungel geküsst hat. Tom hilft Kate ihre Mutter zu sehen, doch das alte Hexenweib ruft die Cops, als sie Kate erkennt. Was zur Hölle ist das für eine Mutter, die ihre eigene Tochter dafür, dass sie ihr helfen wollte, ans Messern liefern will, wenn sie sich um sie sorgt? Kate hat einen Fehler gemacht, einen grausamen Fehler. Doch eigentlich sollte ihre Mutter doch die erste sein, die ihr das verzeiht.

Tom macht ebenfalls einen Fehler, einen tödlichen obendrein: er steigt zu Kate ins Auto, als die fliehen will. Ein nervöser, übereifriger Polizist genügt und Tom ist tot. Ehe sie flieht, blickt Kate auf den Rücksitz. Dort liegen die Kassette, der Baseball und das Flugzeug aus der Zeitkapsel. Warum greift sie nicht kurz nach hinten und nimmt das Flugzeug mit? Wieso riskiert sie später so viel dafür? Hier hätte es sie vier Sekunden gekostet, sich einmal lang zu machen und such das Ding zu krallen.

Auch auf der Insel wird darüber nachgedacht, so etwas wie eine Zeitkapsel zu öffnen: Jack, Sayid und John brüten über der Luke. Sayid nimmt von vorneherein das schlimmste an – vermutlich Berufskrankheit. Ohne es zu wissen blicken auch diese drei in gewisser weise auf ihre Vergangenheit, eine Zeitkapsel, die zumindest zwei von ihnen selbst vor dreißig Jahren vergraben haben – zumindest, wenn man davon ausgeht, dass die Explosion den Vorfall und keinen Reset auslöste. Wie eigentlich während der gesamten Folge wird hier schon ein erster kleiner Ausblick auf den Handlungsverlauf des großen Staffelfinales gegeben.

Am Strand wird Kate durch Charlie bewusst gemacht, dass sie auf das Floß muss, wenn sie irgendwie dem Gefängnis entfliehen will. Ich wollte erst schreiben „wenn sie der Gerechtigkeit entfliehen will“, aber wäre das gerecht, was ihr dort widerfahren würde? „That is why the Red Sox never win the series“ – das Leben ist nicht gerecht oder fair. Als sie später wirklich zurückkehrt, kommt sie mehr als gut davon. Dank, dem amerikanischen Rechtssystem und dem Absturz. Dabei hätten ihre einstigen Beweggründe viel eher mildernde Umstände erwirken sollen als ihr späteres Schicksal, obgleich sie objektiv betrachtet dadurch schon genug gestraft war. Für jemanden, der nie lange an einem Ort verweilen kann, für eine ständig getriebene, rastlose Person wie Kate, muss das Gefängnis die größte denkbare Horrorvorstellung sein. Da ist es keine große Hilfe, dass Arzt ordentlich Zeitdruck macht. Sei es nun – wie er in „Tropical Depression“ behauptet – eine bloße Erfindung oder nicht, die Sache mit dem Monsun sollten wir uns noch mal anschauen: Die Mobisode „Tropical Depression“ diente vor allem als Erklärung dafür, dass der Monsun ausblieb, obwohl Arzt ihn prognostizierte. Dabei wäre nach Staffel 5 eine andere Erklärung soviel naheliegender und eleganter gewesen: Laut Eloise Hawking ist die Insel immer in Bewegung. Vermutlich ist die Antarktis schon gar nicht mehr das einzige Festland südlich der Insel. Nachdem Desmond die Insel verlassen hat, bewegt sich die Insel in weniger als drei Wochen so weit nach Westen, dass er wieder auf ihr strandet. Wer kann da schon sagen, ob die Insel überhaupt noch im Südpazifik ist? Sie könnte ebenso gut gerade im Nordatlantik sein – keiner weiß das, weil sie nun einmal nicht statisch ist und ihre Position scheinbar willkürlich ändert.

Kate will also um jeden Preis Sawyers Platz auf dem Floß und beginnt ihn gegen Michael auszuspielen. Sie hätte wissen müssen, dass sie sich da mit dem Falschen anlegt. James Ford ist eindeutig eine Nummer zu groß für Kate Austen – zumindest, wenn sie versucht ihn auszustechen, ihn durch Betrug und Manipulation zu schlagen. Außer Ben hat das noch keiner geschafft und es wird vermutlich auch nie ein anderer schaffen. Kate droht Sawyer und es ist diese Drohung, die ihr am Ende selbst schadet – alles eine Frage von Ursache und Wirkung. Oft sind es so unbedachte Kleinigkeiten, die große Wellen schlagen. Ein Satz, eine kleine Schutzbehauptung oder Notlüge kann alles verändern. Das haben wir bei „Lost“ oft genug erlebt.

Es ist Walts Griff zur falschen Wasserflasche, der Michael krank werden lässt. Walt sucht Locke auf, will, dass Locke weiß, dass er Michael nicht vergiftet hat. Als Locke Walt berührt, erschrickt dieser: „Don't open it, Mr. Locke! Don't open that thing!“ („Öffnen Sie es nicht, Mr. Locke! Öffnen Sie nicht dieses Ding!“). Was hat Walt gesehen, das ihn so erschreckte? Meinte er überhaupt die Luke? Man geht natürlich davon aus, dass Walt die Luke meint und am Ende der Episode die Insel aus diesem Grund unbedingt verlassen will (Michael: „Hey, it's okay, man. We can stay here, you and me. We don't have to go.“ – Walt: „Yes, we do.“; Michael „Hey, ist okay, Mann. Wir können hier bleiben, du und ich. Wir müssen nicht gehen.“ – Walt: „Doch, das müssen wir.“). Doch nichts, was Locke in der Station gefunden hätte, würde diese Reaktion wirklich rechtfertigen. Es gibt so viel anderes, das Walt hätte meinen können: die Tür zur Hütte, die Luke zur Perle und eine Menge anderer Türen und Luken oder gar eine Kiste, einen Koffer oder einen Tresor. Vermutlich meint er die Luke zum Schwan, aber wir sollten bei eher prophetischen Äußerungen, die obendrein derart vage sind, stets ins Betracht ziehen, dass etwas völlig anderes gemeint ist als das Offensichtliche, unter Umständen sogar etwas, von dem wir noch gar nichts wissen. Später sagt Walt, als er Shannon im Dschungel erscheint, rückwärts: „Don’t push the button“ („Nicht die taste drücken“). Es würde also passen, doch so unheilvoll Station und Taste wirken, so schützen sie doch in Wahrheit eher vor noch viel größerem Schaden als allem, was sonst in der Serie passiert wäre.

Walt ist auch der einzige, der am Ende dieser Episode sein Schweigen bricht und seinem Vater beichtet, das erste Floß angezündet zu haben. Kate hingegen gesteht zwar, was eh’ nicht mehr zu leugnen war, behält aber für sich, dass sie weiß, wer Michael wirklich vergiftet hat. Aber Kate ist an dieser Bloßstellung durch James selbst alles andere als unschuldig. Nicht nur, dass sie James herausgefordert hat, nein, Kate selbst hat Sun überhaupt erst auf die Idee gebracht, das Wasser zu vergiften. Sun hätte Kate durch eine eigene Beichte helfen können und tut es nicht. Jack wusste ebenfalls, was Sun getan hatte, aber nicht was Kate damit zu tun hatte – auch Jack schweigt. Da weiß man schon nicht mehr, wer hier eigentlich am verwerflichsten handelt. Für meine Begriffe eigentlich Sun, die Kates abgedrehten Rat annimmt und das Wasser vergiftet. Ziemlich feige Methode Jin am Gehen zu hindern und obendrein keine sonderlich sichere, wie sich zeigt. Sun nimmt also nicht nur in Kauf ihrem Ehemann zu schaden, anstatt offen mit ihm zu reden, sondern auch, dass unbeteiligte Dritte zu Schaden kommen. Man stelle sich nur vor, Walt hätte aus der Flasche getrunken – für einen erwachsenen Mann mag die Dosis nicht tödlich gewesen sein, aber für einen zehn Jahre alten Jungen? Wir wissen ja nicht, was Kate genau vorgeschlagen hat, denn eine so feige Handlung trägt sehr viel mehr Suns Handschrift. Natürlich hat Kate nicht uneigennützig gehandelt, denn wäre Jin wirklich zurückgeblieben, hätte Kate seinen Platz auf dem Floß bekommen. Warum hätte sie Sun also raten sollen, mit ihm zu reden, so wie Jack es tut. Auf diesem Wege hätte Kate zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können: Sun und sich selbst helfen.

Ganz interessant ist in dem Zusammenhang auch die Reihenfolge wie die Hauptakteure dieser Folge von der Vergiftung erfahren: Walt, der Michael die Flasche gab, rennt in Richtung Höhlen, um Jack zu finden, und stößt dabei auf Kate und Sun im Kräutergarten. Kate schickt Sun und Walt zu Michael zurück und geht selbst zu den Höhlen, um Jack zu holen. Schaden, den man anderen zufügen will, erweist sich in dieser Serie immer öfter als Bumerang – es kehrt auf die eine oder andere Weise zu ihnen zurück. Und wer andern eine Grube gräbt... hat ein Grubengrabgerät oder heißt Ana-Lucia. Oder so ähnlich... .

Nur eine Frage bleibt am Ende unbeantwortet im Raum stehen: „Why is it so important for you to be on that raft?“ „Warum ist es für dich so wichtig, auf diesem Floß zu sein?“) ich weiß: Sawyer beantwortet die Frage. Doch kann das wirklich alles sein? Es gibt keinen Grund zu bleiben. Sind das Erklärungen, mit denen man sich zufrieden geben sollte? „Eye, ‚Samuel’, warum willst du Jacob umbringen?“ – „Warum nicht?“ ODER „Wieso hast du noch mal die Dharma auslöschen lassen, Charles?“ – „Ich hatte Langeweile und wir hatten keine Fernseher.“

Sawyer muss einen anderen Grund haben, die Insel verlassen zu wollen, denn genauso wenig wie es etwas gibt, das ihn dort hält, gibt es etwas, das ihn anderswo erwarten würde.